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Harley-Davidson Project LiveWire im Fahrbericht Harleys Elektro-Bike

Mit Project LiveWire startet ausgerechnet der Gralshüter des Verbrennungsmotors einen elektrischen ­Versuchsballon. Keine Serie, noch nicht käuflich, aber ziemlich fertig und hoch spannend. Erste Fahreindrücke von einer speziellen Präsentation.

Harley-Davidson, das ist V-Twin. Seit Generationen. Mächtig Hubraum, sattes Blubbern und seelenmassierende Vibrationen gehören zur Harley wie Schmelzkäse, Bacon und Zwiebelringe zum Hamburger. So war es, und so soll es bitteschön auch bleiben.

Doch die Zeiten ändern sich. Nach Jahren des weltweiten Erfolgs stagniert der Absatz bei Harley-Davidson. Wer eine hat, der hat sie meist lange. Das spricht für die Marke und ist eigentlich eine gute, nachhaltige Sache. Aber eben schlecht fürs Geschäft. Das weiß man auch in Milwaukee, und deshalb müssen neue Modelle für neue Kunden her. Harley-Davidson Street 500 und 750 sollten es im Weltmarkt richten, aber schon seit geraumer Zeit denkt man auch in eine völlig neue, unerwartete Richtung.

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Aktuell touren rund 50 Prototypen um den Globus

Als dann erste Videos und Ankündigungen einer elektrischen Harley-Davidson die Runde machten, waren viele verblüfft, und manch alteingesessener Harley-Jünger dürfte die Stirn in Falten gelegt haben. Schließlich bricht der Elektroantrieb völlig mit den Cruiser-Kernkompetenzen von Hubraum, Sound und ­Vibrations. Ziemlich mutig jedenfalls, dass ausgerechnet Harley-Davidson diesen Vorstoß unternimmt, halten sich die etablierten Motorradhersteller beim Thema Elektro doch auffällig zurück, sieht man einmal von Nischenprodukten wie dem Elektroroller BMW C Evolution und KTM Freeride-E ab.

Damit keine Missverständnisse aufkommen – LiveWire ist kein Serienfahrzeug. Vielmehr touren die aktuell rund 50 Prototypen um den Globus, um bei Probefahrten Feedback von Journalisten, Händlern und wenigen handverlesenen Bewerbern einzuholen. Ein kleiner Zeh im kalten Wasser des Elektromarktes, wenn man so will. Nicht weltbewegend, aber immerhin weit mehr, als man diesbezüglich von fast allen anderen Herstellern sieht.

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LiveWire wirkt sehr stimmig und elegant

Nun also gastiert die „Experience LiveWire“-Tour am Hockenheimring. Erstkontakt. Die LiveWire mag zwar auf den ersten Blick mit LED-Licht und eigenwilligen Rückspiegeln sowie dem rauen Leichtmetall-Gussrahmen futuristisch wirken. Wenn man aber bedenkt, dass den Designern bauartbedingt bei einem Elektromotorrad weitaus größere Freiheiten offenstehen als bei einem Verbrenner (wie einige Kleinstserien eindrucksvoll zeigen), erscheint das Design fast zurückhaltend. In natura jedenfalls wirkt die LiveWire sehr stimmig und elegant – und bis ins Detail durchkonstruiert. Hier ist nichts mit rustikalem Vorserien­charme. Ungewöhnlich: Der Motor liegt längs im Fahrzeug, wodurch er sich schön in Szene setzen lässt. 

Der gedrungene optische Eindruck bestätigt sich beim Aufsitzen, der Einsitzer baut schön schmal und kompakt. Sitzposi­tion und Ergonomie erinnern ein wenig an die Harley-Davidson Street 750, sind also für eine Harley auf der sportlichen Seite. Schmale Tank­attrappe (unter ihr verbirgt sich die wassergekühlte Leistungselektronik), schmaler, nach vorne gerückter Lenker, mittige Fußrasten – damit ist die LiveWire von Harley-Davidson eher ein kleiner Powercruiser als Highway-Gleiter.

Ladezeit soll 3,5 Stunden betragen

Anlassen erübrigt sich. Wir stellen auf „Run“, der als Cockpit fungierende Touchscreen erwacht zum Leben. Zwei Fahrmodi stehen zur Verfügung, im Range-Modus soll die Reichweite 85, im Power-Modus etwa 60 Kilometer betragen. Harley-Davidson macht keine Angaben über die Kapazität der Akkus, wohl auch im Hinblick auf eine zu erwartende gesteigerte Reichweite bei einer etwaigen Serienproduktion.

Die Ladezeit soll 3,5 Stunden betragen. Wir wählen den Power-Modus, halten den Startknopf, der Stromer ist fahrbereit. Weil der LiveWire-Terminplan prall gefüllt ist, gibt es nicht mehr als eine kleine Fotorunde auf den Zufahrtssträßchen um den Hockenheimring, die Fahreindrücke sind also genau so vorläufig wie das Motorrad selbst.

Kalibrierung des Antriebs her­vorragend gelungen

Die Kalibrierung des Antriebs ist her­vorragend gelungen, der Vortrieb lässt sich perfekt dosieren. Auf den ersten Millimetern noch linear und schön geschmeidig, schießt die LiveWire beim weiteren Aufdrehen des Stromgriffs heftig nach vorne. 74 PS, 70 Nm, das entspricht ziemlich genau den Werten einer Yamaha MT-07. Weil aber der Elektromotor sein maximales Drehmoment ab der ersten Umdrehung liefert, stehen die beeindruckenden Fahrleistungen quasi auf Knopfdruck bereit. Beim Schließen des Gasgriffs bremst der Motor kräftig und gewinnt so Energie zurück. Nach ein wenig Eingewöhnung lässt sich die LiveWire ganz entspannt fast ohne zu bremsen fahren.

Das Fahrwerk der Prototypen ist voll einstellbar, das Setup wurde ziemlich straff gewählt. So bockelt die Elektro über die holprigen Wege um den Hockenheimring. Sie lenkt zwar auch etwas unharmonisch ein, gibt sich aber aufgrund des recht geringen Gewichts von 210 Kilo, das schwerpunktgünstig unten liegt, insgesamt sehr handlich. Die Schräglagenfreiheit reicht aus, ABS und Traktionskontrolle gibt es noch nicht. Und der Sound? Die Einbaulage des Motors erfordert ein Kegelrad zur Umlenkung der Antriebskraft. Dieses ist gerade verzahnt, was ein charakteristisches Heulen erzeugt – und das tönt gar nicht mal so leise. Klingt nicht schlecht, aber natürlich überhaupt nicht nach „Potato, Potato“.

Noch zu früh für ein Fazit

Fazit? Viel zu früh dafür. Immerhin, der erste Eindruck der LiveWire überzeugt. Mit ihr zeigt Harley-Davidson, dass sie Elektro können, wenn sie wollen. Klar, die Reichweite ist derzeit ein Witz, doch bis auf Weiteres teilt sie dieses Schicksal mit der elektrischen Konkurrenz.

Schade, denn egal mit welchen Vorurteilen oder berechtigten Bedenken ob der Praxistauglichkeit man an ein E-Motorrad herangeht – fast jeder, der einmal mit einem gefahren ist, steigt danach fasziniert wieder ab. Die Zukunft lässt wohl noch ein wenig auf sich warten, aber Harley-Davidson zeigt, dass sie mitspielen wollen.

Foto: Harley-Davidson
Ganz untypisch für eine Harley sind der Sound und die fehlenden Vibrationen.
Ganz untypisch für eine Harley sind der Sound und die fehlenden Vibrationen.

Technische Daten

Technische Daten: Harley-Davidson Project LiveWire

  • Drei-Phasen-Wechselstrommotor
  • 55 kW (74 PS) bei 8500/min, 70 Nm
  • Zahnriemenantrieb
  • Leichtmetall-Brückenrahmen ausAluguss
  • Upside-down-Gabel, voll einstellbar
  • Scheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten
  • Gewicht: 210 Kilogramm fahrfertig
  • Radstand: 1486 mm
  • Reichweite: 63 bis 85 Kilometer (Werksangabe)
Foto: markus-jahn.com
Harley-Davidson LiveWire Prototyp.
Harley-Davidson LiveWire Prototyp.

Interview mit Frank Klumpp

MOTORRAD:  Was ist Project LiveWire?

Frank Klumpp: Bei Project LiveWire geht es darum herauszufinden, wie die Leute sich eine elektrische Harley vorstellen. Was erwartet man in puncto Look, Sound und Feel? Uns ist wichtig, von Kunden, Händlern und Presse ganz direkt Rückmeldung einzuholen. Also touren wir mit den rund 50 bisher gebauten Prototypen um die Welt, lassen die Leute damit fahren und fragen dann nach ihrer Meinung. Nach den USA und Südostasien ist die Tour jetzt in Europa zu Gast.

MOTORRAD: Wie sieht diese Rückmeldung bisher aus?

Frank Klumpp: Äußerst positiv. Nach über 7500 Probefahrten stehen mehr als 80 Prozent der Fahrer dem Projekt positiv oder sehr positiv gegenüber. Fast drei Viertel sagen, sie könnten sich vorstellen, eine elektrische Harley zu kaufen.

MOTORRAD: Harley-Davidson ist ja bisher nicht unbedingt als technologieorientierter Hersteller bekannt. Woher kommt jetzt der Elektro-Vorstoß?

Frank Klumpp: Dieses Projekt läuft ja nicht erst seit Kurzem­. Bereits vor vier oder fünf Jahren haben wir an­gefangen, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Wir möchten, dass zukünftige Generationen auch in 30 oder 40 Jahren noch die Möglichkeit bekommen, Motorrad zu fahren. Und da spielt der Elek­troantrieb unserer Meinung nach eben eine wichtige Rolle. Harley-Davidson verschließt sich nicht vor moderner Technologie und Fortschritt. Wir möchten zeigen, dass wir mehr können als den klassischen Vau-Zwei-Cruiser. Der ist natürlich ein wichtiger Teil von Harley, und das ist gut so, aber wir können viel mehr. Wir können auch Innovation.

MOTORRAD: Das bedeutet auch, dass man eine etwas andere Zielgruppe für ein Elektrofahrzeug im Blick hat?

Frank Klumpp: Gut möglich. Hier ist die Kundenschicht ­na­türlich viel breiter, als das bei uns bisher der Fall ist. Aber das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Meiner Meinung nach muss es nicht heißen: entweder Benzin oder Elektro. Die beiden können gut nebeneinander existieren. Ganz ehrlich, als wir die Info bekamen, dass in Richtung Elektroantrieb entwickelt wird, dachte ich als Erstes: Wer braucht eine elektrische Harley? Dann bekam ich die Möglichkeit, LiveWire in Milwaukee auszuprobieren, und da hat sich meine Meinung gewandelt. Wir haben es geschafft, in diesem Fahrzeug Design, Technik und Innovation zu vereinen. Vor allem der Motor hat mich überzeugt. Das Ding macht einfach Spaß. 

MOTORRAD: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die LiveWire so oder so ähnlich als Serienfahrzeug kommt? 

Frank Klumpp: Ob das genau so kommen wird, kann ich derzeit nicht sagen. Ich persönlich würde mich freuen, und wir haben Signale bekommen, dass das Fahrzeug bis 2020 eventuell umgesetzt werden wird. Wann und wie genau, hängt eben auch von der Rückmeldung ab, die wir jetzt bekommen. Wie gefällt das Design? Was sagen die Leute zum Sound? Wie schaut es mit der Reichweite aus, und was darf so was kosten? All das finden wir gerade heraus.

MOTORRAD: Eine recht demokratische Form der Produktentwicklung…

Frank Klumpp: Da haben wir in den letzten Jahren viel gelernt. Vor 15 Jahren wurde ein Motorrad ent­wickelt und in die Schauräume gestellt, das war dann so. Heute sind wir viel näher dran am Kunden. Denn deren Feedback hilft uns dann, ein besseres Motorrad entsprechend den Wünschen der Fahrer zu bauen.

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