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Energica Ego im Fahrbericht Limitiertes Elektro-Bike mit Power

Mit dynamisch heulendem Fahrgeräusch, enormem Drehmoment und piekfeiner Optik beweist die Energica Ego, dass Elektromotorräder durchaus für Emotionen gut sind.

Langsam und hässlich – so sind Elektromotorräder in den Köpfen vieler Motorradfahrer verankert. „Deswegen haben wir gleich einen Supersportler gebaut“, sagt die Ingenieurin Livia Cevolini, Chefin des Herstellers Energica aus Modena. „Unsere Energica Ego ist schnell und schön, wie es sich für ein italienisches Superbike gehört.“ Und professionell gemacht, denn hinter dem neuen Hersteller steht die CRP-Gruppe, ein italienischer Formel 1-Zulieferer, der seinen innovativen Laser-Sinter-Werkstoff Windform für 3-D-Printing nutzt. Weitgehend im 3-D-Druck entstand auch der erste Prototyp der Ego, den MOTORRAD bereits im letzten Jahr fahren konnte.

Inzwischen fährt das Vorserienmodell der Energica Ego, die im nächsten Frühjahr auf den Markt kommt. Mit Komponenten von Brembo, Marchesini, Marzocchi und Öhlins sowie einer Karbon-Verkleidung wirkt sie wie ein normaler, wenn auch exklusiver Supersportler. Im Sattel ändert sich der Wie-gehabt-Eindruck schnell. Das liegt vor allem am ­enormen Dauerdrehmoment von 195 Newtonmetern, das vom Start weg bis 4700/min durchgehend anliegt. Selten war Beschleunigen so prickelnd: Einfach den Hahn aufdrehen, schon zischt die Ego ab wie von der wilden Hummel gestochen. Kein Kuppeln, kein Schalten bremst den Vorwärtsdrang. Einfach nur satter Druck, begleitet von einem tieffrequenten Heulen, das die Entwickler mit Absicht erzeugt haben.

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Stattliches Gewicht von 258 kg

Ein Knackpunkt ist das stattliche Gewicht von 258 Kilogramm. 111 davon gehen auf das Konto der Lithium-Ionen-Batterien, die samt der wassergekühlten Leistungselek­tronik unter der Tankattrappe liegen. Sie treiben den ölgekühlten Elektromotor an, der über der Schwingenlagerung sitzt. In weiten Kurven liegt die schwere Energica Ego wunderbar stabil und lenkt sehr präzise, auf engen Landstraßen wird sie eher störrisch und verlangt viel Kraft. Nicht zuletzt wegen des hohen Schwerpunkts, den der fette Akku-Pack verursacht. Rangieren hingegen ist ein Kinderspiel, denn es gibt nun eine Rückfahrstufe, die am Prototyp im letzten Jahr noch fehlte.

Die Mappings im gut ablesbaren TFT-Cockpit bieten die übliche Wahl zwischen mehreren Fahrmodi. Zudem lässt sich die Rückgewinnung von Energie über die Bremse einstellen. Schaltet man die Rekuperationsfunktion ab, entfällt die simulierte Motorbremse, und die Energica Ego fühlt sich plötzlich an wie ein Zweitakter. Für unterhaltsame Spielereien unterwegs ist also gesorgt. ABS war bei der Testmaschine noch nicht an Bord, soll aber in der Serienproduktion von Anfang an dabei sein. Voll vernetzt ist die Ego dann auch, mit internem Speicher für Messwerte, integriertem GPS-Empfänger und Bluetooth-Kommunikation.

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Wie weit kommt die Energica Ego?

Bleibt das Wichtigste: Wie weit kommt das Elektro-Superbike? Nach 30 Kilometern Testfahrt steht die Ladeanzeige bei knapp 80 Prozent. Rund 150 Kilometer soll die Energica Ego schaffen, eine zurückhaltende Fahrweise vorausgesetzt. Das Aufladen dauert an Schnellladestationen laut Hersteller nur gut 20 Minuten, zieht sich an Wechselstromanlagen aber dreieinhalb Stunden hin.

Trotz ihrer professionellen Machart und des emo­tionalen Fahrerlebnisses wird die Ego daher zunächst ein Spielzeug für wenige exklusive Kunden bleiben. Dafür wird allein schon der hohe Preis von 30.000 Euro plus Mehrwertsteuer sorgen.

Foto: Hersteller
Nach 150 Kilometern braucht die Energica Ego neue Energie. An einer Schnellladestation dauert das gut 20 Minuten, sonst über drei Stunden.
Nach 150 Kilometern braucht die Energica Ego neue Energie. An einer Schnellladestation dauert das gut 20 Minuten, sonst über drei Stunden.

Technische Daten Energica Ego

Energica Ego

Motor
Ölgekühlter permanenterregter Wechselstrom-Synchronmotor mit Rekuperationsfunktion, Lithium-Ionen-Batterie, 11,7 kWh, Automatikgetriebe, Rückwärts-Fahrstufe.
Lebensdauer: 1200 Ladezyklen bei 80 Prozent Ladung
Ladezeiten: 3,5 Stunden mit Wechselstrom, gut 20 Minuten mit Gleichstrom
Leistung: 100 kW (136 PS) zwischen 4900 und 10.500/min, 195 Nm zwischen 0 und 4700/min
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
Reichweite: 190 km bei 60 km/h, 150 km bei 80 km/h, 100 km bei 100 km/h, 50 km auf der Rennstrecke

Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Alu-Zweiarmschwinge, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, voll einstellbar, Öhlins-Federbein, voll einstellbar, schwimmend gelagerte Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, radial montierte Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Doppelkolbensattel, Direktantrieb über Kette.
Alu-Schmiederäder: 3.5 x 17 v/h
Reifen: 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewicht
Radstand 1465 mm, Sitzhöhe 810 mm, Gewicht 258 kg.
Farben: Perlweiß/Grün, Mattschwarz
Preis/Nebenkosten: 30.000 Euro plus Mehrwertsteuer, verfügbar voraussichtlich ab Frühjahr 2015

Foto: Hersteller

Interview Livia Cevolini (Chefin Energica)

Warum bauen Sie ein Elektromotorrad?
Cevolini: Weil wir überzeugt sind, dass Elektromobilität die Zukunft ist. Wir wollen von Anfang an dabei sein, und zwar mit einem hochklassigen Produkt.

Die Energica Ego hat derzeit rund 150 Kilometer Reichweite. Ist das nicht zu wenig?
Cevolini: Wir setzen darauf, dass es bald viele Schnellladestationen geben wird. Dann dauert das Aufladen nur gut 20 Minuten. So lange lassen sich viele Motorradfahrer auch heute beim Tankstopp Zeit.

Was überzeugt Sie davon, dass sich Elektromobilität durchsetzen wird?
Cevolini: Strom ist heute praktisch überall verfügbar. Im Gegensatz zu Benzin, das erst zu den Tankstellen geschafft werden muss, ist der Strom schon da. Warum sollte man ihn dann nicht auch nutzen?

Die Energica Ego kostet 30.000 Euro plus Mehrwertsteuer. Wie wollen Sie das den Kunden schmackhaft machen? 
Cevolini: Unser Motorrad ist derzeit eindeutig ein Luxusprodukt. Die Elektrotechnik ist eben noch sehr teuer, aber mit steigender Produktion weltweit werden die Preise sinken. Dann bringen wir natürlich Modelle zu günstigeren Preisen. 

Erst mal bauen Sie aber das Sonder­modell Energica Ego 45 für 50.000 Euro. Warum?
Cevolini: Mich hat das selber überrascht, aber wir hatten zahlreiche Nachfragen nach einer noch exklusiveren Version. Und wenn die Kunden es wünschen, warum nicht? Die Energica Ego 45 bietet zusätzlich ein Öhlins-Fahrwerk mit einer Gabel aus dem Rennsport, ein integriertes Schnellladesystem und weitere Extras. Wir bauen davon nur 45 Stück.

Wie viele Basismodelle der Energica Ego wollen Sie produzieren?
Cevolini: Im ersten Jahr 500, vor allem für die USA, Deutschland und Nordeuropa. Die Produktion beginnt im nächsten Frühjahr.

Besteht für den Kunden nicht das Risiko eines hohen Wertverlusts?
Cevolini: Dazu gibt es leider keine Erfahrungswerte, die Technik ist zu neu. Vielleicht werden die ersten Elektromotor­räder eines Tages so viel wert sein wie die ersten Benziner, vielleicht aber auch nicht. Gerade für Kunden, die den Wertverlust fürchten, bauen wir die Ego 45, denn die ist ein Sammlerstück.

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