Essay: Die Zukunft des Motorrads

Und was machen wir morgen? Bald ist das Erdöl alle, sagen Experten. Bis dahin wird der Sprit immer teurer werden. Und überhaupt, was wird mit dem Klima? Gerade deshalb hat das Motorrad eine Zukunft verdient. Ob es eine haben wird, liegt daran, ob wir sie wollen. Noch tun wir uns schwer damit. Warum, fragt Redakteur Michael Orth.

Der Mensch ist mobil. Noch mobiler wird er mit Maschinen. Dieser Wunsch nach mehr Beweglichkeit ist so alt wie der Mensch selbst. Der stets woanders hin musste, bald woanders hin wollte, irgendwann woanders hin durfte, und dann: konnte. Wobei, wir wollen uns nicht allein bewegen. Wir wollen vor allem auch spüren, dass und wie wir uns bewegen. Zum Zweck kommt Spaß.

Als technischer Gegenstand lässt sich das Motorrad zweifellos so entwickeln, dass die Zweckmäßigkeit künftiger Maschinen ihren Unterhaltungswert nicht schmälern würde. Es müsste im Hinblick auf Nachhaltigkeit oder Umweltverträglichkeit das Rad nicht neu erfunden werden. Was neu erfunden werden müsste, ist unser Verständnis von dem, was das Motorrad ist und sein kann. Fangen wir heute nicht an, uns im Kopf zu bewegen, werden wir morgen sicher nicht mehr dieselbe Qualität individueller Mobilität erreichen, egal auf wie vielen Rädern.

Dass Kraftstoff, Antrieb, Form und Technik unserer Maschinen sich werden ändern müssen, hat mit der Frage, ob das Motorrad fortbesteht, allenfalls mittelbar zu tun. Wesentlich ist demgegenüber, wie intensiv unser Wunsch nach individueller Mobilität ist, die sich nicht in zweckgebundener Bewegung von A nach B erschöpft. Entscheidend ist unsere Lust daran, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, unser Wunsch nach Unabhängigkeit und Dynamik. Ist dieser Wunsch stark genug, wird auch die Art Maschine fortbestehen, die uns just das gibt, egal mit welchem Antrieb. Wichtig ist, ob wir willens und fähig sind, diese Sache weiterzudenken. Es ist also nicht die Frage, ob das Motorrad, wie wir es heute kennen, ein nachhaltiges Konzept darstellt. Es ist die Frage, ob unser Wunsch nach einem sich entwickelnden Motorrad sich als nachhaltig erweist. Bleibt der Wunsch, sich auf der eigenen Maschine zu bewegen, bleibt auch das Motorrad.

Momentan wird lieber geunkt: Entweder habe das Motorrad keine Zukunft, weil sich kaum mehr einer so einen Ofen leisten wird. Oder es wird gejammert, weil man eine Zukunft mit alternativen Antrieben so schlimm findet, dass man lieber darüber orakelt, dass das Motorrad keine Zukunft habe. Richtig ist, dass die Zukunft des Motorrads nicht dessen Gegenwart sein, vielleicht aber etwas von dessen Vergangenheit haben wird.

Deshalb ein Blick zurück. Er bringt in Erinnerung, dass es zu Anfang des 20. Jahrhunderts bis über dessen Mitte hinaus das Motorrad war, das Mobilität brachte. Eine Mobilität, in die sich langsam erst Dynamik schlich. Als günstiges Transportmittel steht das Motorrad aber längst nicht mehr an erster Stelle der Ideen. Das Motorrad, daran finden wir Gefallen, ist nicht das Gerät, das uns transportiert und dabei Spaß macht. Es ist das Gerät, das uns Spaß macht und dabei in der Gegend herumschaukelt. Am liebsten laut, schnell und spektakulär.

Gerade aber als ein in vielerlei Hinsicht günstiges Transportmittel wird sich das Motorrad zukünftig wieder empfehlen. Es ist klein, es ist wendig, es ist mit vergleichsweise geringem Aufwand und Ressourcen schonend nicht nur herzustellen, sondern auch zu betreiben, es hat eine lange Nutzungsdauer und ist relativerschwinglich. Und es wird – wenn es weiter so zusammenvernünftigt wird – absolut unsexy. Dieses Empfinden allerdings rührt daher, dass – anders als diese Dinger zum vorwiegend spaßigen Verfackeln von Fossilitäten – alle alternativen Konzepte noch in den Kinderschuhen stecken. Verglichen mit unseren hoch entwickelten Verbrennungsmotorrädern können sie nur armselig und abschreckend wirken.

Wann immer von der Zukunft des Motorrads die Rede ist, sehen wir uns momentan fast ausschließlich Vehikeln gegenüber, die uns zwischen Schrecken und Mitleid schwanken lassen. Wir sehen uns einer klotzigen Batterie gegenüber, deren Saft einen säuselnden Elektromotor antreibt. Bis zu einer spielstraßentauglichen Endgeschwindigkeit immerhin und mit der Reichweite von 18 Kilometern. Daran liegt es, dass es uns schwer fällt, das Motorrad als etwas anderes zu denken als die Maschine, die wir schätzen. Wenn wir uns das Motorrad der Zukunft vorstellen, neigen wir dazu, langweilige Gutmenschenzweiräder zu sehen, mit denen, der archaischen Kraft des Verbrennungsmotors beraubt, der Spaß zwangsläufig auf der Strecke bleibt. Es ist klar, dass das keiner will. Klar ist aber auch, dass sich das schnell ändern kann. Jedes Notebook leistet heute mehr als die hausgroßen Rechnerblöcke, mit deren Hilfe die Amerikaner Apollo 11 auf den Mond geschossen haben. Das war, als mit der CB 750 ein Motorrad das Laufen lernte, das als wegweisend gilt und frei von aller Sentimentaltät heute doch als alte Gurke dasteht.

Leider tut sich noch keiner der etablierten Motorradhersteller in der Selbstvermarktung als Umwelt schützender oder gar Umwelt schaffender Avantgardist richtig hervor. Es kommt wenig. Nicht, dass sich auf Seiten der Industrie niemand mit dem beschäftigen würde, was mal die eigene Zukunft werden könnte. Yamaha zum Beispiel veranstaltete im Juli 2008 ein „Environmental Symposium, macht sich über Eco-Commuting Gedanken und über Brennstoffzellen, Batterien, verbrauchsarme Motoren und was man sonst noch dieser Welt ersparen kann. Honda produziert mit dem FCX Clarity das „erste Brennstoffzellenauto in Serie“ und lässt im Internet einen Animierten im weißen Kittel durch ein „Innovationslabor“ schreiten, weil „Verantwortung der stärkste Antrieb ist“. Nur zwei Beispiele, die zeigen: Man macht, man forscht, man tut, man gibt viel Geld aus. Aber noch bemerkt es kaum einer. Alle möglichen Technologien wie SportABS und variable Saugrohrlänge werden so wortreich angepriesen wie jedes weitere Supersport-PS. Die Ansage: Hey, wir sind die Ersten, die das mit dem Klima und der Erde und dem Öl und der Zukunft so richtig ernst nehmen, wird nicht annähernd so laut herausgetutet.

Mit an diesen Umständen liegt es, dass wir – noch – Schwierigkeiten haben, das Motorrad von morgen als etwas wesentlich anderes zu denken als das Motorrad von heute. Für das allerdings wird es ohne diese wesentliche Veränderung kein Morgen geben. Diese Veränderung wird vor allem auch eine sein, die den Antrieb betrifft. Den der Maschinen genau so wie unseren eigenen.

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