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Fahrbericht: Aprilia Dorsoduro 1200 ABS Der erste Fahrbericht der Aprilia Dorsoduro 1200 ABS

Mit der Dorsoduro 1200 schlägt Aprilia ein ganz neues Kapitel auf. Ein mächtiger Twin im Supermoto-Anzug, geschmückt mit ABS und Traktionskontrolle. Eine Kontaktaufnahme.

Wow, was für ein Eiertanz. Die Straßen im Hinterland von Jerez sind stellenweise so rutschig, als seien sie aus poliertem Alabaster. Konzentration und Fingerspitzengefühl sind gefragt, soll die neue Aprilia Dorsoduro 1200 nicht im ersten Eck im Graben liegen. Und die Fotografen scheinen sich auch noch die rutschigsten Kurven ausgesucht zu haben. Also Augen zu und durch.

Wenig später sind die Bilder im Kasten. Alle Maschinen heil geblieben, damit kann die Testfahrt auf griffigeren Straßen beginnen. Auch wenn es nicht so aussieht, aber mit der Dorsoduro 750 hat die 1200er außer den seitlichen Rahmen-Gussteilen, den Rädern und der Schwinge praktisch nichts gemein. Der Motor ist eine komplette Neukonstruktion, baut trotz seiner 1,2 Liter Hubraum ebenso kompakt wie der 750er und ist extrem kurzhubig ausgelegt. Die 106 Millimeter mächtigen Kolben sausen nur 67,8 Millimeter in ihren Laufbahnen auf und ab. Oh je, eine Drehorgel?

Ganz und gar nicht. Bereits bei 2500/min schiebt der 90-Grad-V2 saftig an. Im sechsten Gang bei Tempo 60 das Gas aufziehen, ist kein Problem. Kein Poltern oder Hacken, sauber. 115 Newtonmeter wuchtet der V2 auf die Kurbelwelle. Davon sollen ab 3500/min permanent über 90 Nm anliegen. So, wie der V2 aus dem Drehzahlkeller vorwärts pusht, klingt das glaubhaft.

Den lässigen, kraftvollen Zwischenspurt von Kurve zu Kurve inszeniert er mit Verve und kernigem Ballern. Aber der 1200er kann auch anders. Drehen, wenn es gilt. Mit 130 PS steht er mehr als ausreichend gut im Futter und sprüht, wenn man ihm die Sporen gibt, auch im oberen Drehzahldrittel vor Tatendrang. Für möglichst gesellschaftsfähige Umgangsformen wurde das 12:1 verdichtende Aggregat mit einer Doppelzündung bestückt. Dazu wird jede Zündspule mit individuellen Zündkurven versorgt und die Ventilsteuerzeiten der beiden Zylinder erhielten individuellen Feinschliff.

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Foto: Aprilia

Drei Fahr-Modi hält die Bordelektronik parat: Rain, Touring und Sport. Während Rain die Leistungsabgabe auf rund 100 PS einschläfert, geben die beiden anderen Modi den vollen Druck frei. Das Touring-Mapping kommt mit dezenten Lastwechselreaktionen und sanftem, leicht verzögertem Leistungseinsatz beschaulichen Naturen entgegen. Dynamiker dagegen werden im Sport-Modus bedient. Zwar sind die Lastwechselreaktionen nun ausgeprägter, aber noch akzeptabel.

Vor allem aber zeigt der Twin jetzt, was in ihm steckt, hängt nun direkt, fast bissig am Gas. Allerdings ist das Ride-by-wire noch nicht optimal abgestimmt, und die Leistungsabgabe erfolgt nicht ganz linear, sondern ein wenig schubweise. Das Fahrwerk jedenfalls hat mit der gebotenen Power keine Mühe. Es platziert den Motor ein wenig höher und dichter am Vorderrad als bei der 750er. Dazu trägt die 1200er einen leichten Alu-Heckrahmen (750er: Stahl). Und die beiden einzelnen Auspufftöpfe sollen gegenüber dem fetten Einzeltopf der 750er nochmals rund zwei Kilogramm einsparen. Das alles sorgt mit dem 1200er-Twin für eine deutliche Gewichtsverlagerung nach vorn.

So rauscht die Dorsoduro zwar nicht wie ein Wirbelwind, aber behände durchs spanische Hinterland. Wobei sich einmal mehr die Frage stellt, ob hinten tatsächlich der 180er-Reifen auf einer breiten, schweren Sechs-Zoll-Felge sitzen muss.

Die Gabel spricht auf kleine Unebenheiten fein, bei gröberen Absätzen allerdings etwas unwillig an. Das wie die Gabel voll einstellbare Federbein dagegen gefällt mit ausgezeichnetem Komfort. Allein das Zusammenspiel der beiden hätte noch etwas harmonischer ausfallen können. Für Änderungen an der Fahrwerksabstimmung war allerdings keine Zeit. Das muss auf den ersten Test verschoben werden. Und die rutschigen Sträßchen? Haben am Ende dann doch ihren Schrecken verloren. Denn die Dorsoduro war nicht nur mit kraftvoll zupackenden Bremsen und einem sportlich spät regelnden ABS, das durchaus Stoppies und mehr zulässt, bestückt, sondern auch mit einer in drei Stufen einstellbaren Traktionskontrolle. Die arbeitet über den Abgleich der Raddrehzahlen und reagiert in der sanftesten Stufe beruhigend früh - und sanft. Auf Stufe zwei war bereits herzhaftes Herausbeschleunigen aus Kurven möglich, auch hier wurden Rutscher sanft regelnd eingefangen. Um die schärfste Stufe zum Arbeiten zu bringen, muss man wahrscheinlich ein harter Hund sein. Jedenfalls war sie in der Kürze auf griffigem Asphalt nicht zum Eingreifen zu bewegen. Außerdem wollten die Aprilianer ihre Testmotorräder gern wieder am Stück zurück haben. Der Wunsch konnte ihnen erfüllt werden.

Hier geht's zur Vorstellung der Aprilia Dorsoduro:


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Foto: Aprilia

Aufgefallen

Positiv

  • Motor druckvoll in allen Lagen, Laufkultur besonders in der ersten Drehzahlhälfte gut
  • Sitzposition aufrecht und entspannt
  • Handling ausgewogen
  • Traktionskontrolle praxisgerecht, feinfühlig


Negativ

  • Sitzbank auf Dauer etwas schmal und hart
  • Ride-by-wire noch verbesserungsfähig
  • Soziusrasten zu dicht an Fahrerrasten
  • ABS sehr aggressiv abgestimmt
  • Balance könnte noch etwas besser sein
Foto: Aprilia

Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, je zwei obenliegende, zahnrad-/kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 52 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 450 W, Batterie 12 V, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette. Sekundärübersetzung 40:16.
Bohrung x Hub 106,0 x 67,8 mm
Hubraum 1197 cm³
Nennleistung 96,0 kW (131 PS) bei 8700/min
Max. Drehmoment 115 Nm bei 7200/min

Fahrwerk:
Gitterrohrrahmen aus Stahl mit verschraubten Alugussteilen, Up-side-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Federbein, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel, ABS.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewichte:
Radstand 1528 mm, Lenkkopfwinkel 65,1 Grad, Nachlauf 118 mm, Federweg v/h 160/155 mm, Sitzhöhe 870 mm, Gewicht vollgetankt 223 kg, Tankinhalt 15,0 Liter.
Garantie zwei Jahre
Farben Schwarz, Weiss
Preis 12799 Euro
(ohne ABS und ATC) 11799 Euro

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