Fahrbericht Aprilia MX 125 Sechsgang-Menü

Zugegeben, wer seit 20 Jahren den Motorrad-Führerschein besitzt, gehört eher nicht mehr zur Zielgruppe von 125ern. Wenn es aber unbedingt ein Zweitakter sein soll, führt an den Achtellitern kein Weg vorbei, denn in größeren Klassen sind die Ölbrenner längst ausgestorben, Stichwort Abgas. Umso erfreulicher, dass Aprilia seinen Supermoto-Zwerg neben zwei Drosselversionen für den Führerschein A1 (11 kW/15 PS und mit 6,8 PS auf 80 km/h) auch in der von MOTORRAD gefahrenen offenen
Variante mit 25 PS anbietet. Erster Gedanke: Wenn das Ding nur halb so gut fährt, wie es aussieht...
Doch vor dem Fahren kommt das Starten, Choke rein, Kickstarter raus – einen Anlasser gibt es nicht – und kick. Und kick. Und kick. Und kick. Zündung? An! Kick. Notaus? Aus! Kick.
Nix. Viele Flüche und Kicks später reift die Erkenntnis, dass das Ziehen der Kupplung den Anlassvorgang nicht nur erleichtert, sondern die Zündung überhaupt erst ermöglicht. Na also, erster Gang rein, Kupplung raus. Plopp. Und kick...Im Zeitalter groß-
volumiger Viertakter wird das Anfahrdrehmoment eines kleinen Zweitakters leicht überschätzt. Schließlich setzen sich Ross und Reiter laut- und rauchstark in Bewegung. Um zügig vorwärts-
zukommen, muss der wassergekühlte Rotax-Einzylinder in einem schmalen Drehzahlfenster bei Laune gehalten werden. Im Schnitt steht in kurvigem Geläuf im Sekundenabstand ein Schaltvorgang an, was allerdings aufgrund der leichtgängigen Kupplung und
des exakten, sechsgängigen Getriebes eher Lust denn Last ist. Nur ohne schalten geht’s halt nicht.
In luftiger Höhe (890 Millimeter über Grund) hat man auf der harten, schmalen Bank nicht nur einen großartigen Überblick über das Geschehen, sondern auch reichlich Bewegungsfreiheit zum Turnen. Mit 260 Millimetern vorne und satten 280 hinten fallen
die Federwege sehr üppig aus, und zusammen mit der Enduro-
typisch soften Abstimmung ergibt das einen hohen Fahrkomfort. Beim Bremsen, das dank fetter 320er-Millimeter-Scheibe im Vorderrad locker mit zwei Fingern vonstatten geht, taucht die Upside-down-Gabel stets weit ein, bevor sanft das Hinterrad abhebt – was schwer Laune macht.
Dass bei extremen Bikes die Alltagstauglichkeit nicht
die oberste Priorität genießt, belegt auch die Aprilia. So ist
das digitale Cockpit zwar grundsätzlich auskunftsfreudig und
fördert den Spieltrieb, viele Funktionen liegen jedoch versteckt
in Untermenüs begraben. Und in der Lampe sorgt lediglich eine Bilux-Funzel für trüben Schein. Die Verarbeitung ist latent leger, die Passgenauigkeit lässt stellenweise Raum für Verbesserungen. So verursacht der Endschalldämpfer bei der Testmaschine einen bleibenden Eindruck im linken Seitendeckel. Mit einem Preis von 4399 Euro ist die Aprilia kein Schnäppchen, angesichts dessen, was der Markt sonst noch zu bieten hat, jedoch ein reelles Angebot. Nicht nur für Freaks. sgl

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