Fahrbericht: Aprilia RSV4 Factory APRC SE Biaggis Weltmeister-Bike im exklusiven Serientrimm

Die RSV4 Factory kommt als APRC SE mit einem Bündel an Verbesserungen und elektronischen Helfern, die nur ein Ziel haben: das Letzte auf der Rennstrecke herauszuholen.

Foto: Aprilia

Der Ort ist perfekt gewählt. Der Circuito de Jerez mit seinen lang geschwungenen Bögen, die ein großes Herz erfordern, scheint geradezu prädestiniert, um der neuen Aprilia RSV4 APRC SE (Aprilia Performance Ride Control - Special Edition) auf den Zahn zu fühlen.

Hinter dem Buchstabengetümmel verbirgt sich ein ganzes Arsenal elektronischer Helfer: Launch Control, Wheelie Control, Schaltautomat und Traktionskontrolle (TK). Nur ein ABS fehlt. Also Reifenwärmer runter, Visier geschlossen, Kombi zurecht gezupft, und ab geht‘s. Beim Hinausrollen kommen nochmal die Änderungen am Motor in den Sinn: Einlasskanäle und Brennräume wurden überarbeitet, Schmier- und Kühlkreislauf optimiert. Die ersten drei Gänge mit längerem ersten enger gestuft. Dazu ein 42er-Kettenblatt (bisher 40 Zähne) für mehr Durchzug.

Und der neue Auspuff spart jene zwei Kilogramm Gewicht ein, die Schaltautomat und Traktionskontrolle mehr mit sich bringen. Die ersten 300 Stück der Factory APRC werden als "SE" mit speziellem Dekor gebaut und liegen etwa 2000 Euro über der Factory.

Die erste Runde ist rum, Feuer frei. Einbiegen in die erste Rechts, Gas - und schon flackert hektisch die Warnlampe der Traktionskontrolle auf. Alles klar, sie steht ja auch noch auf der achten und empfindlichsten Stufe. Per Schaltpaddel am linken Lenker lässt sich mühelos beim Fahren von einer Stufe zur nächsten wechseln. Ruckzuck ist bis zu Stufe drei gezappt, und das passt fürs erste Beschnuppern schon ziemlich gut. Da kann am Kurvenscheitel recht unverschämt am Kabel gezogen werden. Sanft spürbar greift die Traktionskontrolle ein, fühlt sich an wie ein sacht pumpendes Heck. Zack, schon flutscht dank Schaltautomat der nächste Gang rein. Und es folgt Schub, Schub, Schub. Am Hinterrad sorgt der erste serienmäßige 200er-Reifen in 17 Zoll für enormen Grip. Kunststück. Der Pirelli Supercorsa SP ist ein Dual-Compound-Reifen und trägt auf der Schulter praktisch die SC2-Mischung der Rennreifen. Der Vorderreifen, ein 120/70er mit Sonderkennung, wurde in Kontur und Höhe dem Hinterreifen für harmonische Kurvenlage angepasst. Funktioniert einwandfrei. In der langsamen, engen Ecke Eingangs Start Ziel der Härtetest: erster Gang und volle Brause. Diesmal setzt der Schlupf heftiger ein, und statt wie bisher nur über die Drosselklappen den Zug am Hinterrad zu reduzieren, nimmt das System jetzt die Frühzündung drastisch zurück, weil es schnell gehen muss. Der Eingriff kommt härter, aber immer noch sicher. Das Grinsen unterm Helm wird immer breiter. Die Schräglagensensorik stammt von Bosch, die Software wurde zusammen mit dem Polytechnikum der Uni Mailand entwickelt. Mit Erfolg.

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Foto: Aprilia

Die Traktionskontrolle scheint das Sahnehäubchen der genialen Fahrdynamik der Aprilia RSV4 zu sein. Auch die dreistufige Wheelie-Kontrolle unterbindet beim Herausbeschleunigen wirksam und nicht zu grob allzu heftige Höhenflüge des Vorderrads.

Und die Launch Control? Erfordert Gewöhnung. Beim Start im Stand Vollgas geben, die Drosselklappen regeln die Drehzahl auf 10000/min, dann nur noch mit Gefühl die Kupplung kommen lassen. Geht dies zu schnell, schließt die Elektronik die Drosselklappen, um Flurschaden zu verhindern, der Start ist verhunzt. Ein zu langes Schleifenlassen geht der Kupplung dagegen an die Substanz. Aber passt alles, sind schnelle Starts nahe am Optimum der Lohn. Die Elektronik soll schließlich nicht das Fahren idiotensicher machen, sondern die Performance auf der Rennstrecke steigern. Und das erledigt sie hier mit Bravour.

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AUFGEFALLEN:

Positiv:

  • Elektronik bietet ein umfangreiches Paket
  • Traktionskontrolle gut nutzbar
  • Fahrwerk schlicht großartig
  • Kompaktheit wie eine 600er


Negativ:

  • ABS noch nicht lieferbar
  • Platzangebot für sehr große Piloten vielleicht etwas zu kompakt

Foto: Aprilia

Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-65-Grad-V-Motor, je zwei obenliegende, zahnrad-/kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 48 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 420 W, Batterie 12 V/9 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 42:16.
Bohrung x Hub 78,0 x 52,3 mm
Hubraum 1000 cm³
Nennleistung 132,4 kW (180 PS) bei 12500/min
Max. Drehmoment 115 Nm bei 10000/min

Fahrwerk:
Brückenrahmen aus Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Lenkungsdämpfer, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel.
Alu-Schmiederäder 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 200/55 ZR 17

Maße und Gewichte:
Radstand 1420 mm, Lenkkopfwinkel 65,5 Grad, Nachlauf 105 mm, Federweg v/h 120/130 mm, Sitzhöhe 847 mm, Gewicht vollgetankt 200 kg, Zuladung 201 kg, Tankinhalt 17 Liter.
Garantie zwei Jahre
Farbe Schwarz/Rot
Preis zirka 22500 Euro

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