Fahrbericht Aprilia RXV 550 Second Level

Mit dem ersten superleichten Sport-Zweizylinder stiftete Aprilia viel Unruhe im Offroad-Lager. MOTORRAD konnte ein Vorserienmodell der RXV 450 bereits Ende 2005 testen (siehe Heft 25/2005). Nun, zum Beginn der Serienproduktion, gab es Gelegenheit, auch die größere Schwester, die RXV 550, zu fahren. Die unterscheidet sich nur in Nuancen von der 450er. Bohrung und Hub wurden für die Hubraumvergrößerung von 76 x 49,5 Millimeter auf 80 x 55 Millimeter geändert.
Der Ansaugdurchmesser wuchs von 38
auf 40 Millimeter. Daraus ergibt sich eine
etwas höhere Spitzenleistung, nämlich 58 statt 52 PS. Entscheidender ist jedoch wohl der Unterschied im Drehmomentverlauf, im unteren Drehzahlbereich soll das größere Triebwerk erheblich mehr Druck ans Hinterrad liefern.
Das Chassis ist bei beiden Maschi-
nen identisch. Bei einem Gewicht von 126 Kilogramm vollgetankt horchen selbst eingefleischte Single-Fans auf. Der Rahmen setzt sich trickreich aus einer Leichtmetall-Einheit um die Schwingenlagerung und einem Stahlrohrteil im Lenkkopfbereich zusammen. Auch bei der Auspuffanlage ließ man sich Neues einfallen: Der Schalldämpfer sitzt im Rahmenheck und dient gleichzeitig als Teil des Innenkotflügels. Neben der Massenkonzentration im Fahrzeugmittelpunkt begünstigt das die Abmessungen im Heckbereich, weil es keinen voluminösen, seitlich abstehenden Schalldämpfer mehr gibt. Und wo nix absteht, kann bei einem Ausrutscher auch nix verbeulen – clever.
In Aktion gibt sich die RXV 550 trotz
ihrer potenten 58 PS in der offenen Sportversion zunächst einmal überraschend
unspektakulär. Im positiven Sinne. Denn bereits ab niedrigen Drehzahlen schiebt der Motor sauber und gut kontrollierbar an. Kein heftiges Reißen an der Kette, keine unkontrollierten Kraftausbrüche stören auf losem oder nassen Untergrund den Balanceakt zwischen Traktion und Rutschpartie. Die Ergonomie verrät kaum, dass unter dem Tank ein Zweizylinder kauert. Doch sobald Traktion satt vorhanden ist und
man den Gasgriff weit öffnet, zeigt der Kraftzwerg, was wirklich in ihm steckt: Mit
beeindruckender Vehemenz preschen dann Mann und Maschine vorwärts, dass vor Begeisterung das Vorderrad in die Höhe steigt. Den seidenweichen Motorlauf und die gute Kontrollierbarkeit bewahrt sich die Aprilia dabei selbst beim maximalen Sprint durch das enorm breite Drehzahlband, dem erst der Begrenzer bei 11500 Touren ein Ende setzt. Damit offeriert die RXV 550
das breiteste nutzbare Drehzahlband in der großen Viertakt-Klasse.
Und fast schon eine Klasse für sich war beim diesem ersten Geländeausflug der Serienmaschine auch das Fahrwerk. Die Marzocchi-Gabel bietet jene Kombination aus sanftem Ansprechen und Progression beim tiefen Einfedern, die sich engagierte Enduristen wünschen. Die Hinterhand führt ein feinfühliges Sachs-Federbein, das den traktionsfördernden Motoreinsatz effektiv unterstützt. Doch kein Licht ohne Schatten. Und so wirkt die RXV in engen Kehren – typisch für Enduro-Sonderprüfungen – spürbar vorderradlastig und schiebt gern mal etwas über den Anlieger hinaus. Ob’s am ungewohnt hohen Gewicht auf dem Vorderrad oder den größeren rotierenden Massen liegt? Außerdem passt der nicht auswaschbare und damit bei intensi-
vem Offroad-Einsatz recht kostenintensive Papierluftfilter unter dem hochklappbaren Tank nicht zur wettbewerbsorientierten Ausrichtung. Ob die RXV mit den großen Single-Viertaktern mithalten kann, wird erst ein direkter Vergleich zeigen
Nicht Fisch, nicht Fleisch ist die ab Werk angebotene Leistungsvariante. Um eine 20-PS-Enduro zu fahren, wird man sich wohl kaum dieses Hightech-Bike in die Garage stellen. Und wer die RXV 550 auf der Straße einsetzen möchte, wünscht sich die volle Leistung oder zumindest
einen Großteil davon. Reinrassigen Sportfahrern indes, die nur aus Reglementsgründen eine Zulassung benötigen, wäre eine versicherungsgünstige Zehn-PS-Variante am liebsten. Mit der offiziellen, recht halbherzigen 20-PS-Version wird eigentlich niemand so richtig glücklich. zdr

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