Fahrbericht Bimota Tesi 2D Tecnologia dell´Emozione

Vor zwei Jahren stellte die italienische Kleinfirma VDM, wie Bimota in Rimini ansässig, die Vyrus vor, die eigentlich eine nackte Tesi war. Nun präsentiert Bimota die originale Tesi 2D, die eigentlich eine Vyrus war. Verwirrend – doch Grund genug, der Vyrus alias Tesi 2D einmal auf den Zahn zu fühlen.

Foto: Jahn
Sicher, man hätte diesen Fahrbericht auch mit »Faszination Technik« überschreiben können. Doch obwohl die Bimota Tesi 2D damit ebenso trefflich charakterisiert würde, wäre das ähnlich unpassend, wie Birkenstockschuhe zu einem feinen italienischen Zwirn zu tragen. In der italienischen Sprache liegt die Musik – wie in der Tesi die unbändige Leidenschaft für exklusive Technologie.

Auf den ersten Blick wird deutlich, dass die nackte Tesi 2D mit der ersten vollverkleideten Variante, die Bimota Anfang der 90er Jahre vorstellte, wenig gemein hat. Gleichwohl verkörpert die jüngste Variante wieder die ursprüngliche Firmenphilosophie der italienischen Edelschmiede. Bimotas sollen mit der Kombination von technologischer Avantgarde und ausgesuchten Hightech-Werkstoffen Emotionen wecken, wie das eben nur Gegenständen gelingt, die mit extremer Hingabe und Sorgfalt geschaffen worden sind. Mit ihrem provokanten Styling und der auffälligen Schwingenkonstruktion am Vorderrad erregt die Tesi 2D schon im Stand höchste Aufmerksamkeit. Doch wie sieht es mit den Emotionen im Fahrbetrieb aus?

Was könnte es für eine bessere Gelegenheit geben als ein Renntraining in Mugello? Auch wenn ein Naked Bike dieser Kategorie eher selten auf Rennstrecken anzutreffen sein wird, gehört die Tesi 2D irgendwie auf diesen traditionsreichen Kurs, der sich mittlerweile in Ferrari-Hand befindet und mit seinen weit gezogenen Kurven, spektakulären Bergauf- und Bergabpassagen perfekt zu den emotionsgeladenen Motorrädern von Bimota passt.

Erste Überraschung, nachdem sich der 991 Kubikzentimeter große Ducati-Zweizylinder lauthals in der Boxengasse warm gelaufen hat, ist das üppige Platzangebot auf diesem zierlichen Motorrad, das selbst fast zwei Meter großen Fahrern ausreichend Bewegungsfreiheit bietet. Zudem gibt die Bedienung der futuristischen Tesi keinerlei Rätsel auf. Alles liegt gut in der Hand oder kann durch Einstellmöglichkeiten wie zum Beispiel an der Fußrastenanlage passend gemacht werden.

Fortschritt durch Rückbesinnung kennzeichnet die Instrumente der Tesi. Während immer mehr Hersteller schlecht ablesbare digitale Drehzahlmesser verwenden, setzt Bimota auf eine konventionelle analoge Anzeige, die mit großen Ziffern und breiter Skalierung das Wesentliche prominent ins Blickfeld stellt. Lediglich über die Geschwindigkeit wird mittels einer kleinen Digitalanzeige informiert, die aber ebenfalls direkt im Blickfeld des Fahrers liegt – und am Ende der langen Start-Ziel-Geraden für Verblüffung sorgt.

Satte 230 km/h zeigt das Instrument nach der Kuppe an. Für einen Supersportler in Mugello nichts Besonderes. Für ein Naked Bike mit nominell 86 PS dagegen ein mehr als erstaunlicher Wert. Möglich wird dies durch den druckvollen Zweizylinder aus dem Hause Ducati, der subjektiv sehr gut im Futter steht und darüber hinaus mit einem seidenweichen Ansprechverhalten und einer fülligen Leistungskurve im mittleren Drehzahlbereich begeistert. Die Tesi 2D macht es dem luftgekühlten Zweiventil-Triebwerk allerdings auch nicht allzu schwer. Bescheidene 149 Kilogramm – vollgetankt, wohlgemerkt – müssen die 86 PS beschleunigen und sorgen so für ein Leistungsgewicht, das jedem 600er-Supersportler gut zu Gesicht stünde.

Dementsprechend leichtes Spiel haben die Vierkolbensättel der Brembo-Bremsanlage mit den zwei 320 Millimeter großen Scheiben, das Fliegengewicht zu verzögern. In Mugello trennt sich in der Bremszone nach der Kuppe die Spreu vom
Weizen. Wer bei der dort notwendigen brutalen Verzögerung, bei der vom sechsten in den ersten Gang zurückgeschaltet wird, nicht über ein sehr stabiles Fahrwerk verfügt, der sollte den Bremspunkt früh genug setzen, um rechtzeitig einlenken zu können. Eine Disziplin, die die Tesi eigentlich mühelos beherrschen müsste, versprechen die Italiener aufgrund der aufwendigen Radnabenlenkung mit kräftiger Vorderradschwinge ein besonders sicheres Fahrverhalten.

Theorie und Praxis liegen jedoch zumindest auf der Rennstrecke weit auseinander. Obwohl die Tesi die Anbremszone mit Bravour meistert, bringt der hohe technische Aufwand nicht nur Vorteile. Zwar bleibt die Bimota beim Anbremsen sehr ruhig und spurstabil, und auch das Bremsnicken gleicht dieses System effizient aus, aber dafür bietet das Vorderrad nicht genügend Feedback über die Fahrbahnbeschaffenheit sowie die Blockiergrenze. Ein Nachteil, mit dem das Telelever-System von BMW ebenfalls zu kämpfen hat. Beim Abwinkeln mit gezogener Bremse will sich ein sicheres Gefühl nicht so recht einstellen, obwohl das Double-System-Luftfederbein an der Vorderhand sensibel anspricht.

Das Gleiche gilt für schnelle Richtungswechsel in den flüssigen S-Kombinationen von Mugello. Wohl lassen sich die 149 Kilogramm spielerisch von der einen auf die andere Seite werfen, die Führung des Vorderrads vermittelt jedoch eher
ein indifferentes Fahrgefühl und ist wenig Vertrauen erweckend. Ursache hierfür könnten die beiden Schubstangen und ihre Lagerungen sein, die die Lenkbewegungen übertragen. Der Nachteil dieser Konstruktion sind die vielen Lagerstellen, deren Spiel und Reibung die Rückmeldung etwas verwässern.

So bleibt nach einem Tag mit der Tesi ein gemischter Eindruck. Der Ducati-Motor begeistert, das technisch sehr aufwendige Fahrwerk ist ein absoluter Hingucker und funktioniert bis auf das geringe Feedback gut. Doch Vorteile im Vergleich zu konventionellen Lösungen bietet es nicht, der sehr geringe Lenkeinschlag stört. Betrachtet man die Tesi dagegen unter der Maxime, unter der die Bimota-Techniker sie erschaffen haben, als »tecnologia dell’emozione« und nicht als normales Motorrad, dann kann man nur gratulieren. Sie vermittelt tatsächlich jene Leidenschaft, mit der sie gebaut wurde, sorgt mit ihrer außergewöhnlichen Technik allerorten für Aufsehen. Eine Vielzahl von Einstellvarianten lässt zudem reichlich Spielraum für experimentierfreudige Technik-Freaks. Und der Preis von rund 40000 Euro wird ein Übriges tun, um Emotionen zu wecken und die Exklusivität der Tesi 2D zu wahren.

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