Fahrbericht BMW HP2 Quer verdaulich

Die HP2 ist anders als übliche BMW-Modelle: radikaler, härter, sportlicher. Was mit ihr geht, konnte MOTORRAD in Spanien ausprobieren.

Können Kühe fliegen? Manche schon. Wer es nicht glaubt, sollte sich in
der German Cross Country-Meisterschaft
einmal anschauen, was die beiden Pilo-
ten Simo Kirssi und Christian Pfeiffer mit dem Werks-Boxer HP2 anstellen. Riesige Sprünge, spektakuläre Drifts und weitere Stunts scheinen mit der mächtigen Boxer-Enduro völlig easy zu gelingen – wenn
der richtige Fahrer draufsitzt. Was für Normalsterbliche auf Serienmaschinen möglich ist, davon konnte sich MOTORRAD
im Rahmen der Präsentation in einem fantastischen BMW-Enduro-Park in der Nähe von Valencia ein Bild machen.
Dass die HP2 nicht einfach eine erleichterte GS, sondern ein völlig eigenständiges Modell ist, erkennt nicht nur der Insider auf den ersten Blick. Lediglich die komplette Antriebseinheit stammt ohne großartige Änderungen von der 1200er-GS. Einzig die im Gelände verzichtbare Ausgleichswelle wurde eingespart. Und kleinere Modifi-
kationen an der Peripherie und am Motormanagement steigern die Spitzenleistung auf nominell 105 PS bei einem unveränderten Drehmoment von 115 Nm.
Beim Fahrwerk jedoch blieb kein Stein auf dem anderen. Eine solide Gitter-
rohrkonstruktion sorgt für die im harten Offroad-Betrieb zwingend erforderliche Stabilität im Rückgrat. Vorn mussten sich
die Techniker zwangsläufig vom Telelever verabschieden, dessen Kinematik für den nötigen langen Federweg nicht taugt. In der Sportversion führt daher eine Upside-down-Gabel mit großzügigen 270 Milli-
meter Federweg das 21-Zoll-Vorderrad.
Aber BMW wäre nicht BMW, wenn
den Konstrukteuren nicht doch eine un-
gewöhnliche, pfiffige Lösung einfiele. Und das ist im Fall der HP2 das Federbein, das ausschließlich mit Luft federt und dämpft. Ja, richtig gelesen, keine Stahlfeder, kein Tropfen Öl, sondern reine bayerische Luft. Bei Bedarf kann mittels einer kleinen Handpumpe ortsübliche Luft nachgepumpt werden. Das damit einstellbare Fahrzeugniveau lässt sich an einer am Rahmen
angebrachten Libelle kontrollieren. Mit insgesamt 2,3 Kilogramm ist der Blase-
balg daher unschlagbar leicht. Die über Plattenventile gesteuerte Dämpfung kann in den zwei Stufen »Straße« und »Gelände« variiert werden.
Erstaunlich ist die Konsequenz, mit
der die BMW-Techniker das Projekt durchzogen. Die üblichen Zugeständnisse an Komfort und Sicherheit, etwa ABS, Dreh-
zahlmesser oder Griffheizung, verkniffen sie sich ausnahmsweise, selbst der Sozius-
platz fiel dem kompromisslosen Konzept zum Opfer. Wie weit sich die HP2 von der Basis-GS entfernt hat, spürt jeder sofort, der auf dem schmalen Sitz in luftiger Höhe Platz nimmt. Geblieben ist eine konstruktionsbedingt nach hinten gerückte Sitz-
position, damit die Beine nicht mit den ausladenden Boxer-Zylindern kollidieren. Für Halt sorgen zackige Fußrasten, die ge-
radezu nach derben Crossstiefeln schreien.
Die ungewöhnliche Konfiguration erfordert im Gelände einen ganz speziellen Fahrstil. Stehen ist angesagt. Möglichst viel, möglichst oft, nicht nur in anspruchsvollen Streckenabschnitten. Sitzend leidet das Gefühl fürs Vorderrad, und in Notfällen hat der Fahrer nur begrenzte Möglich-
keiten, mit den Beinen zu rudern. Also trialt er im Stehen über die ausgetrockneten, felsigen Passagen. Die Ergonomie passt dabei hervorragend, lediglich Crosser würden sich vielleicht weniger stark gekröpfte
Lenkerenden wünschen.
Knifflige Situationen und rutschigen Belag mag der Offroad-Koloss. Denn der Zweizylinder hängt wunderbar weich am Gas, setzt schon knapp über Stand-
gas jeden kleinen Dreh am Gasgriff in
sanften Schub um. Das Hinterrad scheint am Boden zu kleben, die Traktion ist
phänomenal. Wozu auch die hinten wie vorn komfortabel ansprechenden Federelemente ihren Beitrag leisten. Bei solch langsamen Passagen und ebenso auf ebenen Schotterwegen passt die weichere Einstellung des Luft-Federbeins. Angesichts des für eine Sportenduro recht
hohen Gewichts von vollgetankt fast 200 Kilogramm überrascht das gute Handling. Der Schwerpunkt des Boxers liegt tief,
so arbeitet sich die HP2 erstaunlich behände durch Sektionen, die bislang kein Zweizylinder bewältigt hat.
Derartig positive Erlebnisse animieren zu etwas forscherer Fahrweise. Wer allerdings meint, mit der HP2 eine Renn-
maschine unterm Hintern zu haben, erfährt schnell deren Grenzen. Dass der Antrieb jegliche Explosivität vermissen lässt, ist Geschmacksache. Der Boxer hat eben
wenig Feuer. Kritischer wird es beim Fahrwerk. Weil es das Hinterrad an gröberen Wellen aushebelt, muss das Federbein auf die härtere Dämpfungseinstellung gestellt werden. Die auch vorn erforderliche straffere Zugstufendämpfung sorgt für mehr Bodenhaftung bei größeren Hindernissen, mindert jedoch Komfort und Ansprechverhalten. Vor allem bergab und auf der Bremse gerät die Hinterradfederung kräftig ins Stuckern. Resonanzen des schweren Kardanantriebs sowie Antriebsreaktionen kann selbst das Hightech-Federbein nicht unterdrücken. Mit dem permanenten Klackern aus dem Endantrieb muss man auf den steilen Gefällestrecken wohl leben.
Bemerkenswert sind die mitunter heftigen Schläge in der Gabel. Manche Kanten oder Steine werden einfach weggefiltert, andere schlagen unerwartet heftig durch. Was möglicherweise am steifen Aufbau der Metzeler-Karoo-Bereifung liegt oder
an den breiten Kreuzspeichen-Felgen, die dem Reifen in der Flanke weniger Bewegungsspielraum geben. Das macht auch das Bremsen etwas indifferent, in Schräglage rutscht das Vorderrad leicht weg.
Hinten heißt es ohnehin nur alles oder nichts, weil die Bremse giftig zupackt. Feinfühliges Anstellen der Hinterhand im Supermoto-Stil ist schwierig.
Bleibt noch ein kurzer Ausflug mit dem Sportboxer auf die Straße. Mit den serienmäßigen MCE Karoo ist der Spaß dort
begrenzt. Die grobstolligen Geländereifen schmieren in Schräglage schnell weg und sind binnen kürzester Zeit arg ramponiert. Bleibt die Frage, für wen die HP2 gebaut ist. Als leichte Alternative zur GS fehlen ihr einige Features wie ABS, eine standfeste Bremse oder Straßenreifen. BMW platziert sie offensichtlich als echte Gelände-
maschine, was die Zahl der Interessenten stark einschränken dürfte. Leicht bekömmlich ist der Brocken erst dann, wenn man ihn quer durchs Gelände dreschen kann.

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