Fahrbericht Can-Am Spyder Roadster Versuch macht klug

If you don’t try, you never know – nach dieser Maxime versucht das kanadische Unternehmen BRP, führender Hersteller von Schneemobilen und Jetski, mit einem ungewöhnlichen Konzept den Erfolg auf der Straße fortzusetzen.

Foto: Gargolov
Angeblich soll manch ein japanischer Motorradkonstrukteur oder Vertreter der Autoindustrie gelacht haben, als das Verhüllungstuch fiel. Das im Valcourt, Quebec, ansässige Unternehmen BRP (Bombardier Recreational Products), zu dem namhafte Firmen wie Can-Am und Rotax gehören, hat sich nicht beirren lassen und ihren Roadster, ein Dreirad namens Spyder, bis zur Serienreife entwickelt. Im kommenden Frühjahr wird er auch in europäischen Läden stehen. Bei der Präsentation des Can-Am Roadster Spyder im österreichischen St. Wolfgang witzelte ein Journalist: »Dieses Fahrzeug verbindet die Nachteile des Cabrios mit denen eines Motorrads...«

Oder sind’s vielleicht die Vorteile? Die Jungfernfahrt wird eingefleischten Bikern jedenfalls immer in Erinnerung bleiben. Schließen wir einfach mal die Augen: Man sitzt wie auf einem Tourer – den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Füße auf Motorradrasten, der Lenker liegt gut in der Hand, die Sitzbank ist breit und ultrabequem. Kupplungsgriff links, Schaltung unten links. Alles fühlt sich vertraut an. Wenn nur... ja, wenn da nicht dieses Gefühl wäre, auf einem Kinderkarussell zu sitzen, auf dem das Motorrad festgedübelt ist. Also Augen auf: übersichtliches Cockpit, kleine Windschutzscheibe und zwei Räder. Spurbreite rund 1,3 Meter. Die Schnauze des Spyder erinnert ein wenig an eine BMW Isetta und beherbergt ein 44 Liter großes Staufach, in dem zwei Helme locker verschwinden.

Außer der Tatsache, selbst im Stand nicht mehr umkippen zu können, fällt Zweiradfans sofort der fehlende Handbremshebel auf – die Rechte greift ins leere. Der 340 Kilogramm schwere Spyder wird über ein Vollintegral-Bremssystem verzögert, das wie beim Auto ausschließlich übers Fußpedal rechts betätigt wird. Okay, so viel zur Theorie. Starten. Knöpfchen am Lenker rechts – Motorrad-like. Sofort grummelt’s zwischen den Beinen. Ein angenehmes Grummeln. Und ein bekanntes. 998 Kubik, 60-Grad-V2. Der Antrieb wird bei Rotax gebaut, befeuert üblicherweise die Aprilia-1000-Serie und wurde für den Einsatz im Spyder komplett überarbeitet.

Erster Gang. Kupplung raus. Das Fahrzeug schiebt an. Mit 30 km/h schleicht man sich weg vom Wolfgangsee. Umkreist silberne Wagen, die noch langsamer fahren. Ja, das geht. Und man wundert sich über mehrere Dinge: Der Motor läuft selbst unterhalb von 3000/min völlig rappelfrei, hängt sanft und absolut lastwechselfrei am Gas. Und die Lenkung des Spyder ist leicht und direkt. Trotz der beiden Vorderräder mit Schlappen in der Dimension 165/65 R 14, die an doppelten Dreieckslenker aufgehängt sind. Das Geheimnis: Eine elektronische Servolenkung unterstützt Lenkbewegungen geschwindigkeitsabhängig. Je langsamer das Dreirad, desto leichter die Lenkung. Gerade Straßen, 70-km/h-Schilder, dann ein Stopp-Schild vorm Abbiegen auf die Bundesstraße. Bremsen! Die drei Scheiben sind ABS-unterstützt und lassen sich perfekt mit dem Fuß dosieren. Die Verzögerung liegt auf hohem Niveau.

Also gut, 106 PS bei 8500/min stehen im Schein. Einlenken – und Vollgas. Überraschend spurtstart legt der Spyder los. Doch irgendwie ist es traurig. Da könnte man zum ersten Mal driften, ohne die Gefahr des Umkippens, aber nix geht. Zwei Sicherheitssysteme wachen über Traktion (TCS) sowie Stabilität (SCS) und verhindern Driftabenteuer. Sie stabilisieren durch gezieltes Bremsen einzelner Räder nicht nur die Vorderachse, sondern verhindern auch das Ausbrechen und Durchdrehen des Hinterrads – Schlupf wird lediglich zugelassen, wenn der Lenkeinschlag unter fünf Grad oder das Fahrzeug langsamer als 60 km/h fährt. Hähä! Erwischt. Letzte Ampel im Ort, open road. Grün. Durchladen. Exakt bis 60 km/h dreht der 225er-Schlappen durch, zieht einen mörderischen Strich. Apropos durchladen: Nach 4,5 Sekunden stehen 100 km/h auf dem Tacho, bei rund 190 km/h soll Schluss sein.

Doch zurück zum Ursprung. BRP propagiert eine neue Dimension in »open-road-riding«. Und tatsächlich: Der Spyder offeriert mehr Frischluft und wesentlich mehr Action als ein Cabrio. Zugleich soll er durch die vielen elektronischen Helferlein sicherer sein als ein Motorrad. Die neue Dimension eröffnet sich aber vor allem in schnell gefahrenen Kurven. Stichwort Querbeschleunigungskräfte. Da die Vorderradführung keine Schräglagen ermöglicht, zerrt die Fliehkraft am Fahrer, lastet die gesamte Kraft auf dem kurvenäußeren Rad – das ist nichts für Schreckhafte oder Mimosen, sondern sehr dynamisch. Das Fahrwerk ist straff abgestimmt, weshalb die Räder über kleine Unebenheiten springen und für leichte Unruhe sorgen, der Lenker verlangt nach kräftiger Hand - das hat was von tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten. Jedoch mit Netz und doppeltem Boden: Ein elektronisches Stabilisierungssystem (VSS) sorgt dafür, dass der Spyder niemals kippen kann. Auch wenn es gefühlsmäßig oft kurz davor ist. Neues Abenteuer? Auf jeden Fall für Autofahrer. Und irgendwie auch für Biker.

Und wer weiß: Noch vor zehn Jahren wurden vereinzelte Freaks mitleidig belächelt, die mit Surfboard plus überproportionalen Lenkdrachen die Wellen ritten. Heute wimmelt es an den Stränden der Welt von Kitesurfern...

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel