Fahrbericht Derbi Mulhacén 659 Extravagant

Was für ein Debüt! Derbis erstes große Motorrad nutzt den bewährten Einzylinder aus der Yamaha XT 660. Und ist trotzdem ganz anders. Eigenständig, leicht, aufregend. Das spanische Scrambler-Konzept geriet klassisch inspiriert und doch völlig modern.

Foto: Derbi
Mit 3482 Meter Meereshöhe ist der Mulhacén der höchste Berg des spanischen Festlands. Zum benachbarten Gipfel des Pico del Veleta in der Sierra Nevada führt die höchstgelegene Asphaltstraße Europas. In Hunderten von Kurven schlängelt sie sich bis auf 3381 Meter empor. Insofern ist der Name Programm: Derbi will hoch hinaus. Die Mulhacén 659 ist das erste Motorrad der Spanier über 125 cm3. Als Flaggschiff der katalonischen Armada soll sie das Image der Marke in höhere Sphären tragen.

Der Weg dahin führt über eigenständiges, elegantes Design und konsequenten Leichtbau. Mit versprochenen 162 Kilogramm Trockengewicht wäre der Scrambler rund elf Kilogramm leichter als eine Yamaha XT 660 X. Holla. Dabei steuert just die XT den in Italien gebauten, wassergekühlten Vierventil-Single bei. Derbi spendierte dem Einzylinder neue Einspritz-Software, eine geänderte Airbox und eigene Gehäusedeckel mit D-Kennzeichen.

Stilprägend wirkt der extravagante Auspuff im Kingsize-Format. Scramblermäßig hoch verlegt ist er, dazu hochglanzverchromt und schnurgerade. Verwegen kreuzen sich davor die Edelstahl-Krümmer. »Inspiriert von US-Dirt-Bikes«, entwickelte Derbi-Designer José Gonzales (der Mann heißt wirklich so) seinen preisgekrönten Entwurf. Wer will da klagen über ein ver-
loren gegangenes PS? Derbi nennt 47 PS Spitzenleistung statt deren 48 in der XT. Zumal der Single bei niedrigen und mitt-
leren Drehzahlen sogar an Kraft zugelegt haben soll. Schwach allerdings: nur U-Kat und Euro-2-Zulassung.

Doch bei einem Rezept aus dem Lande der Paella und Tapas isst das Auge mit. Die Spanier haben den Eintopf raffiniert angerichtet – mit feinen Zutaten namhafter europäischer Zulieferer. Heraus kam ein optischer Leckerbissen. Stämmig steht die 659er auf ihren 18-Zöllern. Drahtspeichenräder mit schwarzen Alu-Felgen kontrastieren mit Wave-Bremsscheiben, perlmuttweißer Lack mit roter Sitzbank. Wenn jetzt noch die Aufkleber überlackiert wären, wirkte das Finish der Derbi perfekt. Verspielt geriet das Cockpit (»Info-Dashboard«) mit LCD-Anzeigen und acht Dimmstufen der Beleuchtung.
Über allem schwappt äußerst harmonisch eine stehende Welle in der Linie von der Front zum schlanken Hintern. Emocion. Am Heck sorgen fetter Endtopf sowie Blinker und runde Rücklichter mit LED-Leuchttechnik für einen schmelzigen Abgang. Schaulustige Señoras und Señores zieht die Mulhacén magisch an. Dieses Motorrad trifft einen Nerv.

Als elementarer Teil ist der Fahrer bestens ins sehr kompakte Motorrad integriert. Perfekt liegt der breite, konifizierte Lenker zur Hand. Goldene Hörner für den spanischen Stier. Neben ihm ragt bloß der breite Kühler aus der schlanken Silhouette. Die Füße ruhen weit unten, der Hintern hoch droben: 830 Millimeter Sitzhöhe. Die Knie selbst langer Kerls parken unter den Flanken des Zwölf-Liter-Tanks im Stil einer Nonnenhaube. Ihn lackiert Derbi, wie alle anderen Kunststoffteile, selbst.
Ansonsten ist die 1927 gegründete Fabrik, sie gehört seit 2000 zum Piaggio-Konzern, ein reiner Entwicklungs- und Montagebetrieb. Ganz wie die Schwestermarke Aprilia. Warum nicht, wenn’s funktioniert. Spontan startet der Single, läuft gleichmäßig und – im Leerlauf – akustisch unauffällig. Drehzahl 1500/min zeigt die schlecht ablesbare Balkenanzeige des Tourenzählers samt grober zusätzlicher LCD-Anzeige in Ziffern.

Feinfühlig und spontan hängt der gut abgestimmte Vierventiler am Gas. Im finalen fünften Gang läuft er ab 3000 Umdrehungen geschmeidig, dann vermeldet der Tacho Tempo 75. Bei 5000 Touren kommt in den unteren Fahrstufen richtig Leben
in die Bude. Abrupt landet man im Drehzahlbegrenzer. Vibrationstechnisch wird’s oben heraus ebenfalls prickelnd, aber he, das ist schließlich ein Single. Beim Gasaufziehen klingt der Motor kernig, mit perligem Unterton aus der mächtigen Tröte, untermalt von hart-klopfendem Wummern aus dem Luftfilterkasten.

So zierlich die Ausmaße, so groß ist der Fahrspaß. Das beginnt mit dem Gewusel im quirligen Stadtverkehr von Barcelona. Ganz in der Nähe der katalanischen Hauptstadt entsteht die Mulhacén 659 und flitzt handlich wie ein Mountainbike durch die Autokolonnen. Das fühlt sich gut an: stabil, direkt, agil. Fast schon übermotiviert nimmt die Derbi Lenkimpulse an. Leicht zu dirigieren. Richtig zu Hause ist die kurze, in Schrägansicht gedrungen wirkende Derbi allerdings auf kurvigen Gebirgsstraßen.
Sie biegt so heftig ab, schlägt engste Haken, als habe sich ein Wiesel mit einem Hasen gekreuzt. In Serpentinen zählt eben nicht nur pure Leistung. Steiler Lenkkopf (66 Grad) trifft kleinen Radstand: Ganze 1386 Millimeter spreizen die beiden 18-Zöller auseinander. Das sind gut neun Zentimeter (!) weniger als bei einer BMW F 650 GS oder Yamaha XT 660 X. Am spielerischen Handling haben moderate Reifenbreiten ihren Anteil, vorn 110, hinten 150 Millimeter. Dies hier ist ein Kurven-
suchgerät für Kenner. Arriba.

Nur gut, dass die in Deutschland gefertigten Pirelli Scorpion MT 90 rechtzeitig und gutmütig ankündigen, wann sie in beschränkte Haftung übergehen. Deutlich früher fräsen die Angstnippel unter den Fußrasten ihre Initialen in den Asphalt. Genug gespielt? Der radial verschraubte Vierkolben-Festsattel von Brembo beißt herzhaft auf die 320er-Bremsscheibe. Trotz hoher Handkraft gut dosierbar und kräftig. Bei Bedarf pfeifen die dicken Profilblöcke des Vorderreifens herzerweichend. Fein dosierbar kneift der Heckstopper zu.

Vorne spannt der Stahlrohrrahmen eine 43er-Upside-down-Gabel ein, hinten eine gegossene, asymmetrische Alu-Schwinge. Sie stützt sich progressiv per Hebelsystem gegen ein schick nach rechts verlegtes Sachs-Federbein ab. Ausgleichsbehälter hin oder her, das Federbein gerät früh an seine Grenzen. Es spricht nicht besonders sensibel an, ist nur mäßig gedämpft und für Soziusbetrieb zu weich. Mit einem Passagier sackt es zu weit ein, lässt wenig Last auf dem Vorderrad.

Da ergibt es fast Sinn, dass ein Mitfahrer leiden muss. Zwar ist der Heckbürzel mir nichts, dir nichts gegen das mitgelieferte Mini-Sitzbrötchen samt fest montiertem Haltegriff getauscht. Doch beide taugen kaum, und die Soziusrasten liegen viel zu hoch. Nein, lieber alleine los. Auch in moderates Gelände, dem Vorbild der Scrambler aus den 60ern und 70ern folgend? Auf gemäßigt losem Untergrund fährt die Mulhacén sicher, aber ihr Motorgehäuse liegt gänzlich ungeschützt. Und der knapp geschnittene Frontkotflügel hält Trommelfeuer aus grobem Schotter kaum auf.

Von der sehr aufgeräumt wirkenden Neukonstruktion will Derbi dieses Jahr noch 1500 Exemplare produzieren. Nach Deutschland sollen 200 bis 300 Mulhacén 659 kommen, zum feudalen Preis von 7500 Euro. Inklusive Vier-Jahres-Garantie und 24-Stunden-Assistance-Service. Allerdings wechselt Derbi momentan die Vertriebsstruktur. Da dürfte es unter Umständen nicht ganz einfach werden, einen Händler, möglichst noch mit Motorrad-Erfahrung, zu finden. So bleibt als erste Info-Quelle die homepage www.mulhacen.derbi.com – in sechs führenden europäischen Sprachen: Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch und natürlich Katalan.

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