Fahrbericht: Moto Guzzi Umbau Die Moto Guzzi V11 Flacheisen des Guzziladen

Mit viel Gefühl, feinen Komponenten und hohem handwerklichem Geschick baut der Guzziladen seine Flacheisen auf. Dieses Exemplar trägt die legendäre Bond-Nummer 007.

Foto: jkuenstle.de

Auf Knopfdruck bebt die Erde, der Asphalt erzittert. Doch hier startet keine Geheimwaffe, hält kein Über-Schurke mit einer Rakete James Bond in Atem. Nein, hier hat bloß der V2 des Guzziladen-Flacheisens mit der Seriennummer 007, einer veredelten V11, gezündet. Der wild stampfende 1064-cm3-Motor mit serienmäßigem Innenleben atmet durch 40er-Dellortos mit offenen Ansaugtrichtern ein, schnorchelt und schlürft. Nach Luft, nach Benzin, nach Leben. Wohlig und voluminös wummert es aus der Zwei-in-zwei-Edelstahlauspuffanlage des Guzzi-ladens mit 45er-Krümmern. Mechanisch pröttelt, tickert und poltert der Motor.

Im Leerlauf rasselt die hydraulisch betätigte Trockenkupplung bei gezogenem Hebel. Mörderstramm fällt dessen Handkraft aus. Ist halt ein echtes Männermotorrad. Sich auf dem Einsitzer zwischen schlankem Höcker und langem Tank einzufädeln, beide edel aus poliertem Aluminium handgedengelt, fühlt sich gut an. Gleiches gilt für den Griff zur ultrabreiten Lenkstange, Codename LSL-Drag Bar, mit metallenen Ochsenaugenblinkern. Breitschultrig wie Gert Fröbe geht's los - wenig fluchttauglich, wenn es mal eng wird. Und kaum agentengemäß mit einzelnem, unterm Lenker montiertem Rückspiegel.

Energisch schiebt der Ochsenmotor an. Das guzzitypische Drehmomentloch just dort, wo es darauf ankommt, bei unteren bis mittleren Drehzahlen, scheint geglättet. Könnte an acht frei programmierbaren neuen Zündkurven liegen. Das neue Steuergerät verbirgt sich im feinen Instrument für Tacho und Drehzahlmesser. Selbst gefräst, wie viele andere Teile auch. Handwerklich vom Feinsten, mit viel Gefühl für die Sache gefertigt. Eine Ode ans Metall. Der Druck von unten stimmt, man muss den wenig drehfreudigen V2 selten über 5000/min jagen. Vorsicht, lange Schaltwege und der unergonomische Schalthebel halten tückische Zwischenleerläufe zwischen zwei Gängen versteckt.

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Foto: jkuenstle.de

Der Motor hängt, Spezialität des Guzziladens, in einem genialen Tonti-Rahmen, einem Chrommolybdänstahl-Rohrgeflecht aus schutzgasverschweißten Dreiecksverbänden. Schlicht, stabil, clever. Die Batterie sitzt schwerpunktgünstig unterm Drehpunkt der Cali-Schwinge. 221 Kilogramm Kampfgewicht vollgetankt bedeuten fast 25 weniger als bei einer Serien-V11. Okay, der Schlegel will trotz breiten Hebelarms ein wenig in Schräglage gezwungen und dann mit Nachdruck auf Kurs gehalten werden. Tribut an den 190er-Heckschluffen, der auf einer Sechs-Zoll-Felge mit dicken Drahtspeichen rollt. Aber ein wenig Ackern passt zum erlebnisintensiven Konzept. Verlässlich haften die Michelin Pilot Power.

Superfein tastet die titannitridbeschichtete Upside-down-Gabel von Öhlins das Asphaltrelief ab. Hart, aber herzlich agieren die im 45-Grad-Winkel verlegten, langen Wilbers-Federbeine. Die gewagte Auspuffführung kostet Boden- wie Schräglagen-freiheit, die Krümmer setzen bei forciertem Fahren extrem früh auf. Abhilfe bieten anders verlegte Krümmer. Mehr als bloß ein Quantum Trost bedeuten der gemäßigte Preis von komplett 13500 Euro und die große Fahrfreude auf diesem offenherzigen, urwüchsigen Motorrad.

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Umbau-Facts

Rund zehn Flacheisen hat der Guzzi-laden bislang in jeweils rund 250 Arbeitsstunden gebaut. 30 weitere Tonti-Rahmen sind noch in Reserve. Jeder einzelne wird vor einem Umbau gestrahlt und zweifach pulverbeschichtet. Motoren, Getriebe und Endantriebe werden zerlegt, geprüft und überholt, Verschleißteile bis hin zu Bremsscheiben ausschließlich neu verbaut. Vergaser, Gabeln, etc. sind je nach individuellem Auftrag ebenfalls immer Neuteile. Kontakt: www.guzziladen.de, Tel. 09431/20206.

Foto: TSR

Technische Daten

Motor:
Luftgekühlter 90-Grad-V2-Motor, längsliegende Kurbelwelle, eine untenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, Stoßstangen, Kipphebel, 40er-Dellorto-Vergaser, hydraulisch betätigte Zweischeiben-Trockenkupplung, Fünfganggetriebe, Kardan (7/33), Bohrung x Hub 92,0 x 80,0 mm, Hubraum 1064 cm³, Nennleistung 70 kW (95 PS) bei 7800/min, max. Drehmoment 94 Nm bei 6000/min.

Fahrwerk:
Chrommolybdän-Stahlrohrrahmen (Tonti), 43er-Upside-down-Gabel, Stereo-Federbeine, Bremse vorn: Brembo-Vierkolben-Festsättel, Bremse hinten: Zweikolben-Festsattel, Speichenräder mit pulverbeschichteten Alu-Felgen 3,5 und 6,0 x 17, Reifen 120/70 ZR 17 und 190/50 ZR 17, Edelstahl-Auspuff (Krümmer 0 45 mm), Gabelbrücke, Fußrastenanlage u. v. m. CNC gefräst, Tankinhalt 22 Liter, Gewicht 221 Kilogramm, Preis: 13500 Euro.

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