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Fahrbericht Ducati 1199 Superleggera Leicht und stark wie noch kein Serienmotorrad zuvor

Ducati ist ja immer für Überraschungen gut. Nach Desmosedici ­verblüffen die Italiener nun mit der Ducati Superleggera. Leicht und stark wie noch kein Serienmotorrad zuvor. Und verdammt edel dazu.

„Eigentlich ist es unfair, dem Leser mit einem Motorrad das Maul wässrig zu machen, das er sich doch nicht kaufen kann.“ So ­begann damals ein Testbericht über die Ducati 750 SS Desmo. Damals, das war 1975. Die Supersport, eine Replika der Werks-Ducati, die 1972 die Konkurrenz niedergebügelt hatte, war bereits restlos ausverkauft. Nicht einmal 300 Stück wurden gebaut. Und nun wiederholt sich die Geschichte. Wer kann sich schon eine ­Superleggera kaufen? Allein der Preis von 65.000 Euro macht sie zu einem unerreichbaren Traum für die allermeisten Motorradfahrer. Wenn sie denn noch zu haben wäre.

Die 500 gebauten Exemplare sind seit Ende 2013 komplett verkauft. Aber was wäre das Leben ohne Träume? Deshalb haben wir auch nicht gezögert, als Ducati uns exklusiv mit lediglich vier weiteren Journalisten zu einer Testfahrt nach Mugello lud. Denn über ihre technischen Vorzüge haben wir ja bereits auführlich geschrieben (siehe PS 2/2014). Und nun steht eine Ducati 1199 Superleggera für eine halbe Stunde auf dem traumhaften GP-Kurs von Mugello zur Verfügung.

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Ohne ABS zu leicht für die SBK-WM!

War es bei der Desmosedici anno 2002 die unübersehbare optische wie technische Verwandtschaft zu den MotoGP-Rennern, die den Atem raubten, sind es bei der Ducati Superleggera nun die Leistungseckdaten und wie sie erreicht wurden: 166 Kilogramm Trockengewicht treffen auf homologierte 196 PS, zwölf mehr als die Standard-Schwestern. Mit dem mitgelieferten Renn-Kit sollen es gar 205 Pferde sein. Leichter und dabei stärker war noch kein Serienmotorrad zuvor. Hierfür zogen die Italiener in Sachen Leichtbau alle Register. Keine wirklich leichte Aufgabe, schließlich ist die Basis-Panigale bereits die Leichteste ihrer Klasse. Geschmiedete Magnesium-Räder, ein selbsttragendes Karbon-Rahmenheck, der Magnesium-Rahmen und haufenweise Titan-Schrauben sind da nur die Spitze des Eisbergs.

Dass das Ganze auch noch Straßenzulassung hat, schießt den Vogel ab. Das Unglaubliche dabei: Würde man alleine das ABS entfernen, wäre die Ducati Superleggera trotz Straßen-Ornat zu leicht für die Superbike-WM. Schluss mit solchen theoretischen Betrachtungen. Die Mechaniker wickeln die Heizdecken ab, die Boxenampel steht auf Grün, wuchtig brüllt die Superleggera ihre Einsatzbereitschaft aus den Titan-Rennauspuffen. Die Boxenausfahrt von Mugello ist lang, führt etwas bergauf, die Superleggera zerrt brutal voran und brüllt mir unter den Helm, als wolle sie sagen: „Pass auf, gleich wirst du dein blaues Wunder erleben.“

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Federbein mit Titanfeder einmalig im Serienbau

Und genau so kommt es auch. Die erste Kurve ist noch eng, es folgen zwei flüssige Wechselkurven, der höchste Punkt der Strecke, ehe es eine nach außen hängende Rechts-links-Kombination bergab zu den furchteinflößend schnellen Kurven Arrabiata I und II geht. Und die Ducati Superleggera stürzt sich den Hang hinunter wie ein Falke auf seine Beute. Frappierend, wie gierig und dabei frei von hyperaktiver Nervosität sie in den Kurveneingang hinein schmettert. Dieses hochpräzise, dabei federleichte Einlenken rückt sie weit weg von der Serienmaschine und in die Nähe waschechter Superbikes. Sie fügt sich fast willenlos in immer tiefere Schräglagen, ohne dabei dem Asphalt entgegenzuklappen. Die speziell für die Superleggera gebaute und abgestimmte Öhlins-Gabel widmet sich mit unglaublicher Akkuratesse selbst kleinsten Bodenunebenheiten und liefert fabelhaftes Feedback, was dazu führt, dass man die Über-Duc immer schräger, frecher und selbstbewusster in die Ecken pfeffert.

Das Federbein mit Titanfeder – einmalig im Serienbau – nimmt die Sache von der knackig-sportlichen Seite und sorgt selbst bei heftigen Beschleunigungsattacken für Grip und Stabilität. Wie entfesselt geht der V2 zu Werke. Hängt ultradirekt am Gas. Ab 7000/min dreht er blitzschnell in die Höhe und schiebt mit brutalem Druck vorwärts. Kein Wunder: Die Kurbelwelle wurde von gut 400 Gramm Schwungmasse befreit und mit teuren Wolframstopfen gewuchtet. Waschechte Superbike-Kolben mit nur zwei Ringen sorgen für geringere Reibung und dank gefräster Böden zusammen mit den überarbeiteten Brennräumen und Nockenprofilen für eine auf 13,2 erhöhte Verdichtung, was das Plus an Leistung ergibt. Dieser Vulkan geht so zornig zu Werke, dass keine Zeit zum Verschnaufen bleibt. Kaum feuert man aus einer Kurve hinaus, kommt schon die nächste angeflogen. Selbst auf der 1,1 Kilometer langen Zielgeraden kann man sich nicht ausruhen, denn zu festes Anpacken der Lenkerstummel quittiert die Ducati Superleggera beim Beschleunigen mit spürbarem Rühren.

Souverän agierende elektronischen Helfer

Souverän agieren die überarbeiteten elektronischen Helfer. Die Traktionskontrolle der Ducati Superleggera besitzt nicht nur eine Kalibrierfunktion für verschiedene Reifendimensionen. Sie greift fast unmerklich ein, der neu abgestimmte Schaltautomat sorgt für präzise flutschende Gangwechsel und die neue, einstellbare Wheelie-Kontrolle lässt selbst auf Kuppen das Vorderrad nur leicht über dem Asphalt schweben. Sie ist wie die TC auch vom Lenker aus einstellbar. Diese Ducati ist schlicht ein Traum. Er endet für mich nach knapp 30 berauschenden Minuten. Für 500 glückliche Besitzer ist er wahr geworden.

Foto: Jahn
Die Superleggera unverkleidet. Insgesamt wurden bei ihr im Vergleich zur 1199 Panigale R 12 kg gespart.
Die Superleggera unverkleidet. Insgesamt wurden bei ihr im Vergleich zur 1199 Panigale R 12 kg gespart.

Technische Daten Superleggera

Antrieb
Wassergekühlter Zweizylinder-90-Grad-V-Motor, 4 Ventile/Zylinder, 144 kW (196 PS) bei 11 500/min*, 134 Nm bei 10 200/min*, 1198 cm³, Bohrung/Hub: 112,0/60,8 mm, Verdichtung: 13,2:1, Zünd-/Einspritzanlage, 68-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-AntiHopping-Kupplung, Sechsganggetriebe, Kette.

Fahrwerk
Magnesium-Monocoque, Lenkkopfwinkel: 65,5 Grad, Nachlauf: 100 mm, Radstand: 1437 mm, Ø Gabel­innenrohr: 43 mm, ­Federweg v./h.: 120/130 mm.

Räder und Bremsen
Magnesium-Schmiederäder, 3.50 x 17/6.00x 17, Reifen vorn:120/70 ZR 17, hinten: 200/55 ZR 17, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Fest­sätteln vorn, 245-mm-Einzelscheibe
mit Zweikolben-Festsattel hinten, ABS.

Gewicht
(trocken) 166 kg*
Tankinhalt: 17,0 Liter Super

Grundpreis
65.000 Euro (zzgl. NK)*

*Herstellerangabe

Gewichtsersparnis

Im Vergleich zur 1199 Panigale R

  • Karbon-Verkleidung und weitere
  • Anbauteile: –1 kg
  • Monocoque aus Magnesium, hergestellt im Sandgussverfahren: –1 kg
  • Karbon-Heckrahmen: –1,2 kg
  • Titan-Auspuffanlage: –2,5 kg
  • Schmiede-Magnesium-Felgen:–1 kg
  • Lithium-Ionen-Batterie:–2 kg
  • Gabel und Federbein:–1,4 kg
  • Superbike-Kolben:–194 gr
  • Kurbelwelle mit Ausgleichsge­­wichten aus Wolfram:–396 gr
  • SBK-Kette (520er) und -Kettenrad, Schrauben aus Titan und Frästeile aus Aluminium:–1,3 kg

12 kg Gewichtsersparnis insgesamt (fahrfertig)

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