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Fahrbericht: Ducati Diavel Naked- , Fun- oder Sportbike? Erste Ausfahrt mit der neuen Diavel

Knackige Nakeds und aufregende Funbikes können sie bei Ducati, Sportler sowieso. Doch nun kommt etwas völlig Abgedrehtes aus Bologna: die Diavel. Was genau das ist, erklärte Ducati-Boss Claudio Domenicali auf einer gemeinsamen Ausfahrt mit der teuflischen Maschine.

Die Sonne durchbricht die herbstlichen Nebelbänke. Ein wunderschöner Tag zeichnet sich im fahlen Licht ab. Die Bodenverhältnisse allerdings bleiben tückisch. Teils feuchter Untergrund, nach tagelangem Regen rutschig auch da, wo es trocken scheint. Und überall drohen Schmutz und schmierige Glätte. Möchten Sie hier freiwillig einen Cruiser fahren, der auf einem dieser gemeinhin wenig haftungsfreundlichen 240er-Pneus rollt? Selbst für erfahrene Tester würde das auf einen permanenten Kampf Mensch gegen Maschine hinauslaufen, der Spaß bliebe da wohl weitgehend auf der Strecke.

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Foto: Ducati

Selektive Verhältnisse also, für Testeindrücke jedoch prinzipiell beste Voraussetzungen. Wir rollen auf Multistradas, bilden quasi das Schlepptau für Ducati-Boss Claudio Domenicali, der extra für uns ein Vorserienexemplar des brandneuen Power-Cruisers aus den heiligen Hallen des Bologneser Werks hervorgeholt hat. Natürlich mit der Idee, den Flachmann mal fahrend zu präsentieren: "Mit Fahrer sieht die Diavel noch viel besser aus." Sicher aber auch mit dem Plan im Hinterkopf, die Fähigkeiten des Power-Cruisers zu demonstrieren. Da sind wir aber gespannt, wie der Häuptling der Roten sich unter diesen widrigen Bedingungen mit der walzenbereiften Diavel schlägt.

 

Schon auf wenigen Kilometern von Bologna aus in die umliegenden Berge wird zweierlei deutlich. Nämlich einerseits, dass der Boss hervorragend Motorrad fährt. Was Insidern durchaus bekannt, in Managerkreisen aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Und andererseits, dass die Diavel mit ungeahnter Fahrdynamik aufwartet.
Da muss sich unsereiner mit der Multi schon ordentlich ins Zeug legen, um das flotte Tempo mitgehen zu können. Schier unglaublich ist der Spurt der flachen Flunder vom Stand weg, beeindruckend der Antritt aus Kurven heraus. Da kann man mit der gewiss nicht untermotorisierten Multistrada kaum dran bleiben, selbst wenn man das Kabel bis zum Anschlag reißt. Bei näherer Betrachtung der Eckdaten dieses Powercruisers erscheint das jedoch logisch. Die Antriebseinheit stammt aus der Multistrada, der Testastretta-V2 wurde ohne wesentliche Eingriffe in den Cruiser implantiert. Etwas Feinschliff, einige kleine Änderungen, das wars. Mit neuem Auspuff und geändertem Ansaugtrakt sollen in der Spitze sogar noch zusätzliche Pferdchen mobilisiert werden, auch scheint der Schub von unten stärker. Satte 162 PS gibt Ducati offiziell an, nach der Homologation werden wohl gut 155 PS übrig bleiben. Zum Vergleich: Die Multistrada ist mit 148 PS homologiert, die auch der MOTORRAD-Prüfstand attestierte.

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Foto: Ducati

Dass diese Leistung sich in dermaßen gnadenlosen Schub umsetzen lässt, liegt in der Natur der Sache. Genauer gesagt in der Kombination aus tiefem Schwerpunkt und langem Radstand, die Wheelies verhindert und im Gegenzug gewaltig Traktion am Hinterrad bringt. "Aus dem Stand geht sie besser als eine 1198", berichtet Claudio Domenicali von internen Vergleichsfahrten. Schon jetzt können gern Wetten angenommen werden, ob die Diavel die Beschleunigungsrekorde bei MOTORRAD purzeln lässt. Denn gewiss hat eine Yamaha Vmax mehr Power, eine Triumph Rocket III mehr Hubraum, nur bringen diese beiden Schwergewichte auch mindestens einhundert Kilogramm mehr als der Italo-Dragster auf die Waage. Ducati hat als erster Hersteller konsequenten Leichtbau auch in dieses Segment transferiert. Trotz beindruckender Abmessungen und wuchtiger Erscheinung wiegt die Diavel weniger als die meisten Naked Bikes. Nur knapp über 200 Kilogramm trocken ist die Werksangabe, fahrfertig werden es wohl um die 230 sein. Kein Wunder also, dass Vorturner Claudio Domenicali auch in hart aufeinander folgenden Wechselkurven ein beachtliches Tempo hält. Zumal sich der Cruiser ganz anders abwinkeln lässt, als man das von den Breitreifen-Kollegen gewohnt ist. "Wir wollten ganz neue Maßstäbe in diesem Segment setzen. Die Diavel ist eine echte Fahrmaschine, die genau so begeistert wie eine 1198 oder Multistrada."

Italienischer Überschwang der Gefühle? Könnte etwas dran sein, dass der Chef recht hat. Damit sich die Diavel nicht so störrisch wie die vergleichbaren Maschinen fahren lässt, haben die Bologneser in Zusammenarbeit mit Pirelli einen ganz speziellen 240er-Hinterradreifen mit flacher konturierten Schultern und 17 statt der üblichen 18 Zoll Durchmesser entwickelt, der außerdem reichlich Grip bietet. Das führt zu einem neutraleren Lenkverhalten als bei bisherigen Powercruisern. "Mit der Diavel kannst Du einen sauberen Strich fahren, Bodenwellen werfen sie nicht aus der Bahn", behauptet der Ducati-Boss. Und das klingt angesichts des beachtlichen Tempos auf den winkligen Passstraßen durchaus glaubhaft. Und geradeaus läuft sie auch mit unerschütterlicher Stabilität, wie ein Zwischenspurt auf der Autobahn zeigte. Die Frage, ob der Cruiser oben abgeriegelt ist, konnte der Firmenchef allerdings nicht beantworten: "Topspeed haben wir nicht getestet." Diesen Job wird MOTORRAD im kommenden Frühjahr gern übernehmen.

Foto: Ducati

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, je zwei obenliegende, zahnriemengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, desmodromisch betätigt, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, 0 64 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 520 W, Batterie 12 V/12 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 43:15.
Bohrung x Hub: 106,0 x 67,9 mm
Hubraum: 1198 cm³
Nennleistung: 119,0 kW (162 PS) bei 9500/min
Max. Drehmoment: 128 Nm bei 8000/min.


Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 265 mm, Zweikolben-Festsattel, ABS.
Alu-Schmiederäder 3.50 x 17; 8.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 245/45 ZR 17

 

Maße+Gewichte
Radstand 1590 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Nachlauf 130 mm, Federweg v/h 120/120 mm, Sitzhöhe 770 mm.
Trockengewicht: 207 kg
Tankinhalt: 17 Liter.
Garantie: zwei Jahre
Farben: Rot, Rot/Schwarz, Rot/Carbon
Preis: 16690/19990/20190 Euro

Interview mit Ducati Projektmanager Giulio Malagoli

Foto: Ducati

?  Einen Powercruiser gab es von Ducati noch nie. Was für eine Idee steckt dahinter?
Wir schaffen, was auf dem Markt noch nicht existiert. Natürlich ein sportliches, leistungsstarkes Motorrad - schließlich sind wir Ducati - dabei aber mit aufrechter Sitzposition, also bequem, und vor allem mit einer avantgardistischen, extremen Optik. Zentraler Punkt war der mächtige Hinterreifen, das Motorrad wurde sozusagen um ihn herum gebaut. Angefangen haben wir mit existierenden 240ern, weil die aber unseren Ansprüchen nicht genügten, haben wir dann zusammen mit Pirelli einen 240er für ein 17-Zoll-Rad entwickelt. Er ähnelt vom Profil her einem MotoGP-Reifen, ist also sowohl optisch als auch technisch etwas Besonderes. Und das gilt für das ganze Motorrad.

?  Was gibt es denn sonst noch für Besonderheiten?
Damit die Diavel mächtig aussieht, hat sie zwar einen relativ langen Radstand, der eigentliche Körper bleibt dabei aber kompakt. Die elementaren Funktionsteile finden sich nämlich auf ganz engem Raum, von der komplexen Elektronik bis zu den beiden Wasserkühlern. Außerdem ist die Diavel trotz ihres beeindruckenden Auftretens leicht, sie wiegt 207 Kilogramm - das geht nur mit allerbesten Komponenten. Mit ihren Instrumenten auf zwei Ebenen und den LED-Leuchten ist sie hochmodern und raffiniert. Und sie ist sexy, das war eine Prämisse für die Entwicklung. Wir definieren das so: Wenn Sie an der Ampel anhalten und die Diavel anschauen, sollten Sie Lust haben, sie anzufassen. Deshalb haben wir die Formen und Oberflächen besonders sorgfältig entwickelt. Für mich persönlich ist die Diavel eine wahre Skulptur.

?  Wer könnte der typische Diavel-Kunde sein?
Den gibt es nicht, das können ganz unterschiedliche Leute sein. Die Diavel beschleunigt und bremst besser als die 1198, hat also ein Sportlerherz. Dabei bietet sie eine entspannte Sitzposition, sie ist handlich und lässt sich wie ein Naked Bike fahren. Und mit ihrer Optik ist sie auch für Cruiser-Fans interessant. Unsere Vorstellung ist, dass man sich mit ihr verschiedene Motorradwelten erfahren kann - im wahrsten Sinn des Wortes.


?  Ist die Diavel für die derzeitige Lage auf dem Markt nicht zu exklusiv, sprich: zu teuer?
Das glauben wir nicht. Wir haben von der Multistrada in diesem Jahr 8000 Stück verkauft, und die ist ja auch nicht billig, aber ebenfalls ein ungewöhnliches Motorrad. Unsere Strategie gegen die Krise heißt Angriff, nicht Verteidigung, und dazu gehört, etwas Neues zu wagen.


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