Fahrbericht Ducati ST2 Spagati Bolognese

Mit der neuen Ducati ST2 verlassen die Bologneser den Weg der kompromißlosen Sportlichkeit und wagen nach dem Versuch mit den wenig erfolgreichen Paso-Modellen ein weiteres Mal den schwierigen Spagat zwischen Tourer und Sportler.

Jetzt ist es soweit. Eine Ducati mit Koffer, das ist wie Pizza mit Würstel, wie Cappucino mit Schlagsahne aus der Sprühdose. Das ist Stilbruch, das ist Verrat.
Halt, ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Wer sich die Zeit nimmt, der Argumentation der Ducati-Verantwortlichen zu diesem Thema zuzuhören, der wird ein Einsehen haben. Denn die ST2 ist eine simple Reaktion auf die Marktentwicklung, die auch für die Zukunft dem Segment der sportlichen Allrounder ein stetiges Wachstum voraussagt. Und da die seit Jahren erfolgreiche 916 auf Dauer nicht alleiniger Garant für eine sichere Zukunft sein kann, muß auch Ducati im tourensportlichen Bereich was zu bieten haben.
Der erste Schritt in diese neue Zukunft heißt Ducati ST2 und präsentiert sich unter südspanischer Sonne erstmals der neugierigen Fachpresse. In klassischem Ducati-Rot, edlem Silber und dezentem Schwarz glitzern die ersten zehn Prototypen. Und siehe da, keine der Maschinen trägt Koffer. Doch noch eine Besinnung auf die sportliche Tradition? Nein, der Hersteller ist mit der Produktion etwas in Verzug geraten, so daß erst ab frühestens September mit der Auslieferung der immerhin zwischen 700 und 900 Mark teuren Staufächer zu rechnen sein darf.
Daß es die Italiener mit dem neuen Projekt ernst nehmen, ist an den technischen Details der ST2 zu erkennen. Nur vom Feinsten, lautet offensichtlich die Devise. Der Gitterrohr-Rahmen stammt von den 888-Modellen, lediglich der Lenkkopf wurde um ein halbes Grad flacher gestaltet. Vorn übernimmt eine voll einstellbare Upside-down-Gabel von Showa die Radführung, hinten kommt das Federungssystem der 916 zum Einsatz. Das ebenfalls voll einstellbare Showa-Federbein wird dabei von der stabilen Alu-Schwinge sowie über eine Schubstange und eine Wippe in die Zange genommen. Aus dem 916-Fundus stammen außerdem die bildschönen Schalt- und Fußbremshebel.
Auch auf der Antriebsseite wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das Herz der ST2 bildet der auf 944 Kubikzentimeter aufgerüstete Zweiventil-Motor. Dem altbekannten Vau wurde aber neben mehr Hubraum auch noch eine Wasserkühlung und eine elektronische Einspritzanlage spendiert. Zwar sind ihm mit seinen prophezeiten 83 PS leistungsmäßig nach wie vor Grenzen gesetzt, doch mit Blick auf die eher touristische Auslegung der Konzepts setzt Ducati auf besseren Drehmomentverlauf und eine fülligere Leistungskurve im unteren Drehzahlbereich.
Also endlich los zur ersten Testfahrt. Die beginnt gleich mit einer angenehmen Überraschung. Die Kontrolleuchten im Cockpit entsprechen endlich japanischem Standard. Selbst unter voller Sonneneinstrahlung verliert man nicht mehr den Überblick. Sogar an eine übersichtliche, gut ablesbare digitale Tankanzeige und eine Uhr hat man gedacht. Respekt.
Weniger deutliche Fortschritte hat die Überarbeitung des Motors gebracht. Unter 3000/min immer noch nicht besonders kultiviert, bollert der Vau aber recht kräftig durch den mittleren Drehzahlbereich. Dieser erfeuliche Tatendrang verliert sich allerdings schon kurz hinter der 8000er Markierung auf dem Drehzahlmesser. In die Gefahr, gegen den elektronischen Bregrenzer zu laufen, gerät der Ducatisti daher kaum.
Rechtzeitiges Schalten ist angesagt, aber das ist gar nicht so leicht. Der Abstand zwischen Schalthebel und Fußraste ist so klein, daß selbst ein Stiefel der Schuhgröße 38 kaum dazwischen paßt. Ansonsten jedoch paßt auf der ST2 alles wie angegossen. Die hohen Lenkerhälften sind perfekt gekröpft, die Sitzbank ist angenehm weich gepolstert, und die Fußrasten sind tief genug montiert, so daß einem nicht schon nach einer halben Stunde die Füße mangels ausreichender Durchblutung einschlafen.
Neben einem rutschigen Belag bieten die spanischen Landstraßen um Jerez vor allem Löcher und Wellen, von denen sich die ST2 nicht aus der Ruhe bringen läßt. Souverän bügelt sie selbst übelste Kanten glatt, ohne harte Schläge an den Fahrer weiterzugeben oder gar mit einem zappelnden Fahrwerk zu reagieren. Vor allem die weich abgestimmte Hinterhand überzeugt durch unglaubliche Sensibilität im Ansprechverhalten.
Im Gegensatz zu den reinrassigen Sportlern aus Bologna muß die ST2 vor allem bei höheren Geschwindigkeiten Stabilität nicht mit eingeschränktem Handling bezahlen. Ein Pluspunkt, der nicht zuletzt auf die innovative Technik der neuen Null-Grad-Stahlgürtelreifen von Metzeler zurückzuführen ist. Der ME Z4 ist im Landstraßenbetrieb ein Muster an Stabilität bei hervorragenden Handlingseigenschaften. Wenn auch die Mischung am Hinterrad zum Zwecke besserer Laufleistungen ein wenig hart gewählt wurde und so den vertrauten bayrischen Grip etwas vermissen läßt, lassen sich jetzt auch bei höheren Geschwindigkeiten Richtungswechsel ohne Brechstange einleiten. Neutralität beweist die Touring-Ducati auch in Schräglage. Ohne lästiges Aufstellmoment reagiert sie jederzeit gelassen auf spontane Kurskorrekturen, Bodenwellen oder Bremsmanöver.
Wobei verzögern nicht unbedingt die Paradedisziplin der ST2 ist. Vorn ist ein klarer Druckpunkt kaum zu ertasten, die benötigte Handkraft ist, wie bei der Kupplung leider auch, sehr hoch, und ein besonderes sicheres Gefühl will einfach nicht aufkommen. Hinten ist selbst bei brutaler Betätigung des zierlichen Fußhebels kaum Wirkung zu erzielen.
Enormen Kraftaufwand erfordert auch das Aufbocken der ST2. Trotz des praktischen Hebels an der linken hinteren Fußrastenplatte dürfte dieser Akt unter Zuladung von Gepäck nur ein Fall für gut trainierte Gewichtheber sein. Und die Bedienung des Seitenständers für kleine Leute ist ohne Abzusteigen kaum möglich. Die von selbst einklappende Stütze ist zu ungünstig plaziert.
Ob die Plazierung der 700 geplanten und ab Anfang Mai lieferbaren im deutschen Markt so funktioniert, wie sich Ducati das vorstellt, muß sich dagegen noch zeigen. Denn bei dem stolzen Preis von 19 990 Mark plus Fracht und Koffer könnte bei den derzeitigen Dumpingangeboten der Konkurrenz der ein oder andere Interessent seine Vorliebe für italienische Küche vergessen, um doch lieber zu japanischer Hausmannskost zu greifen.

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