Fahrbericht Harley-Davidson Dyna Super Glide Sport Big Bore

Die reine Leere

Wer in den Endtopf dieser speziellen Dyna Glide schaut, findet nichts. Jedenfalls nichts, was Schall dämpft. Aber auch sonst verkörpert die schwarze Harley die reine Lehre.

Mit den gesetzlichen Bestimmungen ist das so eine Sache. Man freut sich, daß es sie gibt, wenn dem Nachbarn Sonntags morgens um acht der schlechte Pflegezustand seines Zierrasens auffällt. Man ärgert sich darüber, wenn einem selbst bei jeder Ausfahrt die mangelnde Leistungsbereitschaft und die nicht vorhandene akustische Präsens seiner Harley bitter aufstößt. Nun gibt es ja Mittel und Wege, den Milwaukee-Twins auf die Sprünge zu helfen. »Big Bore« ist das Stichwort, unter dem die deutsche Harley-Dependance ein schlichtes, schwarzes Fahrgerät auf die Räder gestellt hat. Big Bore: Dahinter verbirgt sich ein Konglomerat von Stimulantien, implantiert in eine Dyna Super Glide Sport (Test MOTORRAD 24/1998), um zu zeigen: Das wäre möglich. Hier steht der Konjunktiv - man ahnt es - weil da die Sache mit dem Nachbarn ist. Denn sollte irgend jemand auf die Idee kommen, diese Dyna Glide am frühen Sonntag morgen vor der heimischen Garage zu starten, dürfte selbst in der verschworensten Straßengemeinschaft Feuer unterm Dach sein.
Das liegt vor allem daran, daß die Zwei-in-eins-Anlage in ihrem früheren Leben ein Megaphon gewesen sein muß. Wären da nicht die Windungen des Krümmers, man könnte - ohrenbestöpselt - den Ventilen beim Auf und Ab zuschauen, so leergeräumt ist der - nennt man das Schalldämpfer? Also, ab auf die Rennstrecke damit! Harley hin, Davidson her. Denn auch wenn das Fahrwerk der Dyna Glide bis auf Stahlflex-Bremsleitungen unverändert blieb und die Fußrasten sogar weiter vorne und höher als beim Original liegen: Der Motor rechtfertigt den Einsatz auf abgesperrter Strecke. Weil er so stark ist, wie er laut ist. Weil er durchzieht wie ein Ochse. Weil er einfach Spaß macht.
Beispiele gefällig: Von 60 auf 100 km/h benötigt die »Big Bore« im fünften und letzten Gang 4,7 Sekunden und damit nur eine gute halbe Sekunde länger als eine Kawasaki ZRX 1100 (4,0 sek), aber fast zwei Sekunden weniger als die normale Dyna Glide (6,5 sek). Den Sprint von null auf hundert erledigt sie in aufregenden 3,5 Sekunden. Aufregend nicht wegen der Zeit - das können andere auch und besser - sondern wegen der ungeheuren Präsens, mit der jeder Meter erlebt wird. Dieser Motor schüttet seine Kraft aus. 97 PS, die schon im Standgas zu erahnen sind. Er schüttelt sich, arbeitet, lebt. Das Luftfiltergehäuse massiert die rechte Wade, das Vorderrad tanzt im Takt dazu. Das ist Tatendrang. Und das bleibt auch so, die ganze Gangpalette rauf. Bis knapp an die 200er Schallmauer. Ohne Zaudern, ohne Zögern, immer mit Nachdruck. Kein Wunder, denn 156 Newtonmeter bei knapp 4000 Umdrehungen sind ein Wert, der normalerweise im Automobilbereich angesiedelt ist. 125 Newtonmeter bei 1500 Umdrehungen würden so manchem Mittelklassewagen Ehre machen. In jedem Fall machen sie bei der Big Bore das Getriebe eigentlich überflüssig. Und das ist die andere, wahre Seite dieses Motorrads. Egal welche Drehzahl: Der Zug am Draht wird mit Vortrieb der ursprünglichen Art quittiert. So sollte es bei jeder Harley sein. Und so ist es bei dieser speziellen.
Damit kommen wir zum Schluß und zum illegitimen Teil dieser Geschichte. Denn um die Dyna Glide auf diesen unbekannten Leistungsgipfel zu treiben, sind umfangreiche Maßnahmen notwendig (siehe Kasten). Maßnahmen, die, soweit am Motor vorgenommen, eines gemeinsam haben: Sie sind - im Gegensatz zu den starken aber legalen Buell-Modellen - genauso verboten wie die Amphetamine für den Leistungssportler. Nur leichter nachzuweisen, jedenfalls in dieser Dosierung. Und so dürften die meisten Harleys weiter legal ihre Kreise ziehen. Im Sinne guter Nachbarschaft. Aber schade ist es schon. Im Sinne der reinen Lehre.
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