Fahrbericht Harley-Davidson Night Rod Ab durch die Mitte

Genau zwischen Power-Cruiser V-Rod und Kurven-Wetzer Street Rod hat Harley die Night Rod platziert. Schwarz wie die Nacht – man kann sie aber auch tags fahren.

W enn ein Hersteller das Baukasten-System beherrscht,
dann ist das Harley-Davidson. Einige Elemente von einem Modell, ein paar von einem anderen – und schon hat ein völlig neues Motorrad das Licht der Welt erblickt. So ein Beispiel
ist nämlich die Night Rod, als Ergebnis der Kreuzung zwischen
V-Rod und Street Rod.
Das verbindende Element: die »Revolution-Engine«. Selten war eine Motoren-Generation treffender betitelt als diese. Denn was sich Harley 2002 zum damals 99. Firmen-Geburtstag mit dem
völlig neuen Twin der V-Rod schenkte, glich wahrhaftig einer
Revolution: Wasserkühlung, vier Ventile, oben liegende Nockenwellen, 60 Grad Zylinderwinkel und – nicht zuletzt dank Porsche-Hilfe – richtig Leistung. 117 PS, die sich auch knapp vier Jahre später nicht verstecken müssen. Schnell kam der Wunsch auf, diesen Motor aus dem flachen Cruiser-Fahrwerk der V-Rod in eine sportliche Variante zu verpflanzen. Harley erfüllte ihn und schob 2005 die Street Rod nach: prima funktionierendes Fahrwerk, eine fast schon sportlich zu nennende Sitzhaltung – Japans Vierzylinder bekamen US-Konkurrenz. So viel zu den Elternteilen.
Und damit direkt zum Nachwuchs: Durch ihre mittig à la Street Rod montierten Fußrasten und die niedrige Sitzhöhe à la V-Rod wirkt die Neue auf Anhieb wie ein Kompromiss zwischen beiden. Was ja irgendwie auch stimmt. Tief, aber nicht in der Hüfte
geknickt wie ein leicht geöffnetes Klappmesser, sondern ein
wenig gebeugt und mit deutlich angewinkelten Knien, nimmt
der Night-Rod-Treiber in der Sitzmulde in nur 660 Millimeter
Höhe Platz. Der flache Low-Rise-Lenker lädt ein zur Lauerstellung hinter der windschnittig gereckten, kleinen Cockpit-Kapuze.
»Dezent-aggressiv« nennt Harley die Sitzposition. Und so lässt sich die neue Night Rod auch fahren.
Jedenfalls solange es geradeaus geht. Anfangs seidenweich und unaufdringlich, bei höheren Drehzahlen dagegen wild hämmernd vor lauter Durchschlagspower schiebt die Kraft aus den beiden düsteren, schwarz beschichteten Zylindern die Fuhre an. Cruiser-like, dem 36 Grad flachen, gereckten Gabelwinkel und dem Rahmen-Layout der V-Rod entsprechend, lässt sich die Night Rod wie ein schwerer Dampfer durch Kurven bugsieren – leider bei weitem nicht so agil wie die dynamischer ausgelegte Street Rod. Zudem hat sie nicht deren Schräglagenfreiheit,
sondern kratzt mit den Rasten und der (wiederum von der Street Rod stammenden) Straight-Shot-Dual-Auspuffanlage schon früh am eben erst von Harley aufgebauten Sportler-Image. Ebenfalls von der V-Rod geerbt hat der neue Nacht-Hammer das kleine, unterm Sitz im Rahmendreieck versteckte Tankvolumen von lediglich 14 Litern. Dafür aber darf er sich mit einem zweiten Tages-
kilometerzähler brüsten. Und damit, dass die Selbstschärf-Funktion der serienmäßigen Alarmanlage künftig abschaltbar sein wird.
Erstklassig funktionieren die drei Brembo-Vierkolben-Stopper, die bereits in der Street Rod eine viel gelobte Premiere feierten. Da auch die V-Rod davon profitieren soll, wird 2006 die komplette Baureihe der drei wassergekühlten Harley-Modelle mit der italienischen Bremsanlage aufgerüstet. Womit wir wieder beim Baukastenprinzip wären.

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