Fahrbericht Harley-Davidson VRSCR Street Rod Harley goes Europe

Weil Amerika langsam zu klein wird für Harley – und Harley für Ami-Land zu schnell: Mit Porsche-Power und Brembo-Bremsen nimmt die VRSCR Street Rod Kurs auf die alte Welt.

Foto: Jahn
Es geht hier um nichts Geringeres als eine neue Dimension des Motorradfahrens: Harley-Davidson VRSCR Street Rod. Gefühlte 2,70 Meter Radstand. Echte 295 Kilogramm vollgetankt. Eine Straßenlage, als würde man von der geballten Kraft eines 17000-Watt-Staubsaugers auf den Asphalt gezogen.
Schmaler Lenker, dralle Taille, »completely freestyle« Sitzposition – irgendwo zwischen sportlich und breitbeinig-feist. Jedenfalls nie da gewesen. Und dann
diese fetten 120 PS, aus zwei mächtigen, zusammen 1131 Kubik fassenden Töpfen: Vollwert-Power, die dir im Faustumdrehen das Visier gegen die Nase klatscht.
Visier, ja. Am besten verspiegelt. Jethelm und Fransenfummel sind auf der Street Rod so angesagt wie Ballettschuhe auf einer Planierraupe.
Harleys Newcomer: ein Heizeisen – »born on the track«. Seine Destination:
Europa. »The all American company« auf Abwegen. Noch mehr als um neue Fahr-
gefühle geht’s hier nämlich um erweiterte Jagdgründe. Um die Suche nach Absatzmöglichkeiten fern speedlimitierter Highways und graubärtiger Countryroad-Folklore. Denn die eigenen Reihen sind gestopft mit Harleys, die USA proppenvoll davon. Fast 50 Prozent Marktanteil grenzen ans Unsittliche und an rund 245000 Neuzulassungen per anno. Viel mehr geht nicht.
»Old Europe« indessen vertrüge noch einiges aus Milwaukee, hier dümpeln die Amis bei seichten sieben, acht Prozent. Machte im vergangenen Jahr gerade mal 22636 verkaufte Maschinen, 2140 davon 117 PS starke V-Rod.
V-Rod: die Anti-Harley. Wir erinnern uns an den Aufschrei der Puritaner, als Willi G. Davidson im Juli 2001 die Katze aus dem Sack und den »Power Cruiser« vom Stapel ließ. »Das ist das Ende
der Welt«, brüllten sie: Wasser- statt
Luftkühlung, »Blasphemie!«, vier statt zwei Ventile, »Verrat!«, Nass- statt Trockensumpfschmierung – ohne Worte. Am aller, allerschlimmsten aber schmerzte die
Grätsche des Zylinderwinkels: Von 45 auf
obszöne 60 Grad entgleist, stand er für den Ausverkauf sämtlicher Traditionen.
»Revolution Engine« – der Name des drehfreudigen Motors war Programm. Dass Porsche/Weissach hinter der Entwicklung des Kurzhubers steckte, erzürnte die treue H.-D.-Gefolgschaft noch mehr.
In »Gods own country« sollte die V-Rod bitter dafür büßen. Während Europa einer verschärften Version der VRSCA entge-
genfieberte.
Jetzt also VRSCR Street Rod. Live aus San Diego. Und damit es wenigstens einmal gesagt ist, bevor es wieder vergessen geht: VRSCR steht für »V-Twin Racing Street Custom Roadster«. Da steckt doch wirklich mal alles drin. Heraus kommt in erster Linie Druck. Unparfümiert. Hochprozentig. Asphaltvernichtend.
Natürlich wird es Leute geben, die behaupten, es sei nicht genug. Solche Leute gibt es immer – in der Regel haben sie noch andere Probleme. Mit ihren Gören, ihrem Haar- oder Bauchansatz. Sie werden also erzählen, die neue Harley habe sie druckspezifisch enttäuscht, vor allem von unten her. Man sollte diesen Menschen zuhören, weil sie Zuwendung brauchen, trauen sollte man ihnen nicht.
Tatsächlich mimt der Zweizylinder bis etwa 4000 Touren den eher harmlosen Brüter. Dann jedoch schlägt die Stimmung komplett um, die Tonart driftet ab ins
Aggressive, und von da an scheint selbst Amerika viel zu klein für die Gier, mit der die Street Rod ihre Umwelt verputzt.
Völlig straßenverpflastert poliert sie ihrer Höchstleistung bei 8250/min entgegen, während du alle Hände voll zu tun hast, nicht willenlos aus dem Sattel gefegt zu werden. Ein unkonzentrierter Moment, und die Sache wäre gelaufen: Herrenlose Street Rod fräst durch Kalifornien, mutmaßliche Fahrerin flattert in die Gegenrichtung.
Mit Erleichterung nimmst du den Drehzahlbegrenzer zur Kenntnis, der dich bei 9000/min vorm noch Schnellerwerden bewahrt. Im dritten Gang greift er bei rund 170 Sachen, im vierten so um die 200 herum – den fünften soll auswringen, wer will.
Ihre drei PS Vorsprung auf die 221 km/h rennende V-Rod verdankt die Street-Version den neuen »Straight-Shot-Dual-Schalldämpfern«. Eine nette Dreingabe, zu der man nicht nein sagt, weil PS ja stets auch Prestige bedeutet.
Echt Gewinn bringend sind die Modi-
fikationen am Fahrwerk. Allen voran, ganz banal, die Positionierung der Fußrasten. Endlich sitzen die Dinger dort, wo sie
hingehören: direkt unter, nicht einen Meter vor dir. Also ziemlich genau auf der Höhe, wo die V-Rod ihre Soziusrasten trägt.
Früher hätte Harley nach solch einer Transplantation schon mal ungeniert ein neues Modell ausgerufen. Heute erfährt man quasi im Nebensatz, dass um die Fußrasten herum das komplette Fahrwerk dynamisiert wurde: steilerer Lenkkopf-
winkel, weniger Nachlauf, etwas kürzerer
Radstand. Kombiniert mit längeren Federwegen und an der Hüfte geliftetem Rahmen, macht das angeblich plus acht Grad Schräglagenfreiheit. Bodenproben auf den windungsreichen Bergstrecken hinter San Diego bestätigen diesen Wert. Und den athletischen Anspruch der Street Rod.
Mit der Vehemenz eines Hammerwerfers legt sich der Speedbrocken in Kurven: voll versammelt, wild entschlossen – und einmal auf Kurs, kaum noch abzulenken. Spontane Richtungswechsel sind nicht ganz so sein Ding. Ihn träge zu nennen wäre allerdings gelogen. Helfen könnten ein etwas breiterer Lenker und zwei, drei Burnouts gegen die Garagenwand, auf dass der Radstand noch weiter schrumpfe und der Lenkkopf noch ein paar Grad steiler stehe.
Wär’ aber schade um die schöne, neue Gabel. Upside-down! Und von Showa
prima abgestimmt. So straff, dass man
die »all new Brembo four piston brakes« in all ihrer Herrlichkeit nutzen kann. Solche Bremswirkung gab’s bei Harley noch nie – war auch nicht wirklich nötig. Denn die Zeichen standen ja selten auf Sturm.
Das soll sich jetzt ändern. Mit der Street Rod tritt Harley in den Wettstreit um sportliche Anerkennung. Und 16155 Euro sind eine erste Drohung.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote