Fahrbericht Harley-Umbau

Gut eingespritzt ist halb gewonnen. Zumindest wenn es um niedrige Abgaswerte geht. Challenge one, die Harley zum sauber bleiben.

Es sind immer die gleichen. Mit nichts sind sie zufrieden, immer meinen sie alles besser machen zu können und nie können sie sich mit den Tatsachen des Lebens abfinden. Einer dieser ständig Unzufriedenen ist Jo Hüßner, Chef der Firma Fast Bike Challenge in Freirachdorf im Westerwald. Sein Beitrag zum Thema »bessere Welt« trägt den Namen Challenge one und ist laut Pressetext die erste schadstoffarme Harley Deutschlands.

Daß es sich bei dem aufwendigen Umbau einer 1200 Sportster nicht nur um einen schön lackierten Blender handelt, wird schnell klar. Diese Harley ist wirklich anders als andere. Der große Unterschied zur breiten Masse steckt nämlich unter dem klassischen Luftfilterdeckel auf der rechten Motorseite. Unter der verchromten Glocke macht sich jede Menge Elektronik breit, vom gewöhnlichen 40er Keihin-Vergaser keine Spur. Statt dessen sorgt sich eine Einspritzanlage der amerikanischen Firma Whitek um die richtige Gemischaufbereitung der High-tech-Harley.

Daß funktioniert? Und wie. Tadellos nimmt die Challenge one Gas an, begeistert durch einen ungewohnt kräftigen Antritt schon aus niedrigsten Drehzahlen und wirkt auch im oberen Bereich noch viel lebendiger als eine serienmäßige Sportster. Es fällt schwer zu glauben, daß die Spitzenleistung der Challenge one kaum über den serienmäßigen 58 PS einer Sporty liegen soll.

Die 4550 Mark (plus 250 Mark für das Gutachten) teure Einspritzanlage, die auf alle Modelle mit Flangemount-Ansaugstutzen paßt, läßt alle Technik-Herzen höher schlagen, denn das blau elloxierte Cockpit bietet endlose Möglichkeiten für’s Spiel ohne Grenzen. Über drei harmlos wirkende Knöpfe können Daten wie Drehzahl, Motortemperaturen oder Einstellwerte der Einspritzanlage abgefragt werden. Weiter kann die gesammte Recheneinheit des Bordcomputers programmiert werden und somit die Gemischzusammensetzung und der Zündzeitpunkt, in allen nur erdenklichen Bereichen von Leerlauf bis Volllast verändert werden. Damit allzugroßer Spieltrieb keinen Schaden anrichten kann, genügt ein kurzer Druck auf den richtigen Knopf, und alle Parameter werden wieder auf die im TÜV-Gutachten festgelegten Werte zurückgesetzt. Die Überwachung solcher Eigenexperimente mittels montierter Lambda-Sonde und dem Anzeigegerät im Cockpit fällt allerdings etwas schwer. Das kleine Mobilgerät reagiert für solche Zwecke einfach zu träge und ungenau.

Deutlich besser informiert dagegen die LED-Anzeige ganz links im Cockpit. Der sogenannte Shiftminder signalisiert dem Fahrer den richtigen Zeitpunkt zum Hochschalten. Mit steigender Drehzahl leuchtet ein Lämpchen nach dem anderen auf. Wenn das letzte der sechs Lämpchen brennt, heißt das: Schalten. Dabei kann die Drehzahl für das Aufleuchten der einzelnen Lämpchen frei programmiert werden. Freilich keine lebenswichtige Sache, aber ein nettes Spielzeug für große Kinder.

Und wenn wir schon bei ungewöhnlichen Gymmiks sind, darf auch der Schaltautomat nicht fehlen. Ein kurzer Tritt auf den Schalthebel, und schon ist der nächste Gang kaum hörbar und ohne das Gas zu lupfen eingerastet. Und das bei einem Harley-Getriebe, kaum zu glauben aber wahr.

Nun sind aber nicht alle Feinheiten der Challenge one so auffällig und publikumswirksam wie Einspritzung, Schaltautomat und Shiftminder. Nur der wahre Harley-Kenner wird sich auch an ihren inneren Werten ergötzen. Zum Beispiel an einer Barnett Kupplung, Alu-Stößel Cover und einstellbaren Stößelstangen oder der Crane »two in one« Zündspule.

Natürlich sollte sich diese Harley nicht nur technisch von ihren Artgenossen abheben. Bananen-Tank und Badlander-Sitz gehören ebeso zum guten Ton wie ein Drag Bar-Lenker oder die wuchtigen Steamliner-Griffe und Fußrasten. Und damit die Challenge one auch von vorne eine Gute Figur macht, wurde die schmale Seriengabel durch einen imposanten Jos 5° Wide Glide Kit aufgemöbelt.

Nicht allein der Optik wegen spendierte Jo Hüßner seinem Baby eine leistungsstarke Sechskolbenzange von Billet und eine schwimmende Bremsscheibe. Dennoch ist der Callenge-Fahrer auf die tatkräftige Unterstützung des voluminösen Hinterradstoppers angewiesen. Denn durch die ungünstige Gewichtsverteilung der Sportster kann die Mehrleistung der Vorderradbremse kaum in bessere Verzögerung umgemünzt werden. Dem Reifen fehlt dazu leider die notwendige Haftung, das Vorderrad neigt so zum Überbremsen.

Die Schwächen im Fahrwerksbereich können den gevieften Geschäftsmann und Ex-Rennfahrer Hüßner allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Zwar stammt seine Kreation von einer Sportster ab, doch nicht immer ist der Name auch Programm. Trotz aller technischen Raffinessen und durchaus sportlichem High-tech wie Schaltautomat, digitalem Drehzahlmesser oder LED-Shiftminder ist die Challenge one in erster Linie Spaß- und Bummelmobil. Und mit einem reinen Matrialwert von 40 000 Mark auch viel zu schade, um in einem schäbigen Straßengraben zu landen.

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