Fahrbericht: Custom Bike Hollister's Custom Twin Standard

Mit der Kleinserie Custom Twin offeriert die Bike-Schmiede Hollister’s die Exklusivität edler Einzelstücke zum - relativ - moderaten Preis. MOTORRAD fuhr die Standard-Version für 29500 Euro.

Foto: jkuenstle.de

Wer es nicht weiß, fährt glatt vorbei. Die mittlerweile weltbekannte Custombike-Schmiede Hollister‘s versteckt sich in einem schmucklosen Fachwerkhaus in Horgen, einem 750-Seelen-Kaff nahe Rottweil, Baden-Württemberg. In der zum Showroom ausgebauten Scheune drängen sich auf 160 Quadratmetern Stellfläche gut drei Dutzend Motorräder. Darunter auch Showbikes wie die Phantom, mit der Hollister‘s-Boss Volker Sichler im Jahr 2002 in Daytona die Weltmeisterschaft im Custombike-Bau in der Kategorie "Best of Show" gewonnen hat. Das Ding sieht aus, als wäre ihm die Hauptrolle in der neuesten Alien-Folge gewiss.

Sichler, ein drahtiger Typ mit kammfreundlichem Haar, steht lässig kaugummikauend an einem seiner Schöpfungen und kann sich gar nicht recht erinnern, wie viele Bikes er in seinem Leben gebaut hat. Seit 1999 hat der gelernte Mechatroniker die Zertifizierung als Hersteller nach EU-Richtlinien mit eigener Herstellernummer, seit 2008 darf er sogar COC-Papiere ausstellen, die eine problemlose Zulassung innerhalb der EU sowie der Schweiz und Australien gewährleisten. Bei allen Motorrädern handelte es sich bislang um Einzelstücke. Doch ab diesem Jahr hat der 45jährige Schwarzwälder sich auf die Fahne geschrieben, eine bezahlbare Kleinserie von Custombikes aufzulegen, die einen gekonnten Mix aus Individualität und Massenware zulassen.

Zwei Dinge, die sich im Grunde genommen widersprechen. Dass sie trotzdem funktionieren, beweisen die drei Custom-Twin-Varianten, die repräsentativ vor der Haustür parken. Die Ausführungen Standard (29500 Euro), Special (32500 Euro) und Deluxe (34500 Euro) liegen optisch nahe beieinander, unterscheiden sich durch Details wie Lackierungen, Auspuffanlagen, Reifendimensionen, Felgen, Tanks.

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Foto: jkuenstle.de

Das Sitzkissen ist nur sagenhafte 56 Zentimeter über dem Boden platziert. Aber nicht unbedingt bequem, denn der Sattel drückt an den Schenkeln. Ein Manko, das Sichler bereits erkannt hat und in der Serie noch beheben will. Lässig per Knopfdruck nimmt der RevTech-Motor seine Arbeit auf. Aus 1442 Kubik produziert er gerade mal 60 PS. Gang rein - hupps, ein Akt, der sich nicht verheimlichen lässt. Und los geht‘s. Zwar verhalten, aber irgendwie majestätisch. Der luftgekühlte V2 hängt gut am Gas, wirkt allerdings etwas phlegmatisch. Egal, passt. Sichlers Kunden bekommen ihre Fahrzeuge ausschließlich im eingefahrenen Zustand. 1000 Kilometer fahren der Meister oder seine Mitarbeiter selbst, damit sich Getriebezahnräder aufeinander einspielen und Schrauben setzen können.

Die ersten Meter sind gewöhnungsbedürftig, wenn man von einer japanischen Serienmaschine umsteigt. Der Lenkkopfwinkel ist mit 52 Grad alles andere als handling-fördernd. Und der 240er-Schlappen spürt selbst die kleinste Bodenwelle zielsicher auf und nimmt sie zum Anlass, Unruhe ins Fahrwerk zu leiten. Doch wer sich über solche Charaktereigenschaften beschwert, sitzt auf dem falschen Untersatz. Hier geht es nicht um Handling, nicht ums Kurvenkratzen, sondern einzig allein ums Fahrgefühl. Und das ist bekanntermaßen eine subjektive Wahrnehmung. Yamaha Virago-Vorbelastete werden den 285 Kilogramm schweren Brummer wahrscheinlich schon nach zwei Kilometern am Seitenstreifen abstellen und ein Taxi rufen. Denn dieses Fahrzeug erfordert wie alle echten Custombikes nicht nur Leidenschaft, sondern auch eine Portion Leidensfähigkeit.

Dazu gehören harte Vibrationen, die alle Plomben im Gebiss klappern lassen. Gleichzeitig wird das rechte Bein durch den seitlich verlegten Auspuff gegrillt. Auch klopft der rechts herausragende Luftfilter permanent ans Knie. Im Klartext: Hier muss sich der Fahrer an die Eigenheiten des Fahrzeugs anpassen, nicht umgekehrt. Am ruhigsten läuft der Langgabler noch bei mittleren Drehzahlen um 3000/min.

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Foto: jkuenstle.de

Wer von Federungskomfort spricht, hat vorher Starrrahmen gefahren. Das Teil ist hart. Aber gerecht. Und garantiert nichts für Weicheier, sondern für echte Kerle auf der Suche nach Abenteuer und Erlebnis. Das einzigartige Fahrfeeling wird durch ein betörend bassiges Bollern unterstützt, das für Fahrer wie Passanten allerdings nie nervig ist. Man fühlt und leidet mit dem Motor, spürt mit jeder Faser des Körpers jeden einzelnen Verbrennungsvorgang. Und eigentlich ist es piepegal, ob das Ding lüstern vibriert, oder man für Gangwechsel gelegentlich mal Zwischengas geben muss.

Hier fährt man ein Stück Weltanschauung. Sichler, der mit seinen Bikes schon Kunden auf der ganzen Welt beglückt hat, vollbringt mit diesen in Handarbeit gefertigten Unikaten das Kunststück, der Technik Seele einzuhauchen. Dieser Geist prägt auch die Kleinserien-Maschine. Und wer mit dem Hollister‘s-Boss auf einer Wellenlänge ist, findet in den Custom-Twin-Modellen Spielzeuge fürs Leben. Das ist wörtlich zu nehmen - einige von Sichlers Kunden spulen mit ihren Custombikes mal locker 50 000 Kilometer ab.

Foto: jkuenstle.de

Technische Daten

Motor:
Luftgekühlter RevTech-088-Zwei-zylinder-V-Motor, Block Alumi-nium natur, RT-Ölpumpe, Nasssumpfschmierung, Mikuni HSR42-Vergaser, HMC-Krümmer und Auspuffanlage, RT-Sechsganggetriebe,
Bohrung x Hub 92 x 108 mm
Hubraum 1442 cm³
Nennleistung 45 kW (60 PS) bei 3800/min
Max. Drehmoment 77 Nm bei 2400/min

Fahrwerk:
Hollisters-Drag-Style-Rohrrahmen aus ST42-Stahl, RST-Gabel, zwei Federbeine, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis und Länge, Scheibenbremse vorn, Ø 290 mm, Vierkolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 290 mm, Sechskolben-Festsattel.
Speichenräder mit Alufelgen 3.50 x 18; 8.50 x 18
Reifen 130/70-R18, 240/40-R18
Bereifung Metzeler Marathon 880

Maße und Gewichte:
Lenkkopfwinkel 58 Grad, Radstand 1740 mm, Federweg v/h 85/40-50 mm, Sitzhöhe 560mm, Gewicht vollgetankt 285 kg, Tankinhalt 14 Liter.
Gewährleistung zwei Jahre
Farben Alle RAL-Farben ohne Aufpreis, alle Sonderlacke gegen Aufpreis möglich
Preis 29500 Euro

Foto: jkuenstle.de

Träumen nicht verlernt

Seit 1992 beschäftigt sich Volker Sichler hauptberuflich mit dem Thema Custombikes. Der kleine Dreimannbetrieb fertigt zwischen zehn und 15 Motorräder pro Jahr. Rahmen, Schwinge, Felgen sowie die meisten Anbauteile entstehen in Handarbeit, die aufwändige Elektronik ebenfalls. Bei den Antrieben kann der Kunde zwischen RevTech- und TP-Motoren wählen, die je nach Ausführung bis zu 140 PS leisten. Hollister's hat Kunden in der ganzen Welt, wobei Sichlers teuerste Maschine, ein mit Brillanten besetzter Chopper, in den Nahen Osten ausgeliefert wurde. Promis wie Bono, der Leadsänger der Rockband U2, oder Fernsehkoch Rolf Zacher sind ebenso an Hollister's-Bikes interessiert, wie Geschäftsleute, die sich ein besonderes Freizeitbonbon gönnen wollen. Bei der Fertigung geht Sichler sogar noch einen Schritt weiter als die Konkurrenz: Der Vater von zwei Töchtern und begeisterte Westernreiter träumt davon, irgendwann ein komplettes Fahrzeug "made in Baden-Württemberg" anzubieten. Pläne für einen eigenen Motor sind schon geschmiedet. Weitere Infos zu seinen Bikes im Internet unter www.hollisters.de oder auf www.facebook.com

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