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Fahrbericht Honda CB 1100 Traditionelle Optik trifft moderne Technik

Bisher gab es die Honda CB 1100 nur in Japan und Australien, nun kommt auch Europa in den Genuss des luftgekühlten Vierzylindertriebwerks dieses Motorrads. Mit traditioneller Optik und moderner Technik bereichert sie ab sofort die Retro-Bike-Szene.

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Nun steht sie da, mitten am Hafen von Valencia. Das seichte Wasser schimmert im warmen Licht der gerade aufgehenden spanischen Sonne und bietet eine wahrlich inspirierende Kulisse. Wo, wenn nicht an diesem Ort, darf die Honda CB 1100 erstmalig die europäischen Straßen erkunden? Leise, eher hintergründig knistert sie vor sich hin.

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Nach 20 Jahren Hondas erster luftgekühlter Vierzylinder

Äh, Moment mal, warum Knistern? Ja, richtig verstanden! Es ist Hondas erster luftgekühlter Vierzylinder nach nunmehr 20 Jahren. Nicht auf Höchstleistung ausgelegt, sondern mit 1140 Kubikzentimetern Hubraum und maximal 90 PS konzipiert, um anzumachen, um Emotionen zu wecken. Das ist zeitgemäß - zumindest gilt das für Japan. Dort ist die Honda CB 1100 nämlich seit knapp drei Jahren erhältlich und verkaufte sich wie geschnitten Brot. Im Jahr 2010 führte sie gar die Zulassungsstatistik aller Motorräder über 400 Kubikzentimeter Hubraum an. Das klingt vielversprechend.

Sanft möchte man der in Erinnerung an die Formensprache der CB 750 Four gezeichneten Dame über den schmalen, 14,6 Liter fassenden Tank streicheln, ihre dunkelrote Lackierung erfühlen. Überhaupt will man sie gerne anfassen, erinnert sie doch an vergangene Zeiten, ohne altertümlich zu wirken. Manche sind deshalb womöglich enttäuscht, fragen sich, wo die Vier-in-vier-Auspuffanlage geblieben ist, warum das Retro-Bike nicht ganz ohne ein LCD-Panel im Cockpit auskommt und weshalb zum Teufel es Aluminium-Gussfelgen sein mussten. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wem das Retro-Bike Honda CB 1100 nicht konsequent genug auf „klassisch“ getrimmt wurde, für den ist ein gut erhaltenes oder aufgearbeitetes Oldtimer-Motorrad vermutlich so oder so die bessere Alternative. Dann muss man allerdings auf ein modernes ABS, adäquate Abgasemissionen und ein narrensicheres, modernes Fahrwerk verzichten können.

Foto: Honda

Nach eigener Aussage will Honda mit diesem Motorrad ganz bewusst eine Klientel ansprechen, die zwar eine traditionelle Linienführung bevorzugt, aber technisch ein topmodernes Motorrad erwartet. Kann die Honda CB 1100 dieses Versprechen auch in Europa einlösen?

Sehr kompakt, fast zierlich wirkt das um einen Doppelschleifenrahmen aus Stahl herumkonstruierte Krad. Aus keiner Blickrichtung mag man glauben, dass die Honda CB 1100 üppige 248 Kilogramm wiegen soll. Selbst beim Aufsitzen auf die flache, sehr anschmiegsame Sitzbank in niedrigen 795 mm Höhe bleibt diese Irritation bestehen. Eine Yamaha XJR 1300 ist im subjektiven Vergleich zur Honda ein fetter Panzer. Da haben die Konstrukteure ganze Arbeit geleistet. Intuitiv finden Füße wie Hände treffsicher ihren vorherbestimmten Platz. Für den europäischen Markt wurde die Honda CB 1100 nämlich nicht nur in der Motorperipherie modifiziert (größere Airbox, veränderte Einspritzung, keine Auspuffklappe), sondern auch ergonomisch durch eine aufgepolsterte Sitzbank und einen höher montierten Lenker an die hiesigen Gardemaße angepasst. So fühlt man sich mit einer Größe von 1,78 Metern sitztechnisch pudelwohl.

Honda CB 1100 mit imposantem Lenkeinschlag

Aber zugegeben: Deutlich größere Kollegen wirken auf der Honda CB 1100 wegen ihrer grazilen Erscheinung ein wenig deplatziert. Nichtsdestotrotz ist der Kniewinkel erwartungsgemäß recht großzügig, der Oberkörper durch den klassischen Rohrlenker bequem und aufrecht positioniert. Na, dann versetzen wir die schmalen 18-Zoll-Reifen mal in Rotation.

Ohne Sperenzchen nimmt der Einspritzer seine Arbeit auf, läuft weich vor sich hin. Die hydraulische Kupplung erfordert akzeptable Handkräfte, der erste Gang rastet unhörbar ein. Es kann also losgehen! Bereits nach den ersten Metern ist man erneut verblüfft, wie einfach sich die Masse dirigieren lässt. Mit einem Radstand von 1490 mm und einem imposanten Lenkeinschlag lässt sich die Retro-Dame elegant und spielerisch durch die spanischen Autokorsos hindurchnavigieren. Das macht Lust auf mehr. Schon ab 1500 Umdrehungen ist die Honda CB 1100 bei der Sache, beginnt zunächst jedoch eher zurückhaltend mit der Leistungsabgabe. Dafür begeistert der Motor sofort mit einer unglaublich leichten Fahrbarkeit. Geschwindigkeiten oberhalb von 50 km/h sind problemlos im letzten Gang des Fünfganggetriebes zu bewerkstelligen, ohne dass der Vierzylinder je angestrengt oder unangemessen bemüht wirkt.

„Entspann dich einfach, ich bin schön und muss nicht schnell sein“, flüstert die Honda CB 1100 ihrem Fahrer zu. Der ist allerdings widerspenstig und will trotzdem wissen, was in ihr steckt. Jenseits des urbanen Wahnsinns werden folglich zwei Gänge durch das knackige Schaltwerk runtergesteppt, und der luftgekühlte Motor treibt ab 3000 Umdrehungen die knapp fünf Zentner druckvoll voran. Bis etwa 7000 Umdrehungen bleibt der Schub angenehm konstant. Wer auf einen echten Kick in der Leistungscharakteristik hofft, wird vergeblich warten. Ebenso ist das maximale Drehmoment von 93 Newtonmetern bei 5000 Umdrehungen keineswegs enttäuschend, aber der richtige Punch bleibt definitiv anderen Triebwerken im Hause vorbehalten. Das lässt sich mit Blick auf die konstruktiven Eigenheiten eines fahrtwindgekühlten Motors aber sicherlich verzeihen. Um die Wärmeabfuhr stets auf konstantem Niveau zu halten, griffen die Entwickler neben den traditionellen Kühlrippen übrigens zu einem zusätzlichen innenliegenden Öl-Kühlkreislauf.

Emotionaler Charakter, schüchterner Sound

Der Sound der Honda CB 1100 ist drehzahlunabhängig sehr schüchtern, was so gar nicht zum emotionalen Charakter des Bikes passt. Darüber hinaus geht der Vierzylinder ziemlich unwirsch ans Gas und zeigt spürbare Lastwechselreaktionen. Beim Gaswegnehmen dauert es gar ein paar Millisekunden, bis der Schub tatsächlich abbricht - daran gewöhnt man sich jedoch schnell. Durchaus störend ist da vielmehr das Konstantfahrruckeln bei etwa 2300 Umdrehungen. Ob es sich hierbei um einen Einzelfall der von Honda zur Verfügung gestellten Präsentationsmaschine handelt, wird ein späterer Test klären müssen.

Erfreulich beherzt lässt sich die Honda CB 1100 durch das kurvige Hinterland von Valencia treiben und stellt ihre moderne Konstruktion damit unter Beweis. Die bei 15 Grad Celsius vernünftig haftenden Bridgestone-Pneus (BT 54) und das komfortable, aber nicht unterdämpfte Fahrwerk verkraften mehr sportliche Fahrweise als optisch zu erwarten ist. Die schmalen Reifen haben am wieselflinken Umlegen des Bikes natürlich einen hohen Anteil, die Rückmeldung an den Fahrer ist indes in Ordnung. Nur in großen Schräglagen ist die Honda wegen der 18-Zöller etwas kippelig, wobei die Fußrasten durch Aufsetzen sowieso frühzeitig das Limit bestimmen. Die ABS-unterstützte Kombibremse überzeugt derweil mit guter Verzögerung, bei Vollbremsungen äußern sich die Regelintervalle des Blockierverhinderers allerdings in einem deutlichen Puckern im Bremshebel.

Doch viel mehr als Vollgas und Vollbremsung zählen bei der Honda CB 1100 die Optik und deren beruhigende Ausstrahlung. Nie überfordert die Maschine ihren Besitzer, lädt durch ein perfektes Finish in der Verarbeitung eher zum Gleiten und Genießen ein. In jeder Pause möchte man das Motorrad wieder und wieder streicheln und seinem feinen Knistern beim Abkühlen lauschen. Insofern ist sie vor allem eines: eine Red Beauty.

Foto: Honda

Technische Daten

Motor

Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 32 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 333 W, Batterie 12 V/11 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 2,166.

Bohrung x Hub 73,5 x 67,2 mm
Hubraum 1140 cm³
Verdichtungsverhältnis 9,5:1
Nennleistung 66,0 kW (90 PS) bei 7500/min
Max. Drehmoment 93 Nm bei 5000/min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, verstellbare Federbasis, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 296 mm, Dreikolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 256 mm, Einkolben-Schwimmsattel, Verbundbremse, ABS.

Alu-Gussräder 2.50 x 18; 4.00 x 18
Reifen 110/80 ZR 18; 140/70 ZR 18

Maße+Gewichte
Radstand 1490 mm, Lenkkopfwinkel 63,0 Grad, Nachlauf 114 mm, Federweg v/h 120/89 mm, Sitzhöhe 765 mm, Leergewicht 248 kg, Tankinhalt/Reserve 14,6/3,5 Liter.

Garantie zwei Jahre
Farben Weiß, Rot, Schwarz
Preis 10990 Euro
Nebenkosten 265 Euro

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