Fahrbericht Honda Deauville Relax, just do it

Wenn Frankie nach Hollywood fährt, kann er dies auf der Harley tun. Für den Schwarzwald, die Alpen oder die europäischen Autobahnen sollte er besser umsteigen – vielleicht auf die neue Honda Deauville.

Fotos: Markus Jahn
Deauville. Klingt vornehm, assoziiert Sonnenschirmchen, Cocktailkleid, eine neckisch abwinkende Hand. Rütütü, tätätä, mal nach dem Rechten schauen. Meine Herrschaften, das wäre doch nicht nötig gewesen. War es wohl. Denn so wie ihr Namensgeber, das ehemals mondäne Seebad an der französischen Kanalküste, war auch Hondas kleinster Reisedampfer mittlerweile etwas aus der Mode gekommen. Nicht, dass der Lack blätterte, mais non. Man war eher zu brav, um interessant zu bleiben. Remmidemmi auf Malle oder allinclusuff in der Domrep, das waren die Erfolgsrezepte der Neuzeit – horrible.
Damit wir uns richtig verstehen. Auch der sanfte Tourismus kam an. 9028-mal, um genau zu sein. So viele Reisefans konnten sich für die Deauville seit ihrer Einführung 1998 allein hier in Deutschland begeistern. Schließlich wusste man, was man an ihr hat. Der 650er-V2 und der Brückenrahmen aus Stahlrohren hatten sich bereits in der NTV bewährt. Integrierte Koffer, schützende Verkleidung, Kardan antrieb, jede Menge Zubehör – die Deauville bot große Reise für kleines Geld.
Es war an der Zeit, das Rampenlicht wieder etwas mehr auf den Baby-Tourer zu richten. Zumal der leise Auftritt die Honda-Produktplaner wohl jeden auch noch so zaghaft geflüsterten Wunsch der Reisegesellschaft verstehen ließ. Ein bisschen mehr Leistung vielleicht, ein höherer Lenker, eine straffere Gabel, mehr gab’s sowieso nicht zu verbessern.
Ein Klacks für die Techniker. Doch beim Nötigsten wollte man es nicht belassen. Die sanften Rundungen des bisherigen Modells wichen definierten Kanten, die Front stellt sich aufrechter gegen den Wind. Sichtbar selbstbewusster steht sie da, wirkt erwachsener und fordert: Komm mit auf die Reise.
Verstanden. Allein der um drei Zentimeter höhere Lenker vermittelt spürbar mehr Raum. Und auch der Blick auf das um Tankuhr, Kühlwassertemperatur und Verbrauchsanzeige erweiterte Cockpit, die geräumige Verkleidung und die deutlich vergrößerten Koffer signalisieren Größe. Kaum zu glauben, dass hinter der Fassade nur wenig mehr als der Hubraum eines Einzylinder-Funbikes untergebracht ist. Wobei es etwas Nachschlag gab. Der Druck aufs Knöpfchen saugt – aufgrund zwei Millimeter mehr Bohrung – nun alle zwei Umdrehungen 680 statt bislang 650 cm3 Gemisch an. Fein aufbereitet von einer Einspritzanlage statt der Vergaser und über vier anstelle von drei Ventilen weitergeleitet, hinterlässt die Mixtur dank geregelten Kats letztlich Euro-3-konforme Überreste.
Zur Sache. Regionalstraßen im Hinterland des spanischen Tarragona. Wenig Verkehr, sanft gewellte Landschaft, Olivenhaine, so weit das Auge reicht. Schon auf den ersten Kilometern fällt auf, wie gut das Aufbautraining der Deauville getan hat.
Mit 65 statt 56 PS ziehen immerhin neun Pferde mehr voran, verwringen jetzt 66 Nm Drehmoment die Kardanwelle.
Okay, nach wie vor nichts für Streckenrekorde, aber spürbar mehr als bislang und genug, um die Landschaft in angemessenem Tempo vorbeigleiten zu lassen. Gleiten, ja genau. Der Motor läuft weich, lässt lediglich beim Überholen den Druck der hubraumstarken Brüder vermissen. Fürs Vorbeipreschen müssen mindestens 6000/ min auf der Uhr stehen. Bei 8800/min greift der Drehzahlbegrenzer gnädig ein. Die Federung zeigt sich komfortabel abgestimmt, ohne schwammig zu wirken. Nicht zu glauben, dass nur 115 beziehungsweise 120 Millimeter Federweg zur Verfügung stehen. Selbst bei Gewaltbremsungen auf Holperpisten geht die Gabel – im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin – nicht auf Block.
Apropos Gewaltbremsung. Die Kunden können – und werden – die Deauville künftig mit ABS ordern. Gut so, denn das vergleichsweise simpel aufgebaute System hat seine Fähigkeiten zum Beispiel
in der CBF 600 längst bewiesen. Und für 600 Euro Aufpreis lässt sich nun ebenso bei der Deauville herzhaft in die Bremse greifen. Muss man allerdings auch, denn die Doppelscheiben-Anlage verlangt nach einem kräftigen Zug am Hebel. Wenigstens zwei Finger braucht’s, um das ABS zur Arbeit zu zwingen. Wer hinten bremst, kann ebenfalls nichts falsch machen. Das CBS (Combined Brake System) aktiviert neben der hinteren Bremszange auch je einen der drei Kolben der vorderen Bremssättel und sorgt für samtige, jedoch zurückhaltende Unterstützung.
Der Windschutz der in zwei Positionen montierbaren Scheibe reicht bereits in der niedrigen Stellung völlig aus. In der hohen Version stört der Schild durch laute Verwirbelungen mehr, als er nützt. Das Fahrwerk lässt sich in Verbindung mit den montierten Bridgestone BT 020 beim Geradeauslauf nicht einmal von Lkw-Rinnen beeindrucken. Und ein Aufstellmoment beim Bremsen kennt die Deauville dank des relativ schmalen 150er-Hinterreifens nur ansatzweise. Und so taugt die Deauville nicht nur fürs Cruisen. Trotz gut fünf Zentnern schwingt das Reisemobil nämlich agil durch enge Kehren, besitzt akzeptable Schräglagenfreiheit und bringt – erst recht auf holprigen Nebensträßchen – sogar die Sportbike-Fraktion ins Schwitzen.
Insofern können die Honda-Mannen der Zukunft entspannt entgegenschauen. Die Updates sind Punktlandungen, werten die Neue in jeder Beziehung kräftig auf. Und das für gerade mal 100 Euro mehr – fantastique.

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