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Abgespeckter Luxustourer Honda Gold Wing F6B Plan B

Abgeleitet vom opulenten Luxustourer Gold Wing 1800 hat Honda die abgespeckte Custom-Variante F6B erschaffen. Technisch fast identisch, ist der böse gestylte „Bagger“ erstaunlich eigenständig.

Diese Marke schafft einen Spagat: einerseits seit 1958 über 60 Millionen Exemplare der Super Cub und ihrer Ableger bauen.
Ein kleines, billiges, unkaputtbares Moped. Und auf der anderen Seite des Spektrums eine ganz andere Ikone, die Gold Wing, die Größe und Luxus verkörpert. Seit der ersten Gold Wing von 1975 sind in Japan und den USA bereits 550 000 Goldene Schwingen mit längs eingebauten Vierzylinder- und Sechszylinder-Boxern von den Bändern gerollt. Respekt. Nun schlägt Honda mit der F6B eine neue Richtung ein. Quasi Plan B.
Die aktuelle Gold Wing stiftete Fahrwerk, Bremsen und Antrieb. Sie ist eine der ultimativen Tourenmaschinen. Doch daneben gibt es eine Nische, die im Moment noch allein Harley, Kawasaki und Victory bedienen: die Bagger - von englisch „bag“ = -Tasche. Gechoppte Fulldresser, also in Ausstattung und Windschutz reduzierte XXL-Tourer. Kommen cool rüber. Nun bekommen die eine mächtige Konkurrenz. Hondas Sixpack fährt das Dreifache an Zylindern auf.
Als Auto wäre sie ein V12 oder mindes-tens ein starker V8. Premiere feiert die F6B in San Diego. Das passt zum Stapellauf des schweren Kreuzers, ist der Ort doch größter Hafen der US-Navy an der Pazifikküste. Im Trockendock erstaunt das eigenständige Erscheinungsbild des Baggers. Das Design-Team von Honda America um Asao Itaya hat ganze Arbeit geleistet. Ihr Rezept: Alles weg, was nicht unbedingt notwendig ist. Topcase, Plüschsessel und Rückenlehnen? Weg damit. Riesige Scheibe? Geht auch kürzer - braucht bei in Südkalifornien seltenem Regen eh nur einen Scheibenwischer. Rückwärtsgang, Airbag und Navi? Pah, ist was für Warmduscher.

Alu-Brückenrahmen, Einarmschwinge und Motor stammen unverändert von der älteren Schwester. Oder müsste man nicht besser „Mutter-Schiff“ sagen? Allein die vererbten Eckdaten beeindrucken. 1832 cm3 und 385 Kilogramm Werksangabe bei vollem 25-Liter-Tank. Mit unnachahmlichem „Vrouumm“ erwacht der Flat Six zum Leben. Fast hätte man es vergessen: Sechszylinder-Boxer? Das kann eigentlich nur ein Porsche oder eine Gold Wing sein. Nun kommt eben die F6B dazu, so wie die F6C seinerzeit die 1500er-Gold-Wing ergänzte (siehe Kasten). Die serienmäßige Stereoanlage, neumodisch mit USB-Anschluss für MP3 und iPod, bleibt vorerst stumm.
Musik macht dieser Motor selbst. Der Allerwerteste fläzt sich in der „Gunfighter“-Sitzbank. Gerade mal 725 Millimeter Sitzhöhe, 15 weniger als bei der Gold Wing, und schmaler Zuschnitt der Taille erlauben selbst Kurzbeinern totale Kontrolle im Stand und beim Rangieren. Gefühlt genießt man mehr Bewegungsfreiheit als auf der Gold Wing. Die Hände finden wie von selbst zu den breiten, hoch aufragenden Lenkerhälften.
Dieser Sechszylinder ist einfach immer wieder ein Erlebnis. Für die seidige Laufkultur dieses Motors, die beste überhaupt in der Motorradwelt, gelten Superlative.
Seidenweich drehen sich hier die Wellen, cremig gleiten bewegte Teile auf und ab. Kraftvoll, aber gut dosierbar kommt die Leistung via hydraulisch betätigte Kupplung und Kardanwelle zum 16-zölligen Hinterrad. Viel im Fünfganggetriebe rühren muss man nicht, Zweiter und Dritter sind bloß kurzzeitige Zwischenstationen. Eine Art Halbautomatik: Der lang übersetzte Fünfte reicht fast immer aus. Wohlfühldrehzahl?
Alles! Mit einem Emotionspeak bei 3000/min. 167 versprochene Newtonmeter bei nur 4000 Touren! Der Boxer rollt selbst mit 600 Touren im letzten Gang geschmeidig.

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Foto:

Da rücken 118 PS bei 5500/min in den Hintergrund. Wie gehabt beatmen nur zwei Ventile je Zylinder die sechs Brennräume, insgesamt also zwölf, gesteuert per einzelner Nockenwelle. Mögen andere Motoren moderner sein, dieser ist trotzdem eine Wucht. Gemütlich ist ein Tempo bis 80 Meilen pro Stunde, rund 130 km/h. Mehr Speed? Dann wird der Winddruck stärker, macht sich die gekappte Scheibe bemerkbar. Gefühlsecht ist das Fahrerlebnis in den kurvigen kalifornischen Bergen. Okay, 1,69 Meter Radstand und fast acht Zentner versprechen keine Bestwerte im Handling.
Überraschend, wie gut austariert dieser Brummer durch die Wechselkurven wedelt. Die Bridgestone Exedra-Reifen in 130er- und 180er-Breite funktionieren gut. Gegenüber der schon rund rollenden Gold Wing wirkt das Handling leichter. Easy Rider in der Sumo-Klasse. Auf Landstraßen wie im Stadtverkehr, wo die F6B auch bei Grün heftiger aus den Puschen kommt als die massigere Gold Wing. Bis 42 Grad Schräglage seien möglich, sagen die Honda-Mannen. Könnte stimmen.
Wer’s zu enthusiastisch angeht, kann sich auf gut kontrollierbare ABS-Bremsen verlassen. Auf alle drei Scheiben beißen Dreikolbenzangen. Im Verbund: Der Tritt aufs Bremspedal aktiviert beide vordere Sättel. Okay, kurz vorm Anhalten muss man sich noch mal konzentrieren, sind die Kilos wieder versammelt. Aber durchschlängeln in Los Angeles geht wirklich leicht von der Hand. Die angebauten Koffer bauen schön schmal, Integralhelme passen aber nicht rein. Kritikpunkte? Kontrollleuchten, die sich bei Sonneneinstrahlung kaum ablesen lassen. Und die etwas barocken Schaltereinheiten. Aber braucht Arnold Schwarzenegger etwa Touchdisplays oder Fernbedienung?
100 Exemplare will Honda in Deutschland verkaufen. Wären bei 24 945 Euro Stückpreis immerhin rund 2,5 Millionen Euro Umsatz. Und sicher auch ein satter Gewinn. Denn in den USA kostet das gleiche Motorrad nur rund 16 250 Euro (19 999 Dollar plus Steuern), also ein Drittel weniger.
Die Preise in Nordamerika mit denen Europas zu subventionieren, machen allerdings alle Hersteller so. In den USA gibt’s von der F6B auch eine „Deluxe“-Version mit Heizgriffen, Rückenlehne für den Sozius und Hauptständer für 1000 Dollar mehr. Nun, für reichlich Gesprächsstoff beim 35. „Wing Ding“, dem größten Gold Wing-Treffen der Welt, dürfte Plan B im kommenden Sommer locker sorgen.

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Foto: Cathcart
Honda Gold Wing F6C, gestrippte Version des Sechszylinder-Gold-Wing, ein geschmeidiger Dragster für lässige Zwischenspurts.
Honda Gold Wing F6C, gestrippte Version des Sechszylinder-Gold-Wing, ein geschmeidiger Dragster für lässige Zwischenspurts.

Sechsspielchen

Das Experimentieren mit verschiedenen Sechszylinder-Boxern hat Tradition im Hause Honda.

Bereits der allererste Prototyp der späteren Gold Wing, M1 getauft, hatte im Jahr 1972 sechs Zylinder und immense 1470 cm3. In Serie ging dann 1975 ein 1000er-Vierzylinder-Boxer. Nach Evolutionsschritten mit 1100 und 1200 Kubik kam dann 1988 der ultimative Luxustourer, die Gold Wing GL 1500/6 mit dem bis heute prägenden Sechszylinder-Boxer. Genau dieser Motor befeuerte von 1997 bis 2004 den chromglänzenden Straßenkreuzer F6C, in den USA F6 Valkyrie genannt. Das F6 stand für „Flat Six“, gemeint war damit der Sechszylinder-Boxermotor, das „C“ stand für „Custom“. Mit 98 PS Leistung, satten 130 Newtonmeter Drehmoment und tollem Sound der erste Power-Cruiser. Ein echter Hot Rod auf zwei Rädern. Im Jahr 2001 erschien dann die komplett neue 1800er-Gold-Wing, die mit kleinen technischen Änderungen, vor allem im Jahr 2012, bis heute produziert wird. Und zwar seit 2009 wieder in Japan, nachdem alle Gold Wings seit 1979 zwischenzeitlich im Honda-Werk Ohio in den USA gefertigt wurden. Auf Basis der 1800er ließ Honda America im Jahr 2002 Designer ein neues Motorrad mit gleichem Motor entwerfen. Es entstanden vier radikale Prototypen im Stil eines real gewordenen „Batmobils“. So etwas Bombastisches aus Japan! Das Wunder war dann, dass 2003 aus dem Konzeptbike tatsächlich eine limitierte Kleinserie von 1500 Exemplaren ausschließlich für den amerikanischen Markt aufgelegt wurde, von denen nur wenige Maschinen den Weg nach Europa fanden. Technisch stach die Vorderradgabel mit gezogener Kurzarmschwinge hervor. Der Motor erhielt in der „Rune“ andere Nockenwellen und eine überarbeitete Zünd-/Einspritzanlage.

Foto: Cathcart
Ein echtes
Ein echtes "Armaturenbrett", fast wie im Auto: Klassische Rundinstrumente und ziemlich viel Plastik beherrschen das Cockpit.

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Sechszylinder-Viertakt-Boxermotor, Kurbelwelle längs liegend, je eine obenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 40 mm, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 1100 W, Batterie 12 V/18 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kardan.
Bohrung x Hub 74,0 x 71,0 mm
Hubraum 1832 cm³
Verdichtungsverhältnis 9,8:1
Nennleistung 87,0 kW (118 PS) bei 5500/min
Max. Drehmoment 167 Nm bei 4000/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Aluminium, Telegabel, Ø 45 mm, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 296 mm, Dreikolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 316 mm, Dreikolben-Schwimmsattel, Vollintegral-Bremssystem mit ABS.
Alu-Gussräder 3.50 x 18; 5.00 x 16
Reifen 130/70 R 18; 180/60 R 16

Maße + Gewichte
Radstand 1690 mm, Lenkkopfwinkel 61,0 Grad, Nachlauf 109 mm, Federweg v/h 140/105 mm, Gewicht vollgetankt 385 kg, Zuladung 190 kg, Tankinhalt 25 Liter.
Garantie zwei Jahre
Farben Schwarz, Rot
Preis 24 590 Euro
Nebenkosten 355 Euro

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