Fahrbericht Honda SLR 650

Erstmals entwickelte Honda ein Motorrad für Europa in Europa. Heraus kam ein nackiger Einzylinder namens SLR 650.

Keine Ahnung, worin sich japanische von europäischen Städten unterscheiden, jedenfalls soll die SLR 650 laut Hersteller ein ganz und gar für das hiesige Verkehrsgetümmel zugeschnittenes Citybike sein. Deshalb fand die Entwicklung - wenn auch mit japanischem Projektleiter - bei Honda-Europe statt, produziert wird im Montesa-Honda-Werk in Barcelona.Nur den Motor schrauben noch fernöstliche Werker zusammen, und das sicherlich mit einer gewissen Übung, treibt er doch schon seit acht Jahren die Dominator an - ein alter und allseits beliebter Bekannter also. Zugunsten eines kräftigeren Antritts im unteren Drehzahlbereich wurden ihm allerdings fünf PS Spitzenleistung über eine geänderte Nockenwelle genommen, bleiben deren 39. Außerdem bekam der Single eine moderne Kennfeld-Zündung spendiert, die neben der Drehzahl über einen Drosselklappensensor am Vergaser den momentanen Lastzustand in die Berechnung des optimalen Zündzeitpunkts mit einbezieht.Wegen des aus Vierkantrohren um den Motor herum gezimmerten Einschleifenrahmens - er wird zum Glück an den meisten Stellen von anderen Bauteilen verdeckt -, mußte der Vergaser ein wenig Platz machen, er steht in der SLR schräg zum Zylinder. Weitere Unterschiede zur Dominator: Kürzere Federwege und ein kleineres 19-Zoll-Vorderrad drücken die Sitzhöhe um 35 auf 845 Millimeter; die SLR ist mit 8990 um 1275 Mark günstiger und um acht Kilogramm leichter; die Federbasis am Federbein kann man verstellen, ohne das Motorrad zerlegen zu müssen.Optisch erinnert die SLR 650 an die XL-Hondas vergangener Jahrzehnte: Rundscheinwerfer, Chromlenker, schmaler Tank und ganz ohne bunte Aufkleber. Zur Wahl stehen die Farben Rot, Gelb und Schwarz, um die Sitzbank mit lila Seitenstreifen kommt man in keinem Fall herum. Nostalgischer Off-Road-Look hin oder her, ein Stadtflitzer sollte vor allen Dingen antrittsstark, leicht zu bedienen, wendig, handlich und praktisch sein. Für letzteres fehlt der Honda der Hauptständer, alle anderen Punkte erledigt sie mit Bravour.Ohne groß mit Vibrationen zu nerven, spurtet der Einzylinder durch sein Drehzahlband. Schon nach etwa einem Drittel der Nenndrehzahl, was mangels Drehzahlmesser nicht genauer zu orten ist, zieht er kräftig an der Kette und wirkt erst im oberen Bereich gegenüber der Dominator zugeschnürt - ein Tribut an die geänderten Steuerzeiten. Dies fällt aber nicht ins Gewicht, wenn man im leicht zu schaltenenden Getriebe rechtzeitig die nächst höhere Gangstufe anwählt.Geradezu spielerisch läßt sich die SLR bei niedrigen Tempi und auf engstem Raum bewegen, das Hintenanstellen in verstopften Straßen fällt einem dadurch freilich nicht leichter. Erst ab flott gefahrenen Dritte-Gang-Kurven aufwärts verlangt die Honda beim Einlenken einen ernsthaften Zug am Lenker, was dem Handling keinen großen Abbruch tut und auf Autobahnen sturen Geradeauslauf garantiert. Die montierten Pirelli MT 60 nervten zumindest auf den für die Präsentation ausgewählten Pisten um Barcelona mit ständigen leichten Rutschern bei eigentlich harmlosen Schräglagen, eine handfeste Aussage über Zielgenauigkeit und Stabilität in Kurven muß daher noch aufgeschoben werden bis zum ersten Test auf heimischen Belag.Von den straff abgestimmten Feder- und Dämpferelementen wird man über lange Bodenwellen nicht verschaukelt, trotzdem absorbieren sie kurze Absätze ohne Rückmeldung. Die Brembo-Stopper verzögern ordentlich, wenn man kräftig in die Eisen langt, ihre Dosierung ist unproblematisch, da die Bremskraft linear mit der Hand- und Pedalkraft steigt.Für breite Becken dürfte die Sitzbank im vorderen Bereich etwas zu schmal ausgefallen sein, dafür garantieren die Abstände zwischen Lenker und Sitzbank sowie Sitzbank und Fußrasten allen Konfektionsgrößen eine entspannte Haltung.Somit ist die SLR 650 nicht nur ein flinkes Fortbewegungsmittel für Stadtmenschen geworden, sondern auch ein einfach zu beherrschendes Motorrad für Einsteiger und Wiedereinsteiger und eine pfiffige Alternative zu den biederen 500ern in der Preisklasse um 9000 Mark. Ihre schärfste Rivalin: die quirligere Dominator aus eigenem Haus.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote