Fahrbericht: IDM-BMW S 1000 RR PS testet die IDM-Version der BMW S 1000 RR

Nicht jedes Bike mit erhobenem Vorderrad zählt automatisch zur hochentwickelten Motorradkultur. Dies hier schon. PS jagte die offizielle, für die Internationale Deutsche Meisterschaft (IDM) aufgerüstete BMW S 1000 RR über die Hockenheimer Piste.

Foto: Jahn

Plötzlich tauchen Erinnerungen an ausgepowerte Muskeln, Schmerzen und Schweiß auf. Im Juni prügelte der Autor im Rahmen des Tuner-GP drei geschärfte BMW S 1000 RR um den Badener Rundkurs (PS 7/2010). Allesamt leicht, stark, schnell - und Kräfte zehrend. Heute steht erneut so ein Geschoss zum Test bereit: die IDM-BMW S 1000 RR von Werner Daemen. Der 1,60 Meter kleine Belgier mit dem großen Kämpferherz eroberte in dieser Saison zusammen mit dem Alpha Technik-Van Zon-BMW-Team den Vizetitel in der Superbike-Klasse. Zieht diese BMW ihrem Piloten frei nach PS-Kollege Robert Glücks Worten ebenso "die Körner aus dem Leib" wie die Bikes vom Tuner-GP?

Rauf auf die Kiste, Hahn spannen, ausprobieren. Zuvor steckt das Team dem Tester noch ein längeres Polster auf den Höcker - jenes des Vize-Champs bietet für durchschnittlich Gewachsene etwas wenig Platz. Insgesamt thront der Pilot deutlich höher als auf einer Serien-S 1000 RR und dank der gelungenen Position von Lenker und Hebeleien sitzt er dabei recht bequem. Lediglich die Rasten stehen gewöhnungsbedürftig hoch.

Feuer frei! Überraschend unspektakulär serviert die Alpha Technik-BMW ihre Power. Besonders unterhalb von zirka 8500/min herrscht Gefechtspause. Erst nach dieser Marke kommt richtig Leben in die Bude, und ab dem fünfstelligen Drehzahlbereich schießt die Fuhre davon wie nach einem Tritt des mächtigen Hulk. Dennoch reißt die BMW nicht zu abrupt an und marschiert gleichmäßig und perfekt dosierbar durchs Drehzahlband. Insbesondere die 209 PS starke Sattler-BMW aus dem eingangs erwähnten Test biss subjektiv kräftiger zu als die IDM-S 1000 RR von Alpha Technik. "So viel Leistung haben und brauchen wir nicht", bestätigt der technische Leiter des Teams, Dirk Linnebacher. Und weiter: "Leistungsmäßig liegen wir in etwa auf dem Niveau der anderen Top-Teams. Es ist ein Irrtum, dass wir über das stärkste Bike im Feld verfügen." Laut Linnebacher genügen zwischen 195 und 205 PS, um dabei zu sein: "Die Kraft möglichst effizient auf den Boden zu bringen ist viel wichtiger, als hohe Spitzenwerte zu generieren", erklärt der Techniker.

Dennoch fiel es dem im bayerischen Stephanskirchen beheimateten Racing-Team wohl wesentlich leichter, zusätzliche Power aus ihrem Bike zu kitzeln als den Teams anderer Marken. Denn bereits serienmäßig verfügt die muskelbepackte BMW über nominell 193 feurige Ponys. So korrigierte Alpha Technik lediglich die Steuerzeiten, steckte einen Racing-Auspuff an die S 1000 RR und stimmte die Elektronik der Motorsteuerung neu ab.

Erfolgreiches Tuning lässt sich auch auf der Uhr ablesen. Mit einer hohen 1:50er-Zeit auf dem großen Kurs unterbot der Autor seine bisherige Bestmarke um 1,2 Sekunden. Außergewöhnliche körperliche oder nervliche Belastungen? Fehlanzeige!

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Foto: Archiv

Für flotte Runden braucht es natürlich mehr als einen gut abgestimmten, kräftigen Motor - auch das Fahrwerkssetup muss stimmen. Gemäß der Formel "erhöhter Schwerpunkt gleich leichtfüßigeres Handling", hob Alpha Technik Front und Heck der Tausender an. Und zwar vorn einen Tick weiter als hinten. Am meisten Grip bietet die IDM-BMW nach Angaben des technischen Leiters bei einem Schwingenwinkel von knapp zwölf Grad und einer Schwingenlänge von rund 600 Millimetern. Für eine größtmögliche Beständigkeit der ausgeklügelten Balance und um möglichst wenig Bewegung im Bike zu erzeugen, nutzt das bayerische Team nur einen Teil des Federwegs von Gabel und Federbein.

Entsprechend stabil bügelt die BMW über die Piste. Speziell beim Ankern bleibt sie sehr ruhig, bietet astreines Feedback und hält auch beim Hineinbremsen in die Ecken sauber die vorgegebene Linie. Dabei unterbindet die Anti-Hopping-Kupplung wirkungsvoll Bremsstempeln, was zur Fahrstabilität beiträgt. Lediglich die Feder des Monoshocks geriet für den Autor zu weich. Er bringt rund 20 Kilogramm mehr auf die Waage als der Stammpilot, was die empfindliche Balance des Bikes beeinträchtigt. Beim Beschleunigen setzt sich das Heck deutlich, wodurch sich die Wheelie-Neigung erhöht und die Front teils nervös zappelt.

Eine Besonderheit bildet das mit der Motorsteuerung gekoppelte GPS: Satelliten bestimmen die exakte Position des Bikes. Das ermöglicht den Technikern, Gasannahme, Leistungsentfaltung, Bremsmoment des Motors sowie die Traktionskontrolle je nach Streckenabschnitt unterschiedlich voreinzustellen. Zumindest die beiden letztgenannten Funktionen kann der Pilot auch während der Fahrt mittels Schaltereinheit selbst regulieren. Damit hält die komplexe Technik der Weltmeisterschaften Einzug in die IDM!

Beim Aufbau des Superbikes bediente sich Alpha Technik häufig in den eigenen Regalen. So stammen Motorsteuerung, Bremskomponenten, Innenleben der Gabel, Federbein, eigens angefertigte Räder sowie Auspuff und Fußrasten vom Zubehörspezialisten selbst. Den Rest steuerten Partner bei.

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Foto: Archiv

Technische Daten

Antrieb:
Vierzylinder-Reihenmotor, 4 Ventile/Zylinder, 147 kW (200 PS) bei 13 800/min*, 113 Nm bei 10 000/min*, 999 cm3, Bohrung/Hub: 80,0/ 49,7 mm, Verdichtung: 13,0:1, Zünd-/Einspritzanlage, 48-mm-Drosselklappen, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Anti-Hopping-Ölbadkupplung Sechsganggetriebe, Sekundärantrieb: Kette

Fahrwerk:
Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 65,5 Grad, Nachlauf: 102 mm, Radstand: 1456 mm, Ø Gabelinnenrohr: 46 mm, Federweg v./h.: 120/130 mm

Räder und Bremsen:

Leichtmetall-Schmiederäder, 3.50 x 17"/6.00 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/60 ZR 17, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit radial angeschlagenen Vierkolben-Festsätteln vorn, 220-mm-Einzelscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten

Gewicht (ohne Kraftstoff): 168 kg*

Preis: k. A., da Entwicklungsträger

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