Fahrbericht Kalich Swing Kipp-Moment

Gespannfahren und Schräglagen genießen: Ralph Kalich spannt die BMW R 1200 C ein und läßt ihr - dank Schwenker-Beiboot - dennoch alle Freiheiten. Fast alle.

Wie schräg sind 32 Grad Schräglage? Und was passiert danach? So lauten die drängendsten Fragen zweier MOTORRAD-Mitarbeiter, als sie die Ortschaft Gondelsheim im Landkreis Karlsruhe verlassen. Dortselbst hat ihnen Ralph Kalich soeben seine jüngste Kreation anvertraut, eine Paarung aus BMW-Werkscruiser und selbst entwickeltem Beiboot namens Swing.
"Der Gummipuffer auf dem Seitenwagen-Rahmen stoppt die Schräglage nach rechts bei 32 Grad", hatte der Konstrukteur kundgetan. Der Zwang zur Begrenzung leuchtete ein, als Kalich das Motorrad vom Seitenständer nahm und in Richtung Boot gleiten ließ: Irgendwann ist bei einem Schwenker-Gespann einfach Schluß mit Schräglage. Wobei im vorliegenden Fall nicht etwa die ausladenden Zylinder, sondern vielmehr die Auspuffanlage diese Grenze markiert. Sie hätte komplett neu um den hinteren der beiden Seitenwagenanschlüsse herumkonstruiert werden müssen, um noch mehr Schräglagenfreiheit zu realisieren. Na gut.
Mit dem insgesamt nur 70 Kilogramm schweren, recht schmal geschnittenen Boot hat der bullige Boxer leichtes Spiel, beschleunigt munter aus niedrigen Drehzahlen hoch. Freilich bedarf es einer gewissen Übung, Kurs zu halten, weil die unbeschleunigte Masse des Bootes die BMW beim Gasgeben stets nach rechts ziehen möchte. Anders jedoch als bei einem starren Gespann ist es nicht mit kräftigem Gegenlenken getan: Das Motorrad macht auch eine kleine Verneigung nach rechts, die ausgeglichen werden muß. Die konstruktionsbedingte Instabilität erschwert zunächst sogar Wendemaöver: Ein Schwenker-Zugfahrzeug kann nämlich umkippen, beim Fußeln behindert rechts aber der Seitenwagen-Rahmen, und zusätzlich treten deutlich höhere Lenkkräfte als beim Solofahrzeug auf. Das will geübt sein.
Wohltuend bekannt benimmt sich das Gespann beim Einlenken in Kurven. Nämlich fast wie ein Solo-Motorrad. Kein übertriebenes Gezerre an den Griffen, kaum lenkintensive Einflüsse des ungebremsten Beiwagens. Kein Aufsteigen. Vor allem: kein Aufsteigen. Geht ja auch nicht. Freilich wird die ganze Fuhre links herum schon ganz schön breit, wenn die BMW sich bis auf die Rasten herunterwinkelt.
Und rechts rum? Also, 32 Grad Schräglage, behauptet der Beifahrer, sind ganz schön schräg, weil ihn bei geschätzten 25 schon der Rückspiegel im Boot besuchen kommt, bei rund 28 Körperkontakt zum Fahrer ansteht und bei über 30 der Platz nicht mehr reicht. Also nach rechts rauslehnen. Was freilich Freude bereiten kann.
Der Fahrer wendet ein, 32 Grad seien nicht die Welt. Und dann macht er sich Gedanken, was denn passiert, wenn's mal Reserven braucht, weil eine Kurve zu schnell angegangen wurde. Weil: Driften wie mit einem nortmalen Gespann ist nicht. Womit der Kalich-Cruiser als beruhigendes Genußmittel entlarvt wäre. Als Ausflugsgespann, das vorzugsweise der Sonne entgegenstrebt. Dann macht sich im recht straff gefederten Boot schnell gute Laune breit: Rechts fliegen die Wiesen und Felder vorbei, links pendelt der chromblitzende Cruiser. Obendrein erlaubt der niedrige Sitzplatz noch aufschlußreiche Hörproben aus dem Innenleben eines BMW-Getriebes ...
Und wenn alle genug geschwenkt haben, dann entsteigt der Passagier blitzflink und - dank des breiten Ausschnitts - auch ohne anzuecken. Freundlicherweise geht er noch zur Hand, wenn der Fahrer das gesamte Boot demontiert, bevor er zur Solo-Partie startet. Jawohl, zur Solo-Partie, denn darin liegt ein ganz besonderer Gag der Kalich-Konstruktion. "Drei Minuten", so schwört der Erbauer, "braucht man zum Abbauen." Der Blick in den Kfz-Schein beweist, daß es ihm tatsächlich gelungen ist, den wahlweisen Betrieb mit oder ohne Beiwagen vom TÜV genehmigen zu lassen. Der Hilfsrahmen verbleibt am Motorrad, an Werkzeug braucht es nur einen Achter-Imbusschlüssel, handwerkliche Spezialkenntnisse sind überflüssig.
Dieser Verlockung sind schon etliche Dutzend Gespann-Freunde erlegen. Wobei die wenigsten, das weiß Kalich, ständig davon Gebrauch machen. »Die meisten fahren ständig mit Boot.« Und sie fahren längst nicht nur Cruiser: Eine besonders gelungene Variante läßt sich von einer Africa Twin bewegen, just ist ein BMW R 1100-Umbau in Arbeit. Und auf die unumgängliche Frage nach der Schräglagenfreiheit weiß Ralph Kalich eine beruhigende Antwort: »Die haben mehr, die Africa Twin zum Beispiel 40 Grad.« Wie schräg also fährt ein Motorrad mit 40 Grad?

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