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Fahrbericht Kauselmann-Harley-Davidson Softail Interceptor Gewaltiges Ketten-Fahrzeug

Was für ein martialisches Motorrad! Roland Kauselmann baute einen Stealth-Jäger auf Rädern: schwarz, breit, kantig. Oder einen Panzer? Zwei parallele Antriebsketten lassen den 300er-Breitreifen rotieren.

Roland Kauselmann aus Bretten, der Mann, dessen Harley dich das Staunen lehrt, bleibt bescheiden: "Ich wollte nur zeigen, dass man aus einer Softail ein cooles, maskulines Motorrad machen kann." Denn die beiden versteckt unterm Getriebe liegenden Federbeine dieser Baureihe und ihre Starrrahmenoptik, die mag er.

Aber bitte keine Pussy-Harley. So was passt nicht zum Hobby-Boxer mit Stiernacken. Was er am Umbau der 2003er-Softail selber gemacht hat? "Was nicht, wäre einfacher zu beantworten", kontert der 51-Jährige: "Rahmen, Motor, Gabel und Lenker."

Die Radikalkur am Interceptor – zu Deutsch: Abfangjäger – begann mit dem Umbau auf Kette(n): "Finde ich schöner." Nun treiben gleich zwei Antriebsketten das mächtige 300er-Hinterrad an. Ihre Ritzel sitzen auf einer gemeinsamen, selbstredend kettengetriebenen Antriebsachse. Auf der dreht sich rechts außen die Bremsscheibe. Sollte mal eine Kette reißen, bleibt die Verzögerungsfunktion erhalten. Ganz schön exklusiv, nicht mehr im Hin­terrad zu bremsen. Selbst gefräste Distanzstücke an der Antriebsachse in Abstufungen von plus bis minus fünf Millimeter lassen beide Ketten stets exakt parallel laufen.

Das Hinterrad rotiert in einer aus dem Vollen gefrästen, zehn Zentimeter längeren Schwinge. Hoch über der Heckwalze wölbt sich der Eigenbau-Auspuff, garantiert ABE-frei. Nebenbei ist der feiste Schalldämpfer auch das neue Rahmenheck, trägt Rücklicht und Blinker. Der vordere Krümmer führt halbhoch rechts neben dem Stoßstangen-V2 zum Heck. An der Rückseite des hinteren Zylinders vereinigen sich beide Krümmer. Daher war kein Platz mehr für den Öltank der Trockensumpfschmierung. Er sitzt nun links vom serienmäßigen Evo-Motor, die Batterie vorm vergaserbestückten V2 im Bugspoiler.

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Foto: Bilski
Handwerklich ist alles klasse gemacht, durchdacht gebaut.
Handwerklich ist alles klasse gemacht, durchdacht gebaut.

Das Handwerk ist erste Klasse

Handwerklich ist alles klasse gemacht, durchdacht gebaut. Der Customizer Kauselmann arbeitet fest angestellt als Konstrukteur, in der Freizeit entwirft, schraubt und baut er daheim. Am Computer im CAD-Programm­ Solid Works ("Damit bauen sie auch den Airbus"), am Schweißgerät, an der Dreh- und Fräsbank. Die vielen Ecken und Kanten folgen formal einfach nur der Be­arbeitung: "Ich kann Blech bloß eindimensional biegen, dadurch ergeben sich Kanten von ganz allein", sagt der Tuner.

Seinen Eigenbau-Tank mit aufgesetzter Instrumentenkonsole entwarf er wie alle anderen Teile am Bildschirm. Und schweißte ihn aus mehreren gelaserten Edelstahlstücken zusammen. Echte Kunstwerke in Metall sind die dreiteiligen Räder: Ihre Naben sind aufwendig gedreht, hinten zusätzlich hinterfräst. An die sternförmigen fünf Speichen der Räder – aus dem Vollen gefräst! – sind Felgenbetten aus je zwei modifizierten Autofelgen angeschraubt. Verdammt viel Arbeit. Gesamte Bauzeit: ein Jahr.

Auf zur Proberunde. Rangieren heißt bei diesem Kanten, richtig anzufassen. Ist halt ein Männer-Motorrad. Hast du schon jemals so breitbeinig, breitschultrig gesessen? Die Füße parken weit vorn und außen. Ein Chefsessel.

Aufpassen: Links reißt sich die Monster-Harley am breiten Riemen des Primärtriebs, greift nach der Jeans. Geschlossener Kettenkasten? Das war früher. „Ich will drehende, sich bewegende Teile auch in ihrer Funktion zeigen“, sagt Roland Kauselmann. Schon klar.

Rechts schnappt der offene Luftfilter nach Luft. Du sitzt unverrückbar in der tiefen Sitzmulde. Ein GfK-Eigenbau trägt die zwei längs geteilten Pölsterchen. Körperspannung gibt’s reichlich. Der breite Dragbar-Lenker kommt dir kein bisschen entgegen. Streck dich halt.

Unerwartet dezent pröttelt der Stoßstangen-V2 vor sich hin. Kein Erdbeben erschüttert Nordbaden. Aber was "ungleichmäßige Zündfolge" bedeutet, wird deutlich. Das Motto lautet ab dem ersten Meter: mehr Erlebnis pro Kilometer! Du inhalierst jede Sekunde, nimmst die Welt in Empfang, die unsichtbare Kulissenschieber da an dir vorbeibewegen. Aber Obacht: Auf kalten Walzen will diese Macho-Softail kaum einlenken. Sind ihre Avon-Gummis etwas durchgeknetet, angewärmt, wird es etwas besser. Aber nur etwas.

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Foto: Bilski
Gleich zwei Antriebsketten treiben das Hinterrad an.
Gleich zwei Antriebsketten treiben das Hinterrad an.

Take it or leave it

Wer nach dem Überholen nicht energisch an der breiten Lenkstange reißt, läuft akut Gefahr, im Gegenverkehr zu verglühen. Dieses Motorrad demonstriert dir mächtige Kreiselkräfte. Man könnte es auch störrisch nennen. Hier kommt alles zusammen: langer Radstand, hohes Gewicht, Mörderbreitreifen. Sie brauchen bei gleichem Tempo mehr Schräglage.

Der Black Bomber zieht dem Asphalt ziemlich früh einen Scheitel, es furcht und funkt. Linksherum nimmt zuerst der Seitenständer Bodenkontakt auf. Besser nicht das Haftungslimit der Reifen Avon Venom 2 voll ausreizen.

Aber es hat was, diesen Black Bull bei den Hörnern zu packen, ihm deinen Willen aufzuzwingen, ihn niederzuringen. Wenden? Erfordert Mut, Kraft und Platz. Am besten von allem viel. Take it or leave it. Es gibt nichts dazwischen. Die mächtigen Eigenbau-Gabelbrücken mit Dreifachklemmung nehmen eine voll einstellbare, kohlenstoffbeschichtete Supersportgabel einer GSX-R auf. Upside down, leicht gekürzt.

Ihre Holme rücken für den breiten 170er-Vorderreifen weit auseinander. Die Gabel spricht superfein an, ist stabil und doch komfortabel. Besser als alle Harley-Serienteile. Und die Vierkolbenstopper sind für solch ein Flacheisen schlicht eine Erfüllung. Auch hinten bremst die „Doppelscheibe“ mächtig mit.

Foto: Bilski
Weil Rahmen und Motor original blieben, wäre „innerhalb eines Tages der Rückbau in eine Standard-Softail möglich“, sagt der Tuner. Nur: Wer will das schon?
Weil Rahmen und Motor original blieben, wäre „innerhalb eines Tages der Rückbau in eine Standard-Softail möglich“, sagt der Tuner. Nur: Wer will das schon?

Die Form des Umbaus wurde gefeiert und prämiert

So wichtig kamst du dir selten vor. Taucht das Long-and-low-Bike mit der Aura eines Überschall-Fighters im Rückspiegel vorausfahrender Autofahrer auf, bekommen sie Panik. Sie versuchen an unmöglichsten Stellen, Platz zu machen, nur um dieses fremde Wesen loszuwerden. Überhol-Prestige ganz ohne Krach. Unbemerkt parken? Vergiss es.

Das Wertgutachten weist 40000 bis 45000 Euro aus. Üblich für Tuning-Bikes dieser Güte. Der Clou an diesem "Weichschwanz" (Softail): Weil Rahmen und Motor original blieben, wäre "innerhalb eines Tages der Rückbau in eine Standard-Softail möglich", sagt der Tuner. Nur: Wer will das schon? Schließlich wurde ja genau diese Form auf einschlägigen Harley- und Custom-Events gefeiert wie prämiert.

Die Ideen zum neuesten Projekt hat Roland Kauselmann bereits im kahl rasierten Kopf: "Die nächste Harley wird völlig clean." Ihr Motoröl soll im Zentralrohrrahmen bunkern. Erkennungszeichen: Speichenräder mit 20-Zoll-Zwillingsreifen hinten, schmal, mit nur drei Millimetern Abstand voneinander: "Nicht wie an der Dodge Tomahawk, wo die Kette zwischen beiden Reifen lief."

Eine eigene Homepage für die Projekte ist noch in Arbeit. Der Mann ist mehr Macher als Vermarkter. Man erreicht ihn unter roland.kauselmann@web.de und Telefon 0176/62 39 33 39.

"Ich tobe mich aus", sagt der Tüftler zum Abschied. Respekt.

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