Fahrbericht Kawasaki Versys Pay-Mobil

Sie kostet nicht die Welt, lässt sich aber äußerst vielseitig einsetzen: Kawasaki präsentiert mit der Versys ein Spaßgerät auf ER-6-Basis für Sport, Spiel und Spannung.

Foto: fact
Verständlich, dass ein Hersteller gern nationaltypische Besonderheiten zitiert, wenn er sein neues Werk dem internationalen Publikum nahebringen möchte. Wie Kodo, der Schlag der japanischen Trommeln, im Fall der hämmernden Yamaha MT-01. Eingehender Erläuterung bedarf dagegen der Zusammenhang zwischen Nihon Teien, der fernöstlichen Gartenbaukunst, oder Sensu, dem japanischen Fächer, und einem Funbike. Was Kawasaki-Designchef Tanaka im Rahmen der Präsentation dann auch ausführlich, aber ohne durchschlagenden Erfolg den mitteleuropäischen Journalisten zu vermitteln versuchte.
Ob nachvollziehbar oder nicht, derartige Erklärungsversuche sollen auf jeden Fall andeuten, dass Kawasaki mit der Versys neues Terrain betritt. Ein Genre irgendwo zwischen Enduro, Touring und Naked Bike. Was auch die Modellbezeichnung verrät: Versys verschmilzt die Wörter Versatile und System und bezeichnet somit eine vielseitig einsetzbare Maschine, die in der Stadt eine gute Figur macht, auf langen Touren über Land souverän bleibt und auf winkligen Passstraßen keinen Stress aufkommen lässt.
Im Prinzip nichts ganz Unbekanntes, eine ähnliche Richtung schlug schon Yamaha mit TDR und TDM erfolglos ein. Und die unglückliche KLE 500, bei deren Erwähnung die Kawasaki-Offiziellen immer die Augen verdrehen, ist nicht weit davon entfernt. Doch erst jetzt, wo vermehrt Alternativen zu den übermotorisierten Sportmaschinen gefragt sind, scheint die Zeit reif für solche Konzepte, zumal die Versys konsequenter umgesetzt wird.
Die Basis bildet die hinlänglich bekannte ER-6, wobei die Versys dank längerer Federwege hochbeiniger dasteht. In KTM-typischen Dimensionen rangiert die Sitzhöhe deshalb keineswegs, selbst kurz Gewachsene müssen um ihre Standfestigkeit nicht fürchten. Und mehr Federweg heißt nicht einfach eine kostengünstige Hubverlängerung der ER-6-Teile, die Techniker ignorierten einmal den Rotstift der Buchhaltung und implantierten eine kräftige Upside-down-Gabel, sogar inklusive Dämpfungsverstellung. Hinten wich die schlichte Stahlschwinge einem hübsch verschweißten Alu-Teil. Überhaupt wirkt die Versys nicht nur hochwertiger ausgestattet, sondern auch erheblich wertiger verarbeitet als die beiden ER-6-Modelle.
Das Rahmenkonzept blieb erhalten, ebenso erscheint der Motor mitsamt Auspuffanlage unverändert, wurde in seiner Charakteristik allerdings den geänderten Anforderungen angepasst. Dass von den 72 PS der ER-6 nominell nur 64 übrig blieben, mag zunächst enttäuschen. Was aber oben gekappt wurde, soll laut Kawasaki dem mittleren Bereich zugute kommen.
Ob das stimmt? Das zu erfahren, wäre kaum eine Gegend in Europa besser geeignet als die Côte d’Azur. Eine grandiose Szenerie mit Sträßchen jeglicher Couleur, die hohe Ansprüche an Handling und Federung stellen. Bedenken, das Playmobil könne in eine ähnlich lasche Richtung abgestimmt sein wie die Basismodelle, sind schon nach den ersten Metern verflogen. Die Versys federt ordentlich straff, geringfügige Komforteinschränkungen wie das Stuckern auf kurz hintereinander folgenden Kanten kann man verschmerzen. Die knackige Druckdämpfung erlaubt es in Kombination mit der vorn und hinten verstellbaren Zugdämpfung dafür, auf welligen Passagen ordentlich Gas zu geben, ohne dass die Fuhre ins Schlingern gerät.
Erfreulich ist außerdem das neutrale Handling. Die Versys lenkt sich ohne spürbaren Kraftaufwand, ohne jemals nervös oder zappelig zu wirken, sondern steuert wie von allein präzise auf Kurs. Dass ein solch hochbeiniges Gerät mit aufrechter Sitzposition nicht das Feedback eines Supersportlers liefert, dürfte klar sein.
Zu diesem Fahrvergnügen leistet der Motor einen nicht unerheblichen Beitrag. Der Zweireiher zieht schon knapp über 2000/min ordentlich und ohne Ruckeln voran, legt dann tapfer zu und fühlt sich im mittleren Bereich einfach nur pudelwohl. Erst ganz oben, kurz vor dem Begrenzer knapp über 10000/min, macht er dicke Backen und wirkt etwas angestrengt. Trotzdem wird jeder nach einer Probefahrt erstaunt fragen: nur 64 PS? Das fühlt sich nach viel mehr an. Denn entscheidender als Zahlen und Werte ist die Art, wie die Kraft rüberkommt. Das Ansprechverhalten ist phänomenal, so knackig ging in dieser Leistungsklasse bislang kein Motor zur Sache. Ganz sanft, aber doch herrlich direkt und spontan nimmt der 650er aus jeder Drehzahl Gas an, das reine Vergnügen.
In Deutschland stehen zwei Versionen zur Wahl: eine ohne, eine mit ABS. Wie bei der ER-6 das bekannte Bosch-System, nur in einer neueren Ausbaustufe. In puncto Sicherheit ist die ABS-Versys im Ernstfall die bessere Wahl, wobei der Fahrer mit den von BMW F 800 und KTM Adventure bekannten Regeleigenheiten der Bosch-Elektronik leben muss, die dynamische Piloten eher als lästig einstufen. Zu häufig greift die Regelung vorn schon weit unterhalb der Schlupfgrenze ein, etwa beim harten Herunterschalten auf der Bremse. Was zu seltsamen Bewegungen im Hebel und Verunsicherung beim Piloten führt. Positiv zu erwähnen ist dagegen die gute Transparenz und Dosierbarkeit der ABS-Bremse. Mit beidem kann auch die sehr gute konventionelle Bremsanlage aufwarten, mit der sich bar jeglicher Eingriffe von außen allerhand Schabernack im Supermoto-Stil treiben lässt.
Aber egal, ob mit oder ohne den Blockierverhinderer: Die Versys hält, was ihr Name verspricht, sie ist ein echtes Spaßmobil mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Der Preis ist noch nicht exakt kalkuliert, wird in der Basisversion aber wohl unter 7000 Euro bleiben, mit ABS dürfte er etwa 7500 Euro betragen. Den theoretischen Überbau kann sich der Interessent übrigens sparen: Die Versys ist ein Motorrad, das sich selbst erklärt.

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