Fahrbericht Kawasaki Z 750 Licht am Horizont

Die Z 750 hat das Zeug zum Bestseller. Sie ist preisgünstig, hipp und leistungsstark. MOTORRAD sammelte erste Fahreindrücke in Südspanien.

Foto: Jahn
Kawasaki Z 750
Kawasaki Z 750
Das Gefühl ist bekannt, doch leider sehr selten. Man nimmt Platz und könnte schwören, die Konstrukteure hätten das Motorrad individuell angepasst. Die neue Kawasaki Z 750 ist eines von dieser Sorte. Sie saugt sich praktisch an den Körper, weckt Vertrauen schon nach den ersten, locker auf dem Promenadengewirr der südspanischen Costa del Sol dahingecruisten Kilometern.
Das ergonomische Dreieck aus Lenker, Sitz und Fußrasten hätte kaum güns-
tiger geformt werden können. Der Lenker ist breit, die Schenkel liegen eng an Tank und Rahmen an. Zwar können 815 Millimeter Sitzhöhe nicht gerade als tiefer-
gelegt gelten; dank der leicht abfallenden, schmalen Sitzbank und der Tankaussparung kommen jedoch auch Kurzbeinige gut mit dieser Höhe zurecht. Zumal die
Z 750 immer perfekt ausbalanciert und enorm handlich wirkt. Sie wedelt um
Hindernisse fast so unbeschwert wie ein Mountainbike, obgleich sie laut Hersteller 195 Kilogramm trocken wiegen soll.
Dürfte mit allen Betriebstoffen so um die 223 Kilo ergeben.
Endlich verschwindet die Stadt in den Rückspiegeln. Die Gipfel der Sierra de Ronda locken in der Ferne, laden ein zum Kurvenvergnügen. Der inzwischen warm gelaufene Motor wird erstmals höher
gedreht, und dabei ist es dem Fahrer nicht nur vor lauter ungeduldiger Erwartung etwas kribbelig zumute. Ab 6000/min
verbreitet der 750er-Vierzylinder leichte Vibrationen. Kein Wunder, wie der ebenfalls kernig laufende Motor der Z 1000 kommt er ohne Ausgleichswelle aus. Gehäuse und Kurbelwelle sind bei beiden
Z-Vierzylindern ohnehin identisch, selbst den Kühlkreislauf samt Kühler hat die 750er von der 1000er übernommen. Wahrscheinlich deshalb steigt die Wassertemperatur selten über 80 Grad, bleiben Reserven für heiße Tage.
Um die 748 cm3 zu realisieren, wurde der Bohrungsdurchmesser von 77,2 auf 68,4 Millimeter reduziert. Ein Zylinderkopf mit kleineren Ventilen und engeren Ein- und Auslasskanälen sowie eine Einspritzanlage mit Doppeldrosselklappen, deren Durchmesser 34 Millimeter beträgt, ermöglichen der Z 750 den derzeit stärks-
ten Auftritt im Mittelklassesegment der Naked Bikes. 110 PS bei 11000/min und 75 Nm bei 8200/min sind durchaus ge-
eignet, die Mitbewerber Suzuki SV 650, Yamaha FZ6 und Honda Hornet 600
einzuschüchtern. Doch da ist mehr im Spiel als nur die nackten Zahlen.
Der Kawa-Motor schreit wie ein Rockstar aus dem wunderschönen ovalen Edelstahlschalldämpfer und hängt einfach super am Gas. Verschluckt sich
nie, ist ab 2500/min präsent. Wie schon erwähnt: Es darf gebummelt werden.
Das Lied vom stressfreien Überholen spielt die Z zwischen 4000 und 8000/min. Schiebt einfach immer Kohlen nach.
Darüber kommen sportlich angehauchte Fahrer auf ihre Kosten, denn der Vierzylinder dreht locker bis an den roten Bereich bei 11500/min. Höchste Drehzahlen werden dem 750er im normalen Fahrbetrieb jedoch nicht sehr häufig abverlangt, weil er seine Leistung über den ganzen Bereich ohne Einbrüche und Spitzen freisetzt. Also ohne die pausenlose Verführung oder auch nur die Notwendigkeit, ihn
wie einen 600er mit spitzer Charakteristik ständig scheuchen zu müssen.
So wird das Kurvenlabyrinth um die Stadt Ronda zum Vergnügen. Weite Radien, Genießerasphalt, enge Kehren und schnelle Wechselkurven unter zuckerwattigen Wolken, von Sonnenstrahlen frech durchdrungen. Ein paradiesischer Oktobermorgen. Vor allem für Kurvensüchtige. Denn die Z 750 folgt spontan der anvi-
sierten Linie. Und lässt sich im weiteren
Verlauf des Bogens mühelos auf die-
ser Linie balancieren. Viel leichter als
ihre große Schwester. Zum einen trägt die schmalere 5,50-Zoll-Felge mit 180er-Hinterreifen zur verbesserten Handlichkeit bei. Zum anderen die leichteren Sechsspeichen-Räder, die in der neuen supersportlichen Rakete ZX-10R ebenfalls zum Einsatz kommen werden.
Demnach alles besser als bei der 1000er-Z? Nicht ganz, an der ein oder anderen Stelle musste Kawasaki dann doch sparen. Immerhin liegt der Verkaufspreis der 750er mit 7195 Euro stolze 2800 Euro
unter dem der Z 1000. Polierte Felgen, Upside-down-Gabel, Aluminiumschwinge oder eine aufwendige Vier-in-vier-Auspuffanlage sucht man an der 750er
vergeblich. Zudem ist die konventionelle 41er-Gabel nicht einstellbar, die Bremskräfte werden vorn von zwei Doppelkolben-Schwimmsätteln mit 300-Millimeter-Scheiben aufgebaut. Dass der Rotstift sich nicht in puncto Fahrspaß negativ
bemerkbar macht, liegt am harmonischen Gesamtkonzept der Z 750.
Die Fahrwerksabstimmung vermittelt ein gutes Feedback und ist trotzdem komfortbetont. Und die Bremsen lassen zwar aggressiven Biss vermissen, sind aber gut dosierbar und in der Wirkung völlig ausreichend. Alle Details der Maschine fügen sich nahtlos in das Muster, das als Vorgabe für die Ingenieure galt: ein preiswertes, einfach zu beherrschendes Alltagsbike zu konstruieren, das ers-tens ein Gesicht in der Menge hat und zweitens den Spagat zwischen sportlich-aktiv und touristisch-relaxed schafft. Die
Z 750 könnte all jene glücklich machen, die weder lange Reisen zu zweit machen, noch Rennstreckenluft schnuppern wollen. Grob geschätzt also mindestens 75 Prozent aller Biker. Und das ist mehr als nur ein Lichtpunkt am Horizont.

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