Fahrbericht Klassiker-Replikas Last Order

Stilsicher oder gewagt? Ganz, wie’s beliebt: Zwei britische Edelschmieden verkaufen Variationen von BSA A 65 und 750er Triumph.

Die Briten sind anders, völlig: Wo deutsche Fans mit beinahe preußischer Strenge auf Originalzustand pochen, da erwacht bei ihnen der pure Basteltrieb - im Angesicht ehrwürdiger Alteisen nämlich. Hübsch muß es sein und auf jeden Fall originell. Was soll’s, wenn darunter die Nähe zum Ursprung leidet. Und warum sollten solche Kreationen im Alltag nicht besser taugen, als die armen Besitzer des Ausgangsmaterials je zu träumen wagten.
SRM und LP Williams jedenfalls, zwei findige Kleinbetriebe, liefern mit ihren gelungenen Umbauten auf Basis der BSA A 65 beziehungsweise der Triumph T 150 den Beweis. Sie kennen ihre guten alten Zwei- und Dreizylinder mittlerweile aus dem Effeff, versehen sie mit etlichen, selbstverständlich nicht originalen Teilen und schneidern ihnen ein Kleid, das ganz offensichtlich von der Mode der späten Sechziger, frühen Siebziger inspiriert wurde. Um die Zulassungsfrage vorwegzunehmen: Abgesehen von Korrosionsschutz und optischen Retuschen erfahren originale Rahmen und Fahrgestellnummern keinerlei Veränderungen.
Die dreizehnköpfige Crew von SRM aus dem walisischen Zungenbrecher-Ort Aberystwth verbessert und restauriert seit 1980 BSA-Paralleltwins. Die Vorliebe der vier Besitzer Gary, John, Geoff und Paul galt stets den A 65-Modellen mit im Motorengehäuse verblocktem Getriebe, die 1962 als »Star” ihr Straßendasein begannen. Ganz angetan von diesen ohv-Twins, ließ sich Paul Dewhurst im zarten Jünglingsalter von 15 Jahren drei Buchstaben eintätowieren: »Eines Tages, so sagte ich damals zu meinem Vater, soll BSA mal mir gehören.” Ob Paul dieses Ziel immer noch verfolgt. Immerhin hatten er und sein Bruder Geoff vor drei Jahren die Idee, eine A 65 mit dem Flattrack-Design von Craig Vetters superschlankem Triumph-Triple X 75 Hurricane zu kreuzen. Die Umsetzung erforderte viel Liebe zum Detail: »Paß auf - fällt dir unter der Bank nichts auf? Unsere Form läuft sanft aus, bei der Hurricane ist ab hier Schluß”, deutet Geoff auf die Seitenverkleidung des X 65 getauften Mischlings. Die eigens für das Bike angefertigte Zwei-in-zwei-Auspuffanlage mit ihren übereinanderliegenden, kurzen Endtöpfen rundet die SRM-BSA zur hundertprozentigen »US-Spec” ab. Geht sie so, wie sie aussieht? »Sie verträgt’s, wenn man ordentlich Zunder gibt”, erklärt Paul. Zwar beim Bier, aber durchaus mit Nachdruck.
Damit er Wort halten kann, erfahren seine A 65-Aggregate allerhand walisische Detailverbesserungen: beispielsweise zündungsseitig auf Wälzlagerung umgerüstete Kurbelwellen samt geändertem Ölkreislauf oder eine nadelgelagerte Kupplungsdruckplatte. Bleifrei-Ventilsitze verstehen sich von selbst, und die Einlaßventile mit satten 43,5 Millimeter Tellerdurchmesser, die das Gemisch durch die beiden 32er Amal-Vergaser saugen, lassen erahnen, wie kräftig dieser Twin zur Sache geht. Deutlich beherzter jedenfalls als die erste A 65 mit ihren 38 Pferdchen.
Butterweich arbeitet das rechtsgeschaltete Getriebe der SRM-BSA X 65, im Nu kratzt die Nadel des Drehzahlmessers an der 8000er Marke. Der Twin hängt sauber am Gas, die lochfreie Beschleunigung und der enge Knieschluß lassen Flattrack-Stimmung aufkommen. So gut die X 65 rennt, ihre Bremsen sind mit Vorsicht zu genießen: Ein Traktor schneckt auf die gut ausgebaute B 44 zu, die Hand zerrt am Hebel, das Seil zieht, zwei Beläge rubbeln mit bescheidenem Erfolg. Schnell zwei Gänge zurückschalten, am linken Pedal den Druck erhöhen — bums, quietsch, das Hinterrad stempelt ohne Vorwarnung. »Ja, die Bremse vorn, ich hätte dich warnen sollen. Wir können aber auch Bonnie-Standrohre samt Scheibenbremse anbauen, kein Problem.”
Die Standrohre der Triumph Bonneville verbaute Les Williams gleich von vornherein. Bietet sich ja auch an, bei einer Legend genannten Triumph-Replika. Zwei Scheibenbremsen mit Grimeca- Sätteln am Vorderrad sowie eine Scheibe im Hinterrad entheben die Legend aus Kenilworth - obwohl gut einen Zentner schwerer als die walisische Lady - jeder nennenswerten Bremssorgen.
Den Namen des stilistisch an eine Laverda erinnernden Bikes hat Williams mit Umsicht gewählt: Ehemals in der Triumph-Rennabteilung tätig, ist Les Erbauer der wohl berühmtesten Triumph Trident, des Production Racers Slippery Sam. Fünfmal, von 1971 bis 1975, holte sich diese knapp 80 PS starke T 150 den Sieg bei der Tourist Trophy. Den schlüpfrigen Spitznamen erteilte ihr kein anderer als Werksfahrer Percy Tait, dem beim Bol d´Or 1969 das Öl wegen eines Defekts literweise aufs Hinterrad triefte.
Bullig thront der Aluminium-Tank auf dem Rahmen, zwingt den Fahrer gemeinsam mit den zurückverlegten Fußrasten in klassische Rennhaltung. Landstraßentempo ist bereits erreicht, wenn der Drehzahlmesser im letzten Gang 3500 Umdrehungen anzeigt. Und der Motor dreht im Gegensatz zu den Original-Tridents munter weiter: Auf den kurvigen, gut ausgebauten Straßen rund um Coventry wird der Triple zum klangvollen Genußmittel. Wer ohne große Reue genießen möchte, kann - oh Schreck - eine Mikuni-Vergaserbatterie ordern, um die
durstige Lady auf angemessene Ration zu setzen.
Genausoviel Laune wie die Legend bereitet der eigenwillige Dreizylinder-Umbau von Trevor Gleadall, der 1992 die Werkstatt von Williams übernahm: Die Renegade (zu Deutsch: die Abtrünnige) im Stil der Sechziger ist seine Kreation. Und bei der sind wieder kräftige Unterarme gefordert: Auf Hanteltraining kann getrost verzichten, wer die beiden Seilzüge der Doppelduplex in Bewegung hält.
Obwohl »nur« Variation einer alten Triumph, hat die Renegade übrigens beste Chancen, selbst zum Klassiker zu werden: Seinen Triumph Bonneville-Umbau, die Buccaneer, bietet Gleadall bereits seit einem knappen Jahrzehnt mit beachtlichem Erfolg an. Stilsicher, schlank und rank - wer stets nur am Original klebt, der kriegt so was Originelles niemals hin.

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