Fahrbericht KTM 950 Supermoto R R-lebnis

Sanft laufender Motor, erstklassiges Fahrwerk, lässige Sitzposition – die 950er-KTM beweist, dass Supermoto mehr sein kann als sportliche Askese auf kompromisslosen Singles. Ein Konzept, das Motorradfahren zum Erlebnis werden lässt. Zu einem ganz speziellen.

Foto: Peuker
Sie macht nicht viel Federlesens um sich. Den Ruhm, sich heroisch mit der ganz Großen der Branche, der Marktführerin BMW R 1200 GS anzulegen, den überlässt sie ihrer offroadigen Schwester, der Adventure. Und mit dem Anspruch, sich durch ein kantig-radikales Äußeres optisch gegen das zweirädrige Establishment aufzulehnen, soll sich gerne die abgedrehte Super Duke vor den Spiegel stellen. Die Supermoto 950 kann das locker ab, denn sie weiß: Die wahren Supermoto-Fans halten zu ihr. Zum Original. Zu der Maschine, die den Produktplanern einer BMW Megamoto oder Ducati Hypermotard erst die Augen für dieses Konzept geöffnet hat. Dieser Idee der Evolution im bislang von Einzylindern beherrschten Supermoto-Biotop. Für mehr Leistung, mehr Fahrbarkeit, mehr Laufkultur. Im Jahr 2005 war das. Noch gar nicht so lange her. Seitdem sind die Dimensionen verschoben, gehören dreistellige PS-Zahlen auch im Supermoto-Outfit zum State of the art.

Und nun soll bald Schluss sein? Das »Ja« will nicht so recht über die Lippen. Doch es ist so. Der mit zwei Gleichdruckvergasern gefütterte 942-cm3-Zweizylinder schafft den Sprung über die Euro-3-Hürde nicht und darf mit seiner Euro-2-Homologation nur noch in dieser Saison in den Handel gebracht werden. Danach wird wahrscheinlich der Motor mit Benzineinspritzung aus der 990 Adventure und Super Duke der Supermoto eine Zukunft bieten.

Doch zurück zur Gegenwart, in der nach wie vor die 950er eine ordentliche
Figur abgibt, erst recht in der jetzt präsentierten R-Variante (Unterschiede zur Basis-Supermoto siehe Kasten Seite 73). Denn mit einem um drei auf 14,5 Liter Inhalt reduzierten Tank bekennt die aufgepeppte Supermoto Farbe, tauscht damit ganz bewusst ein Stück Alltagstauglichkeit gegen eine schlankere Taille und eine um immerhin vier Zentimeter weiter nach vorn gerückte Sitzposition ein. Und das ist gut so. Denn bereits in den ersten Kurven macht sich die zusätzliche Last auf dem Vorderrad positiv bemerkbar. Wie festgeklebt haftet die Front auf dem Asphalt, hält vehement den Kurs, schafft auf den allerersten Metern bereits unerhörtes Vertrauen.

Genau dieses mühelose Handling vermittelt die 950 R in jeder Sekunde. Einmal in Bewegung, scheinen die Dimensionen der trotz der Frühlingsdiät immer noch imposanten und gut 200 Kilogramm schweren Maschine förmlich hinwegzuschmelzen. Jedes Detail will die Leichtigkeit des Seins auf dieser KTM unterstreichen. Ob die herrlich agierende Vorderradbremse mit ihren vier Einzelbelägen je Bremszange, die federleicht zu ziehende Hydraulik-kupplung oder auch die lässig-entspannte Sitzposition, all das signalisiert die pure Freude am Fahren.

Der Motor trägt sein Scherflein zum Wohlfühl-Ambiente sowieso bei. So frei von Lastwechselreaktionen, so sanft am Gas hängend und gut dosierbar wie das beim MOTORRAD-Vergleichstest (Heft 14/2006) mit 103 PS gemessene Vergaser-Aggregat antritt, davon können die noch vergleichsweise ruppigen Einspritzmotoren der 990er derzeit nur träumen.

Im Vergleich zum äußerst sportlichen Setup der Super Duke R (siehe Kasten unten) geht die 950 R trotz der straffer abgestimmten Gabel kommod zu Werke. Natürlich, eine Sänfte ist auch die 950er nicht, doch haben sich die Ingenieure bei der Supermoto erstaunlich nah an den gelungenen Kompromiss zwischen sportlicher Straffheit und dem notwendigen Komfort herangearbeitet. Eine Auslegung, die das Einsatzspektrum der Supermoto weit über den in dieser Spezies üblichen verschärften Ausritt auf der Hausstrecke ausdehnt. Von Powertour über Wochenendtrip bis hin zum Weg zur Arbeit schafft die 950er einen erstaunlich breiten Spagat. Und das ist es doch auch, was mit der großen Freiheit auf zwei Rädern gemeint ist, oder?

Weshalb der Griff ins Teilelager mit 700 Euro Aufpreis für die R derart selbstbewusst kalkuliert ist, bleibt ein Rätsel.

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