Fahrbericht: KTM Freeride E Offroad-Motorrad mit Elektroantrieb

KTM tüftelt seit Jahren an einem Offroad-Motorrad mit Elektroantrieb. MOTORRAD erlebte die ersten Meter einer neuen zweirädrigen Zeit.

Foto: KTM

Nichts. Kein Ton. Der Druck auf den „Anlasserknopf“ stellt die Batterie scharf, mehr nicht. 300 Volt liegen nun an den beiden Polen des Elektromotors, genug um ein durchschnittliches oberösterreichisches Rindvieh in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Oder einen durchschnittlich begabten Motorradmechaniker. „Wir kapselten die gesamte Antriebseinheit“, erklärt Projektleiter Johannes Proschek. „Bei unserem Hochvoltkonzept darf nicht gebastelt werden, es dürfen keine offenen Kabel erreichbar sein. Dafür kann man mit der Freeride auch unter Wasser fahren.“ Unter Wasser? Das muss heute nicht sein. Keine Wolke am Himmel, eine saftige Wiese lockt zur Verkostung von KTMs Stromfloh. Ultraleichte 95 Kilogramm soll er wiegen, vollgetankt.

Der zaghafte Dreh am rechten Lenkerende setzt das Gefährt sanft in Bewegung. Da ruckelt und zuckelt nichts. Profis halt, die KTMler. Zwei Runden um den Block erhärten das Gefühl von einem wirklich professionell gemachten Motorrad. Die Kraft steigt linear mit der am Drehgriff geforderten Leistung an, so wie wir es immer bei den Verbrennungsmotoren wünschen, aber selten bekommen. Zischend schießt der Freeride-Prototyp davon, wenn er alles geben soll. 30 PS Spitzenleistung, aus dem Stand 45 Nm Drehmoment, das Ganze auf 70 km/h übersetzt, da geht ziemlich die Post ab.

Ab in die grüne Wiese, der Nachbarbauer wallt kurz auf, dreht leicht irritiert wieder ab. Auch er hört nämlich nichts. Nahezu geräuschlos pflügt die Freeride durchs Gelände, Grashalme knicken leise. Das stimmt Bauer Alois friedlich. Nicht auszudenken, wenn das Ganze mit einer kernigen 450er-Enduro zelebriert würde. Mindestens Mistgabel im Hintern, wenn nicht Schusswaffengebrauch. Nein. E-Bikes gelten als Umweltfreunde, KTM hat es erkannt und sieht darin eine große Zukunft. Zu Recht, zumindest wenn man rein vom Fahrerlebnis ausgeht. Die Freeride liefert brillanten Fahrkomfort, vibrationslose Leistungsentfaltung, Druck in allen Lebenslagen und einen mechanischen Grip im Offroad-Betrieb, der jedem Verbrenner haushoch überlegen zu sein scheint. Die Hinterradbremse wird mit dem Handhebel links betätigt, Kupplung braucht man ja keine. Vorteil in schwerem Gelände, man kann mit beiden Beinen paddeln. Oder endlich auch mal Rechtskurven stilecht anbremsdriften. Was erst einmal nicht geht: das Hinterrad kontrolliert durchdrehen zu lassen. Der Grip ist schlicht zu hoch.

Wie lange hält der Spaß an? "Ein Top-Crosser fährt sie in 25 Minuten leer, Puffis in 45", so Pressesprecher Thomas Kuttruff. In 1,5 Stunden sei der Akku wieder geladen, 2,1 Kilowattstunden kann man darin speichern. Energierückgewinnung beim Bremsen? "Daran ist gedacht, aber schwer im Gelände zu beherrschen. Die Räder sollen ja nicht unerwartet blockieren." Die 300-Volt-Batterie besteht aus handelsüblichen Laptopzellen, wie sie auch Tesla in dem Roadster verwendet. KTM montiert alles selbst: Batterie, Leistungselektronik und Gleichstrommotor. Man will hier kein Know-how verschenken. Der erste Auftritt überzeugt. Die KTM ist bisher das beste Elektromotorrad, das MOTORRAD gefahren hat. Man müsste es kaufen können.


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