Fahrbericht Moto Guzzi Bellagio La dolce vita

Fellini hat es schon lange gewusst. Jetzt haben sie es auch bei Guzzi entdeckt: Das Leben nehmen, wie es kommt, sich auch mal treiben lassen, einfach nur genießen – das ist Italien. Und so ist die neue Bellagio.

Foto: Moto Guzzi
Sie haben ja schon alles probiert. Sport, natürlich, ein Muss. Und Naked, im Land der vollendeten Formen auch irgendwie logisch. Sogar Tour, obwohl das in seiner fundamentalen Schwere und Nutzwertorientierung eher den »tedesci« entspricht. Ja, selbst an der teutonischten aller Erfindungen, dem zweizylindrigen Multitool namens Reise-Enduro, haben sie sich versucht. Vorhersehbar vergeblich.

Aber jetzt! Jetzt geht was. Moto Guzzi erfindet die Guzzi neu. Und dazu auch gleich eine neue Motorradgattung. Man könnte sie »Fun-Cruiser« nennen. Oder »Custom Naked«.Die in Mandello nennen sie »Bellagio«.
Das passt, denn schon im Namen schwingt sie mit, die lebendige Gelassenheit der Lombardei. Der Ort zum Bike liegt vis-a-vis zum Werkstor, am anderen Ufer des Comer Sees. Und auf der Bellagio »swingt« es ebenso. Vom ersten Meter an. Durch die engen Gassen des Örtchens, über Kopfsteinpflaster, im Schritttempo. Links Cafés, rechts Marktbuden – und mittendrin die neue 940er wie ein Fisch im Wasser. Flaniert bullernd durchs bunte Treiben, streckt die Zylinder des 1200er-Triebwerks mit 95 Millimetern Bohrung wie zum Gruß, während die Welle des 850er-Motors in den tiefen des Kurbelgehäuses nicht nur den Hubraum reduziert, sondern der Laufkultur spürbar zuträglich ist. Der 940er stampft in dieser Konfiguration (versprochen werden 75 PS und 78 Newtonmeter Drehmoment) daher nicht wie ein Traktor auf Urlaub, sondern wie einer, dem bei allem Nachdruck nicht der Sinn abgeht für das Mondäne dieser Örtlichkeit. Keine Frage, er hat unten herum an Druck verloren. Dafür aber an Umgangsformen zugelegt. Das Bäuerliche, was ihm stets ein wenig anhaftete, weitgehend draußen auf dem Land gelassen. Eine Tatsache, die sich auch in einem deutlich sanfteren Lastwechselschlag äußert, als ihn der 1200er-Bruder aufweist und der bekanntlich speziell bei Flaniertempo den lässig eingeleiteten Richtungswechsel schnell einmal zur ungewollten Slapstick-Einlage werden lassen kann. Dann nämlich, wenn das Lamm beim Gasanlegen unversehens zum Bullen wird und sich mächtig schüttelt.

Diese Gefahr ist also gebannt. Doch es droht andere, von unerwarteter Seite. Wer es sich so richtig gut gehen lässt auf der bequemen, auch für kleine Menschen nicht zu hohen Sitzbank, den breiten Lenker mit lockerer Hand führt und die Füße ganz relaxt auf den nicht zu weit vorn platzierten Fußrasten ruhen lässt, rechnet nicht mit dem begrenzten Lenkeinschlag. Daher Achtung: Eine 180-Grad-Kehre, weil die hübsche Blonde hinter ihrer Sonnenbrille vermutlich mit dem Auge zwinkerte – das will wohl überlegt sein. Und sollte am besten hinter der nächsten Ecke stattfinden, weil uncoole Rangiermanöver nicht unbedingt zum lockeren Auftritt passen.

Überhaupt: bei aller Flanierei – auf der Bellagio lohnt sich auch der Ausflug aufs Land. Denn sie zeigt schnell, dass mehr in ihr steckt als nur der purer Müßiggang. Die 940er verfügt nämlich über ein Repertoire, das man ihr angesichts ihres Cruiser-Outfits nicht zutrauen würde. »The custom bike with the soul of a naked« versprechen die vom anderen Seeufer im Pressetext. Und sie haben Recht. Einmal in freier Wildbahn, mutiert die Bellagio auf Gasgriff-Kommando vom gemütlichen Gleiter zum ernsthaften Bergrenner. Mit einer famosen Handlichkeit, die teilweise schon ins Kippelige abdriftet. Mit einem Motor, der den Höhepunkt seiner Schaffenskraft im mittleren Drehzahlbereich erreicht und auch die oberen Regionen nicht scheut. Mit Federelementen, die einerseits eindeutig komfortabel ausgelegt sind und andererseits selbst zügigem Landstraßentempo nicht wirklich entgegenstehen. Dazu eine Bremsanlage (320-Millimeter-Scheiben, Doppelkolbenzangen), die festen Zugriff verlangt, dann aber entschlossen zupackt.

So, jetzt sind wir unvermittelt doch im ernsten Fach gelandet. Aber: Auch dieser Teil des Bellagio-Wesens läuft niemals Gefahr, ins Mühsame abzudriften. Die Aktionen des Fahrers bleiben in der Regel spielerisch, leicht, ja beinahe nebensächlich. Das unterscheidet die 940er von anderen Cruisern, bei denen die gespielte Lockerheit oft mit viel Einsatz erkauft wird. Von den soliden Nakedbikes unterscheidet sie etwas anderes: Die glaubwürdige Lässigkeit, wenn es darum geht, den öffentlichen Auftritt zu genießen. Eine Lässigkeit übrigens, die in Mandello im Blut zu stecken scheint. Das gilt nicht nur für den reichlichen Einsatz von offensichtlichem Hartplastik, der sich neben diesem Monument von Motor etwas eigentümlich ausnimmt. Zum Zeitpunkt der Präsentation konnte man neben der mattschwarzen Testvariante keine weiteren Farben nennen. Man sei noch in der Diskussion. Immerhin: Ab Anfang Mai soll sie zum Preis von 10670 Euro beim Händler stehen. Es könnte aber auch später werden. »Dolce vita« eben, in jeder Beziehung.

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