Fahrbericht Moto Guzzi California Special und Quota 1100 ES Magische Kräfte

Forza in movimento - in der Bewegung liegt die Kraft: Mit neuen Modelle aus neuen Fertigungsanlagen soll der Moto Guzzi-Adler an Flughöhe gewinnen.

Als Brutstätte für die Motorräder mit dem Adler auf dem Tank hat das alte Moto Guzzi-Werk in Mandello del Lario ausgedient, mittlerweile läuft die Fertigung in modernen Produktionsanlagen, die in der Nähe von Monza gefunden wurden.
Jedem echten Guzzi-Fan treibt dieser - zweifellos unumgängliche - Bruch mit der Tradition Tränen in die Augen. Die Firmenleitung wird deswegen nicht müde zu betonen, Herz und Hirn des Unternehmens seien auch in Zukunft wie eh und je am Ufer des Comer Sees beheimatet.
An Überzeugungskraft gewinnt dieses Bekenntnis zu den Wurzeln der Guzzi-Historie angesichts zweier Motorräder, die schon ab August bei den deutschen Händlern stehen werden: Die neu eingekleidete California Special will mit Glanz und Gloria Herzenssache sein, während die runderneuerte Quota 1100 ES eher an den Verstand appelliert. Beiden gemein ist als technisches Fundament der imposante V2-Motor, dessen rustikaler Charme seit mehr als 30 Jahren untrennbar mit dem Namen Moto Guzzi verbunden ist.
Rustikaler Charme ist denn auch gleich das passende Stichwort zur neuen Quota. Ungeachtet diverser stilistischer Retuschen - Seitendeckel, Verkleidungsnase mit Ellpisoid-Scheinwerfer, Lackierungen in vornehmen Metallic-Tönen -, ist die 1100 ES geblieben, was ihre Vorläuferin mit 1000 Kubik schon immer war: ein riesiger Klotz von Motorrad mit beträchtlichem Abschreckungspotential. Wer gleichwohl die Erstbesteigung wagt, stellt fest, daß die Ausstrahlung der Quota nicht trügt. Nur Menschen mit Gardemaß bringen im Stand beide Füße sicher zu Boden - was beim Hantieren mit 260 Kilogramm Lebendgewicht unbedingt von Vorteil ist. Dabei ist die Sitzhöhe - man mag`s kaum glauben - um 70 Millimeter reduziert worden.
Wenn`s erst einmal rollt, rollt`s ganz unbeschwert - dieses verheißungsvolle Lied stimmt die Quota mit beträchtlicher Überzeugungskraft an. Bei Richtungswechseln will die Maschine nicht lange gebeten werden, leichte Lenkimpulse am ausladenden Lenker genügen, um sie ohne Umschweife und ohne Eigenmächtigkeiten auf Kurs zu bringen. Abweichlerisches Verhalten ist der Quota auch in Biegungen mit onduliertem Fahrbahnbelag fremd, und geradeaus läuft der Schwermetaller auf 160 Zentimetern Radstand sowieso. Ihr unproblematisches Fahrverhalten krönt die Quota schließlich mit mit einem Trio von (nicht integral vernetzten) Brembo-Stoppern, mit denen es ganz zwanglos gelingt, die Reifen zum Weinen zu bringen.
Licht und Schatten zeigt die 1100 ES unter Ergonomie- und Komfortaspekten. Einerseits bietet sie ein großzügiges Raumangebot auf üppig bemessener Sitzbank, andererseits sind sich ihre Federelemente zu schade, auf jede Unebenheit zu reagieren. Einerseits erfreut sie Auge und Hand mit übersichtlichen Instrumenten und perfekten Schalterensembles, andererseits wirft sie sich mit einer Verkleidung in die Brust, die viel Wirbel um wenig Schutzwirkung macht.
Für und wider auch in puncto Antriebsstang. Hier der kulturell begabte Einspritz-Motor, der reaktionsschnell, wenn auch nicht mit überschäumender Kraft zur Sache geht, dort ein Getriebe, das ein Überangebot an Leerlauf-Positionen bietet und darüber hinaus jeden Schaltvorgang krachend in die Welt hinausposaunt.
Ist die Quota - getreu ihrer Ausstrahlung - ein Motorrad mit Ecken und Kanten, so präsentiert sich die California Special schon optisch als runde Sache. Gegenüber der 1100 EV technisch unverändert, hat sie ihre Oberbekleidung neu in Form gebracht. Vom größeren Chromscheinwerfer über geglättete Zylinderkopfhauben und Seitendeckel zur schwungvoll gezeichneten Heckpartie interpretiert die jünste Cali das Thema »Cruiser« unaufdringlich, aber treffsicher.
Geänderte ergonomische Bedingungen an Bord machen - was das Fahren mit der »Special« angeht - den größten Unterschied zur »normalen« California aus. Die Hände finden einen breiteren, stärker nach hinten gekröpften Lenker vor, der Allerwerteste ruht bei geringfügig abgesenkter Sitzfläche in einer straff gepolsterten, sattelförmigen Kuhle, die Füße stützen sich auf dick gummierte, relativ weit hinten positionierte Fußrasten. Daraus resultiert eine Sitzposition, die ansatzweise der Cruiser-typischen Entspannungstherapie huldigt, gleichwohl aber den Spaß an einer beherzten Fahrweise nicht verleidet.
Das trifft sich insofern gut, als die California Special erlaubt, Fahrspaß ohne Reue zu genießen. Dank eines ordentlich gefederten und gut gedämpften Fahrwerks, das sich obendrein in Sachen Radstand, Lenkgeometrie und Bereifung an die Grundregeln des Motorradbaus hält, läßt sich die Cali entspannt und präzise durch die Gegend pilotieren. Und das ganz schön zügig: 73 sauber am Gas hängende Pferdestärken haben relativ leichtes Spiel mit fünf Zentnern Trockengewicht. Im Gegenzug ist das bewährte Intergralbremssystem jederzeit Herr der Lage. Mit einem Doppelpack von Vierkolbenzangen im Vorderrad und einem Fußbremshebel, der nunmehr ohne Steptanz erreichbar ist, lassen sich erstklassige Verzögerungsraten auf den Asphalt zaubern.
Apropos zaubern: 22. 500 Mark wird die »Special« kosten, 18. 900 Mark die Quota - damit hat Moto Guzzi das Kunststück fertig gebracht, mit der wiedergewonnenen Lust an der Bewegung vor der Preisgestaltung halt zu machen.

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