Fahrbericht Moto2

Die Moto2-Klasse ersetzt ab 2010 die 250-cm3-Zweitakter im Straßen-GP. Neue Motoren, neue Fahrwerke, neue Helden. PS drehte einige Runden auf dem Renngerät des britischen Herstellers FTR Moto.

Foto: Hermann
ein gewaltiger Knall zerreißt die Stille. Einem externen Vorratsbehälter entweichen in Millisekunden zwölf bar Luftdruck. Das zylindrische Teil dient dazu, den Druck in einer Luftkammer des Racing-Federbeins zu steuern. Dieser Druck reguliert die Federbasis. In diesem Fall ist das erst nach einer kleinen Reparatur wieder möglich: Der Verbindungsschlauch ist entzwei gerissen - PENG!

An diesen beiden Testtagen geht es ohnehin sehr geräuschvoll zu auf und neben der Rennstrecke im südspanischen Almeria: Motorgetriebene Startermaschinen erwecken unter lautem Sirren die Triebwerke der beiden Moto2-Maschinen, die ihren Sound nahezu ungedämpft ins Freie schreien. Aus den Nachbarboxen dringen die typischen rhythmischen Gasstöße, die Zweitaktmotoren auf Temperatur bringen. Zu einer künftigen WM-Geräuschkulisse fehlt lediglich das ultimative Brüllen der MotoGP-Maschinen. Auch ohne sie entsteht ein Hauch Grand Prix-Feeling. Neugierig stehen namhafte internationale Renngrößen Schlange, um den Moto2-Renner vom britischen Fahrwerks-Konstrukteur FTR Moto probezufahren. Darunter Ex-MotoGP-Pilot Jeremy McWiliams, 125er-WM-Crack Scott Redding, 600er-Stocksport-Weltmeister Gino Rea sowie der Zweite der Supersport-WM, Eugene Laverty. Unter all den Racing-Profis der leicht nervöse Autor: "Bitte nach Ihnen, meine Herren!".

Auch das Racing Team Germany ist vor Ort. Angereist mit dem dreifachen deutschen Meister Arne Tode, dem Chef und Ex-GP-Fahrer Dirk Heidolf sowie dem Techniker Dietmar Franzen. Das Team möchte die FTR-Moto2 ausgiebig testen. Grund: Es sucht für die Moto2-Weltmeisterschaft ein schlagkräftiges Racebike.

Möglicherweise haben sie es in der M209 von FTR bereits gefunden. Bei der Qualitätsanmutung bietet das Chassis keinerlei Anlass zur Kritik. Bis ins kleinste Detail tiptop verarbeitet, überzeugt der Renner mit einem hohen Maß an Perfektion. Das gilt für die Wertigkeit der einzelnen Bauteile ebenso wie für die Schweißnähte an Rahmen und Schwinge sowie für die Passgenauigkeit, mit der die Komponenten ein stimmiges Ganzes formen.

Eine Besonderheit bildet der Lenkkopf. Aus einem riesigen Alu-Block gefräst, verbindet das an einen Würfel erinnernde Teil den Rahmen mit dem Ansaugkanal. Einmalig: Das Lenkrohr zwischen oberer und unterer Gabelbrücke führt nicht durch den Lenkkopf hindurch. Vielmehr schwenken die Gabelbrücken um zwei kurze, voneinander getrennte Rohre. Sie sind im einen Fall von oben, im anderen von unten mit dem Lenkkopf verschraubt. Bei dieser Konstruktion gelangt die Ansaugluft ungehindert in die Airbox, was den Staudruck und damit die Leistung erhöht.

Darüber hinaus erlaubt die FTR verschiedene Positionen des Vorderbaus. Unterschiedliche Einsätze im Lenkkopf rücken die Gabel weiter nach vorn oder hinten. Überflüssig zu erwähnen, dass die M209 unterschiedliche Lenkkopfwinkel gestattet. In drei Stufen von jeweils 0,5 Grad lässt sich der Winkel variieren. Beim Testmotorrad beträgt er 67 Grad. Auch der Schwingenwinkel ist einstellbar. Fahrzeuggeometrie fast nach Belieben. Lediglich die Aufnahmepunkte des Motors sind fix.

Die Vollgastiere haben größtenteils ihre Kreise gedreht, endlich ist der Autor an der Reihe. "Zweimal fünf Runden", der Firmeninhaber Stephen "Steve" Bones lässt nicht mit sich handeln: "Sorry, nicht genügend Ersatzteile." Dünne Moosgummiplatten auf dem selbsttragenden Carbonheck empfangen den Piloten. Das ergonomische Dreieck aus Lenker, Rasten und Bank befördern ihn in eine sportliche, aber bequeme Haltung.

Wahnsinn, wie leicht, kompakt und steif die Moto2 geraten ist. Bereits bei der Ausfahrt aus der Boxengasse fallen diese Eigenschaften auf. Die erste Kurve. Gemessen am geringen Gewicht von knapp 140 Kilogramm (fahrfertig ohne Benzin) lenkt die FTR etwas schwerfällig ein. Zudem wirkt sie um den Lenkkopf recht starr. Dazu der Boss: "Bei der Testmaschine handelt es sich um einen Prototypen. Dies ist erst unser zweiter Test. Bis zur Auslieferung im März ändern wir noch einiges".

Aber bitte nicht die Stabilität in Schräglage! Die M209 läuft unglaublich stabil durch die Kurven; kein Rühren, kein Wackeln, kein Pendeln. Vielmehr zirkelt die FTR-Moto2 mit atemberaubender Präzision um die Radien und hält lasergenau den vorgegebenen Kurs. Zumindest auf anderen als den speziell für diese Serie entwickelten Slicks. Mit diesen Dunlops neigen offenbar alle bisher entwickelten Moto2-Maschinen zu Chattering am Vorderrad.

Beim Bremsen über Bodenwellen stempelt das Hinterrad gelegentlich. Da die Teams die Einheitsmotoren auf Basis des Honda CBR 600 RR-Aggregats erst kurz vor Saisonbeginn erhalten, arbeitet in der M209 der seriennahe Antrieb einer CBR 600 ohne Anti-Hopping-Kupplung. Der Einsatzmotor wird darüber verfügen.

Trotz dieser Unpässlichkeiten steckt riesiges Potential in der FTR. Arne Tode fuhr laut Technikchef Franzen 1:38er-Zeiten. Zum Vergleich: Der Rundenrekord mit einer Supersport-WM-Maschine liegt bei 1:37,90 Minuten. Auch das dürfte in der Szene einen gewaltigen Knall erzeugen.

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