Fahrbericht MV Agusta Brutale 1078 RR Brutale paradox

Noch keine MV Agusta Brutale hatte so viel Hubraum und Leistung wie die 154 PS starke 1078 RR. Und noch keine entfaltete ihre Kraft so gegensätzlich zu ihrem Namen – sanft und berechenbar.

Foto: Jahn
Was Brutale heißt, muss noch lange nicht so sein. Das zeigt die 1078 RR, als wir in einen jener grünen, regennassen Tunnel eintauchen, die entstehen, wenn sich ein dichter Baumbestand über die Straße hinweg seine tropfenden Äste entgegenstreckt. In langen Kurvenfolgen geht es bergab, die MV folgt selbst vorsichtigen Lenkbewegungen, geht relativ weich ans Gas, steigert die Leistung linear zur Drehzahl des Reihenvierzylinders. So entsteht ein Rhythmus, macht das Fahren selbst bei Regen Spaß. "Daran haben wir hart gearbeitet," erzählt Cheftester Marco Albizzati. "Presidente Castiglioni wollte zwar mehr Leistung, doch die hätte unweigerlich eine aggressive Charakteristik mit sich gebracht. Schließlich konnten wir ihn überzeugen." Es ist ja auch so genug zusammengekommen, und die Brutale wirkt immer noch alles andere als weich gespült. Kompakt und kurz wie sie ist, reicht zügiges Aufreißen der Drosselklappen in den unteren Gängen völlig aus, um sie a tempo aufs Hinterrad zu stellen. Schön, dass sie einen nicht dazu zwingt, ständig so zu fahren.

Im Gegensatz zum Supersportler F4 1078 erhält die Brutale gleichen Hubraums den Zylinderkopf der normalen 1000 R. Das bedeutet kleinere Ventile aus Stahl statt große aus Titan, etwas engere Kanäle und dazu passend kleinere Drosselklappen. Neue Nockenwellen sorgen für zahme Steuerzeiten, der Rest ist "Mapping". Also das Spiel mit Zündzeitpunkten und Einspritzzeiten in Relation zu Last, Drehzahl, Temperaturen, Luftdruck und so weiter. Eine unendliche Probier- und Programmiergeschichte, die einen Großteil der Entwicklungskapazitäten bindet und deren Hintergründe deshalb niemand gerne offenlegt.
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Brutales Fahrwerk

Viel lieber als über Kennfeldgeheimnisse spricht der MV-Tester und Tourguide über seine Philosophie der Fahrwerksabstimmung, die der Motorcharakteristik entgegenzukommen hatte. Den Wechsel zu einer neuen Marzocchi-Gabel mit jetzt asymmetrisch angeordneten Dämpferelementen nahmen die Entwickler zum Anlass, die Dämpfung – vor allem im Lowspeed-Bereich der Druckstufe – zurückzunehmen und das Federbein entsprechend anzupassen. Was dabei herauskam, ist ebenfalls noch immer weit entfernt von labberig, doch feineres Ansprechen auf kleine Bodenwellen schafft mehr Fahrkomfort. Das Lenkverhalten kommt dem Ideal der Ausgewogenheit zunehmend näher; abruptes Schließen der Drosselklappen oder gar Bremsen in Schräglage führte bei früheren Brutale-Versionen zu deutlichen Taumelbewegungen um die Lenkachse, während die 1078 RR weitgehend ruhig bleibt. Fast wirkt es, als sei der Radstand länger, der Lenkkopfwinkel flacher als früher. Diese Optionen werden derzeit auch getestet, doch wohl erst bei künftigen Modelljahrgängen gezogen.

Vielleicht lässt sich ja dann auch eine ergonomische Schwäche der Brutale abstellen: Die rechts aus dem Vor- zum Endschalldämpfer aufsteigenden Auspuffrohre stehen dem rechten Fuß des Fahrers stets ein wenig im Weg. Ich spreche Marco darauf an, während Fotograf Markus Jahn eine halbstündige Regenpause zum Aufnehmen von Stillleben nutzt, und frage in einem sprunghaften Themenwechsel auch gleich nach der Zukunft der Firma. Er zuckt die Achseln, verweist auf seinen Chef und betrachtet "sein" Motorrad, das mitten auf der Straße paradiert. Diffuses Licht aus einem bedeckten Himmel verleiht der rot-silbernen Lackierung besonders satte Farben. Ein Anblick von symbolischer Qualität: Was auch mit MV Agusta passiert, die Motorräder dieses Namens sind gut für intensive Erlebnisse – auf alle denkbaren Arten.

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