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MV Agusta Brutale 800 Dragster im Fahrbericht Eine Brutale ohne Heck

MV Agusta baut die Dreizylinder-Modellreihe weiter aus. Nach den 675er- und 800er-Varianten von F3 und Brutale, nach Rivale und Tourismo Veloce, kommt nun die MV Agusta Dragster. Doch die ist eigentlich kein wirklich neues Modell, sondern eher eine Brutale ohne Heck.

Jene, die sich noch erinnern können an die alten Zeiten, in denen eine 750er eine „schwere Maschine“ war, stehen vor der neuen MV Agusta Brutale 800 Dragster und staunen. Ist das wirklich eine 800er? Ultrakompakt der Dreizylinder, umspannt von einem hautengen Korsett aus Stahlrohr und in Szene gesetzt von dem italienischen Gefühl für aufregende Formen. So zierlich, so filigran, denkt man. Und dann die Überraschung: Wo ist das Heck geblieben?

Und warum heißt die Dragster Dragster, bei diesem Stummelheck? Normalerweise strecken sich bei derartigen Beschleunigungsmaschinen doch meterlange Wheeliebars hinter dem Hinterrad. Aber diese Frage führt zu weit hinab in die Tiefen norditalienischer Marketing-Finessen. Immerhin: Die MV Agusta Brutale 800 Dragster hat den 200er-Hinterreifen auf der Sechs-Zoll-Felge direkt aus dem F4-Teileregal. Und das ist dann schon eine richtig dicke Nummer.

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Fahrwerkseinstellungen nur minimal anders als bei Brutale

Zumal er eben weitgehend im Freien steht, der mächtige Schlappen. Breit und dominant, nur abgedeckt von einem an der Einarmschwinge verschraubten Nummernschildhalter und einem zierlichen Spritzschutz unter dem Stummelheck. „Wie da wohl der Fahrerrücken bei Regen aussieht?“, fragen sich Pragmatiker. Und hoffen bei ­Regen auf einen Beifahrer als lebenden Spritzschutz, denn eine Sozia soll auf dem Stummelheck der MV Agusta Brutale 800 Dragster noch Platz finden. Fußrasten jedenfalls sind vorhanden.

Was unterscheidet die MV Agusta Brutale 800 Dragster sonst noch von der Brutale? Vor allem der Lenker, denn statt eines breiteren Rohrlenkers hat die Dragster zwei um 60 Millimeter schmalere, über der Gabelbrücke angeklemmte Lenkerhälften, die jeweils um sieben Grad oder 40 Millimeter verstellbar sind. Dann die Spiegel, denn die sind bei der Dragster an den Enden der Lenkerhälften montiert. Und die Fahrwerkseinstellungen, aber nur minimal. „Bei Zug- und Druckstufe jeweils eine halbe Umdrehungweiter weiter geschlossen“, gibt Marco Casinelli, der technische Direktor von MV Agusta, an. Ansonsten sei alles Brutale pur.

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MV Agusta Brutale 800 Dragster ab 13.390 Euro

Will heißen: Natürlich kommt auch die MV Agusta Brutale 800 Dragster in den Genuss der jüngsten Bosch-ABS-Generation, die nun bei allen Dreizylindern im Einsatz ist. Und selbstredend ist auch die aktuellste Mapping-Variante aufgespielt, die schon bei der Rivale endlich für eine akkurate Gasannahme sorgte und bei allen Dreizylindern aktualisiert werden kann. Dazu gibt es den Quickshifter aus der F3 auch bei der Dragster serienmäßig.

Aber leider hat das alles auch seinen Preis, der die neue MV Agusta Brutale 800 Dragster weit abdriften lässt von der Niedrigpreisstrategie, mit der die Dreizylinderbaureihe einst gestartet war. 13.390 Euro – das ist angesichts der 9990 Euro, die MV für eine Basis-Brutale 800 vor gerade einmal einem Jahr verlangte – doch ein saftiger Aufschlag. Auch wenn dort ABS und Quickshifter nicht se­rien­mäßig an Bord waren. Im Verhältnis zu den 7995 Euro, die Yamaha seinen Kunden für die ebenfalls dreizylindrige MT-09 (inklusive ABS) abverlangt, erst recht.

Adrenalinschwangerer Ritt

Doch davon will Casinelli nichts hören. Das hier sei eine MV Agusta, Highend statt Massenware. Dass könne man nicht vergleichen. Alleine die Qualität der Komponenten – hier meint er vermutlich die kernig zubeißenden Brembo-Vierkolbenzangen, die Marzocchi-Gabel und das Sachs-Federbein –, das Finish, das Design. Und auch leis­tungsmäßig spiele man schließlich in ­einer anderen Liga. 125 PS verspricht MV, 121 Pferdchen waren es bei der jüngsten Brutale-Messung. Und wie diese 121 PS der MV Agusta Brutale 800 Dragster marschieren, das hat wirklich etwas ganz Eigenes.

Foto: MV Agusta

Untenrum eher verhalten, aber zumindest im Mapping-Modus „N“ weder ruppig noch verzögert. Und dann, ab 6000/min und noch einmal ab 8000/min, zündet der Dragster-Nachbrenner in zwei Stufen. Dann schnappt das Vorderrad selbst im zweiten Gang himmelwärts, weil der Triple mit 167 Kilogramm Trockengewicht bei nur 1380 Millimetern Radstand leichtes Spiel hat. Doch es ist noch etwas anderes, was den Ritt auf der MV Agusta Brutale 800 Dragster so adrenalinschwanger macht. Die „Übersetzung“ zwischen ­Ride-by-Wire-Gasgriff und Drosselklappen fällt selbst im Normal-Modus ausgesprochen progressiv aus, sodass der Triple bei jedem kleinen Gashand-Zucker ein Fass aufmacht. Für sehr routinierte Fahrer mag das unterhaltsam sein, gemütlichen Naturen kommt es hingegen ebenso wenig entgegen wie Ideal­linien-Junkies bei der Hatz auf der letzten Rille. Und noch etwas kommt hinzu: Die breite 200er-Pelle im Verbund mit harter ­Federbein- und softer Gabelabstimmung bringt auf welliger Piste zusätzlich zur nervösen Motorcharakteristik reichlich Bewegung in die Fuhre.

So viel zur Soll-Seite. Auf dem Guthabenkonto stehen dafür ein famoses Handling, brachiale Stopper sowie der kehlig röhrende Triple-Sound, der selbst Phlegmatiker nervös im Sattel hin- und herrutschen lassen würde, hätten die MV-Ergonomen nicht vorgebaut. Wegen der kurzen, tiefen Sitzmulde bei gleichzeitig starker Vorder­rad­orientierung ist die Sitzposition beinahe festzementiert. Vermutlich, damit auch ja nichts verrutscht beim wilden Beschleunigungsritt auf der MV Agusta Brutale 800 Dragster. Zum Beispiel übers Heck weg.

Die F3-Modelle

Jetzt auch mit ABS

Natürlich musste das kommen, denn ein ABS ist mittlerweile selbst in italienischen Supersportlern salonfähig. Jetzt also auch in den beiden F3-Varianten mit 675 und 800 ­Kubikzentimetern. Im Unterschied zu den übrigen Dreizylindern hat das F3-ABS jedoch einen Race-Modus, und der ist dringend notwendig. In der Standard-Einstellung nämlich regelt das F3-ABS zwar feinfühlig, jedoch früher, als dem eiligen Reiter lieb ist.

Ganz anders im Renn-Modus. Da steigt eher das Heck in den Himmel, als dass die ausgesprochen bissigen Brembo-Bremszangen die Scheiben freigeben. Es kann bis weit in die Kurven der französischen Rennstrecke von Le Castellet verzögert werden, ohne dass das ABS negativ in Erscheinung tritt. Dasselbe gilt auch für das neue, ebenfalls in mehreren Stufen justierbare F3-Mapping. Direkt, aber nicht ruppig hängen die Dreier am Gas und schieben beherzt bis weit in den fünfstelligen Drehzahlbereich voran, wobei die 800er ihr Leistungsplus eindrucksvoll unter Beweis stellt und der kleinen Schwes­ter keine Chance lässt.

Technische Daten

MV Agusta Brutale 800 Dragster

Motor
Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 47 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 350 W, Batterie 12 V/9 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 2,563.

Bohrung x Hub: 79,0 x 54,3 mm
Hubraum: 798 cm³
Verdichtungsverhältnis: 13,3:1
Nennleistung: 92,0 kW (125 PS) bei 11600/min
Max. Drehmoment: 81 Nm bei 8600/min

Fahrwerk:
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel, Traktionskontrolle, ABS.

Alu-Gussräder: 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17; 200/50 ZR 17

Maße+Gewichte
Radstand 1380 mm, Lenkkopfwinkel 66,0 Grad, Nachlauf 95 mm, Federweg v/h 125/125 mm, Sitzhöhe 811 mm, Trockengewicht 167 kg, zulässiges Gesamtgewicht 364 kg, Tankinhalt 16,6 Liter.

Garantie: zwei Jahre
Farben: Mattgrau, Weiß
Preis: 13.390 Euro
Nebenkosten: 275 Euro

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