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Fahrbericht: MV Agusta Brutale 920 Das jüngste Mitglied der MV Agusta Brutale-Familie

Brutale, das heißt betörende Linien, knackige Fahrdynamik und ein Schuss vom gewissen Etwas. Folgt auch das jüngste Mitglied der Familie mit 921 cm3 großem Vierzylinder dieser Tradition?

Ah, die Easy-Brutale." Der Pförtner am Werkstor von MV Agusta zieht beim Anblick des jüngsten Mitglieds der Brutale-Familie anerkennend die Augenbrauen hoch. Die mit 921 cm³ ausgestattete Brutale scheint MV besonders am Herzen zu liegen, wie sonst kam sie werksintern zu dem Spitznamen "Easy"?

Sicher nicht, weil man ihre Konstruktion auf die leichte Schulter nahm. Sie ist keine billige Sparnummer. Der konifizierte Alu-Lenker wird wie gehabt von einer Lenkerklemmung mit Klappscharnier gehalten. Eine voll einstellbare Gabel ist ebenso mit an Bord, wie die achtstufige Traktionskontrolle und Brembo-Radialzangen. Kassettengetriebe, Höhenverstellung am Heck, Einarmschwinge, die hübschen sternförmigen Räder mit Winkelventilen, die charakteristisch geschwungenen Flüssigkeitsbehälter für Bremse und Kupplung, alles da. Der feine Gitterrohrrahmen entspricht im Grunde jenem der 990, und die Schweißnähte an den sauber verarbeiteten Auspufftöpfen mit eingraviertem MV-Logo sind mustergültig ausgeführt. Nur Rutschkupplung und Lenkungsdämpfer sucht man vergebens. Nein, nach Spar-Modell sieht diese Brutale wirklich nicht aus.

Sie empfängt ihren Piloten mit derselben gediegenen Ausstrahlung wie ihre Schwestern - und einer Sitzposition, wie man sie von einer nackten MV erwarten darf: Versammelt, locker, mit einem Schuss Sportsgeist beim Kniewinkel. Fühlt sich gut an, denn auch die etwas niedrigere, neu konturierte und straff gepolsterte Sitzbank sorgt für ein angenehmes Plätzchen.

Der 920er meldet sich auf Knopfdruck mit heiserem Röcheln zu Wort. Dann mal los, ciao portinaio, a più tardi, bis später, Pförtner. Temperaturen um den Gefrierpunkt, salzige, schmierig-feuchte Straßen und enge Ortsdurchfahrten ersticken aber zunächst jeden Tatendrang. Einige Kilometer weiter lässt zumindest der Verkehr nach. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, der Asphalt alles andere als griffig ist, fällt zuerst die Leichtigkeit auf, mit der sich die MV über die kleinen Sträßchen in der Nähe von Varese dirigieren lässt.

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Foto: fact

Die Abstimmung der Federelemente entspricht der 990er Brutale. Das Heck ist jedoch um etwa fünf Millimeter abgesenkt, und die 920er begnügt sich mit einem 180er auf dem Hinterrad. So witscht die MV federleicht um jedes Kürvchen, lässt sich dabei auch von aufgeworfenem Asphalt nicht aus der Ruhe bringen. Ob daher ihr Spitzname rührt?

Sie zieht wie am Schnürchen ihre Bahn. Dies in Verbindung mit der entspannt-aktiven Sitzposition nimmt dem dubiosen Fahrbahnbelag und dem zweifelhaften Grip seinen Schrecken. Die Abstimmung der Federelemente liegt, vor allem an der Hinterhand, auf der komfortablen Seite. Ausreichend straff, mit dem nötigen Komfort.

Ihr Ansprechen wirkt trotz der frostigen Temperaturen nicht bockig. Vielleicht dürfte es hinten für knackiges Tempo oder Zwei-Personen-Betrieb etwas mehr Dämpfung sein, das muss aber erst ein Test zeigen.

Wer glaubt, er müsse in puncto Motor Abstriche machen, der irrt. Das mit der Kurbelwelle der 1090er, aber kleineren 73-mm-Kolben bestückte Triebwerk besitzt einen Radialventil-Kopf wie die großen Brutale und legt sich auch so ins Zeug. Seine 131 Pferde sind von spritzigem Naturell. Kräftig und sehr gleichmäßig kurbelt der Reihenvierer aus dem Drehzahlkeller hoch und überrascht mit kräftiger Mitte. Ab 4000/min packt der Motor richtig zu und lässt bis zum Begrenzer bei gut 11 500/min nicht locker.

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Foto: fact

Das Ergebnis sind ein kräftiger Antritt und bei Bedarf locker aus dem Handgelenk geschüttelte, genussvoll lange Wheelies. Die 920 hängt ungemein direkt am Gas, reagiert prompt auf Gasbefehle – ein sehr quirliger Antrieb. Und ein kerniger dazu. Vor allem ab Drehzahlmitte ist das Triebwerk mechanisch präsent. Akustisch gebärdet sich die Brutale in bester MV-Tradition. Sie knurrt, röchelt, scharrt, klingt herrlich böse.

In puncto lange Schaltwege und Lastwechselverhalten ist sie jedoch ebenfalls unverkennbar Brutale. Hier könnten ihre Manieren durchaus etwas geschliffener ausfallen. Geschmeidiger gehen die Lastwechsel im auf knapp 100 PS eingedampften Regenmapping über die Bühne, ohne dass der Motor deshalb kastriert wirkt.

Dem sportlichen Anspruch der Brutale und dem Einsatzzweck angemessen zeigen sich auch die Stopper souverän als Herren der Lage. Kräftig, aber nicht zu bissig packen die Radialzangen zu und lassen sich auch bei harten Bremsmanövern prima dosieren. Dann allerdings könnte die Brutale eine Rutschkupplung vertragen, um das gelegentlich stempelnde Hinterrad im Zaum zu halten. Doch davon abgesehen muss man beim Einstieg in die Brutale-Familie keine Abstriche beim Fahrspaß in Kauf nehmen.

Als uns bei der Rückkehr ins Werk der Pförtner erblickt, hellt sich seine Miene auf. Wie denn unser Tag gewesen sei? Die Antwort war klar: tutto easy.

Aufgefallen

Positiv

  • Leistung gleichmäßig, mit druckvoller Mitte
  • Fahrwerk handlich, neutral
  • Verarbeitung auf ansehnlichem Niveau
  • Sound kernig

 

Negativ

  • Getriebe benötigt lange Schaltwege
  • Gasannahme zwar spritzig und sehr direkt, Lastwechselreaktionen könnten aber weicher ausfallen
  • Rückspiegel obwohl verbessert, könnten sie etwas mehr Rücksicht bieten
Foto: fact

Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 46 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 350 W, Batterie 12 V/9 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 40:15.
Bohrung x Hub 73,0 x 55,0 mm
Hubraum 921 cm³
Verdichtungsverhältnis 13,0:1
Nennleistung 96,0 kW (131 PS) bei 10500/min
Max. Drehmoment 95 Nm bei 8100/min

Fahrwerk:
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 310 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 210 mm, Vierkolben-Festsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewichte:
Radstand 1430 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 104 mm, Federweg v/h 1250/120 mm, Sitzhöhe 825 mm, Trockengewicht 190 kg, Tankinhalt 23,0 Liter.
Garantie: zwei Jahre
Farben: Weiß, Anthrazit
Preis: 11990 Euro

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