Fahrbericht MZ RT 125 Alles frisch

Selbst grimmige Kälte kann die Dauerversuche der neuen MZ RT 125 nicht bremsen. MOTORRAD probierte den Protoyp mit Hightech-Viertaktmotor schon mal aus.

Sanfte Sonnenstrahlen schieben sich durch die neblige Hülle am schwäbisch-bayerischen Bodensee. Dick eingemummelte Gestalten schwirren im Formationsflug durch die Hügelketten, verschwinden am diesigen Horizont. Motorradfahren ist manchmal gar nicht lustig, in diesem Fall aber zwingende Notwendigkeit. Jürgen Zürn, verantwortlich für die Entwicklung der neuen MZ-Motorräder, verlegte seine Testabteilung aus dem eisig verschneiten Sachsen kurzerhand ins nicht ganz so frostige Süddeutschland. »Wir müssen Motoren und Maschinen absolut standfest und ausgereift auf den Markt bringen, sonst hat der ganze technische Aufwand keinen Sinn«, erklärt der ehemalige Suzuki-Mitarbeiter den in drei Schichten gefahrenen Nonstop-Dauertest. Hauptaugenmerk liegt auf dem in Zschopau entwickelten und von Motorenhersteller Weber gefertigten Einzylinder, der mit zwei obenliegenden Nockenwellen, Vierventiltechnik und vibrationshemmender Ausgleichswelle (siehe MOTORRAD Heft 19/1998) als aufwendigster Motor im Achtelliter-Segment herausragt. Mit seinen 15 PS reißt auch er keine Bäume aus, schnurrt aber im Vergleich zur Konkurrenz tatsächlich seidenweich durchs Drehzahlband. Die etwas zögerliche Gasannahme im unteren Bereich soll laut Zürn mit einer nachgebesserten Bedüsung korrigiert werden.
Im freien Geläuf wuselt der Prototyp lässig durch Kurven alle Spielarten, was für ein 125er Motorrädle allerdings nicht anders zu erwarten war. Störenfried dabei: die viel zu weich abgestimmte Telegabel, die sich unter dem bissigen Zupacken der einseitig montierten Doppelkolbenzange kräftig verwindet. Auch hier soll bis zum Serienstart im Frühjahr 2000 noch kräftig an der Abstimmung getüftelt werden.
Mit niedrigem Gewicht, einem breiten Lenker und ergonomisch klug angelegten Formen von Tank und Sitzbank verschafft sich die RT 125 einen sympathischen Eindruck beim durchschlängeln verstopfter Innenstädte. Eine Disziplin, in der die neue MZ wohl in erster Linie auch antreten wird. Deshalb wird der Motor lässig über einen E-Starter angeworfen und in naher Zukunft soll der Kettenantrieb durch einen pflegeleichten, 25 Millimeter breiten Zahnriemen ersetzt werden.
Umrahmt wird der DOHC-Antrieb von einem Doppelschleifen-Chassis mit Zentralfederbein, das ohne Umlenkmechanik direkt zwischen Kastenschwinge und Rahmen angelenkt ist.
Neben dem praktischen Fahrversuch müssen sich die komplett montierten Fahrwerke auf einem Prüfstand, dem sogenannten Pulser, der Westsächsischen Hochschule für KfZ-Technik einem gnadenlosen Dauerfestigkeitstest unterziehen.
Ob sich die Anstrengungen der MZ-Entwicklung auch in bare Münze umsetzen lassen, bleibt abzuwarten. Der 125er-Boom, bestimmt von Billigprodukten und Baumarkt-Angeboten, hat seinen Zenit überschritten, und ob die Kundschaft bereit ist, Qualität und Standfestigkeit mit einem Preis von rund Mark zu honorieren, steht in den Sternen.

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