Fahrbericht neue Kawasaki ZX-9R Fliegender Wechsel

Noch keine zwei Jahre auf dem Markt, schiebt Kawasaki für den Verkaufsrenner ZX-9R eine rundum renovierte Variante nach. Was ist dran am neuen Kraftpaket?

Aus einem Müllhaufen ein ordentliches Motorrad zu machen, ist keine allzu große Aufgabe. Doch beim mehrfachen Testsieger und heißbegehrten Publikumsliebling Kawasaki ZX-9R noch eins drauf zu setzen, das erfordert mehr als einen neuen Anstrich und zarte Retuschen für den Prospekt. In Anbetracht der Flut brandneuer Supersportler aus dem feindlichen Lager blieb den Kawasaki-Ingenieuren nichts anderes übrig als die Flucht nach vorn. Bis ins letzte Detail überarbeitet (siehe Kasten Seite 24), soll die neue Kawasaki dem Ansturm von Fireblade und Konsorten wacker entgegentreten.
Bestimmt wird die neue Optik vom markanten Ansaugschlund an der Verkleidungsnase, der die Frischluft effizient ins Ram-Air-System schaufeln soll. Darüber blitzen gefährlich schräge Scheinwerferaugen, die keine Zweifel aufkommen lassen, wen die ZX-9R am liebsten aufmischen möchte: genau, die Yamaha R1. Deshalb wurden die Lenkerstummel eine Daumenbreite tiefer angeklemmt, die Aerodynamik verbessert und dem Motor durch Optimierung von Kanalformen und Steuerzeiten eine gleichmäßigere Leistungsentfaltung anerzogen. Sagt der Prospekt.
Genug Papier gewälzt, wir walzen los. Klasse, dass man dem Motor das typisch heisere Ansaugschnorcheln gelassen hat. Bringt zwar keine Pluspunkte in der A-Wertung, macht aber Laune. Gang rein - klasse, weil sich die Schaltbox fast geräuschlos und knackig präzise durch die sechs Stufen tippen lässt.
Das kommode Sitzplätzchen hinter der breiten Verkleidungsscheibe - leger, aber schön kompakt und versammelt - harmoniert bestens mit dem entkrampften Dreieck aus Sitz/Lenker/Rasten. Trotz tiefergelegter Alu-Stummel fühlt sich Groß und Klein gleichermaßen gut aufgehoben. Beste Vorausetzungen für den ersten Ritt über italienische Landstraßen rund um den Rennkurs von Misano.
Handling wird hier großgeschrieben, auch wenn man es der breiten 190er-Walze auf den ersten Blick nicht zutraut. Das Geheimnis liegt in der ausgeprägt spitzen Kontur der Michelin Pilot Sport-Pneus, die sich ohne große Gegenwehr und mit verlässlichem Grip Schräglagen bis auf die Ohrlappen gefallen lassen. Längsrillen, Bodenwellen im Moto-Cross-Format, übelste Flickstellen, die neue ZX-9R segelt drüber weg, als ob nichts wär.
Leider bringt der 120er/70er-Gummi am Vorderrad das spielerische Kurvenvergnügen beim Bremsen in Schräglage mächtig aus dem Tritt und stellt sich mit hartem Ruck auf. Gewöhnungssache, klar - aber nicht unbedingt schön. Auch nicht schön: dass beim Bremsen die Frontpartie spürbar vibriert. Fühlt sich an wie Bremsrubbeln, tritt aber nicht immer auf und lässt sich deshalb auf den ersten Landstraßenkilometern nicht einwandfrei diagnostizieren.
Immer noch erstklassig: der spielerische Umgang mit dem antrittstarken und kultivierten Motor, der seine Kraft geschmeidig und ohne störendes Lastwechselrucken auf den Asphalt drückt.
Ob der Vierzylinder wie versprochen noch mehr Drehmoment produziert, lässt sich ohne Prüfstand nicht verlässlich beantworten, denn schon dem Vorgängermodell mangelte es in keinster Weise an Schubkraft und Power.
Nächste Station: der trickreiche Rennkurs von Misano. Wellig wie ein Waschbrett, mit hinterlistigen Schikanen und wundersamen Kurvenradien. Hier kehrt sich die Freude in Ratlosigkeit. Wenig Gefühl fürs Vorderrad beim Einlenken, leichtes Schunkeln beim Rausbeschleunigen und eine zuweilen eigensinnige Linienwahl fordern alle Konzentration der Welt, um einen sauberen Strich auf die Piste zu legen. Sind die nicht mehr taufrischen, von schnellen Runden aufgerubbelten Pilot Sport erst einmal richtig durchgewärmt und am Vorderrad mit etwas mehr Luft befüllt (2,5 anstatt 2,3 bar) stabilisiert sich das Kurvenverhalten der handlichen und mit geringer Lenkkraft zu dirigierenden Kawasaki deutlich, ist aber von der erwünschten Perfektion noch einiges entfernt.
Und so verrinnt der Testtag mit der eifrigen Suche nach einer harmonischen Abstimmung. Voll einstellbare Federelemente und eine Gewindespindel zur Veränderung des Niveaus am Rahmenheck gestatten unzählige Variation, doch der durchschlagende Erfolg bleibt zumindest bei der Jungfernfahrt mit der ZX-9R leider aus.
Und so zerfurchen tiefe Sorgenfalten den deutschen Kawasaki-Technikern die Stirn. Denn neben dem nicht gerade bestechenden Kurvenverhalten auf der Rennpiste steigert sich im Eiltempo des leichte Gabelflattern beim Landstraßentest zu höchst nervigen Resonanzschwingungen, die in fast allen Bremszonen und mit allen sechs Testmaschinen in nahezu gleichem Ausmass auftreten. Ein Problem, dass bei der Kawasaki ZX-Baureihen nicht unbedingt neu ist. Die erste ZX-6R hat sich damit herumgeplagt, die ZX-9R Baujahr 1998 war davon befallen - und jetzt auch noch das Milleniums-Modell. Deshalb wird der deutsche Kawasaki-Importeur nochmal die Ärmel hochkrempeln und vor dem endgültigen Serienanlauf eine solide Lösung austüfteln müssen. Das letzendliche Urteil wird somit vertagt, MOTORRAD bleibt dran und wird diesem ersten Fahrbericht sobald als möglich eine Nagelprobe folgen lassen. Dann wird sich auch klären, ob das Jahrtausend-Modell der bewährten 1999er-ZX-9R tatsächlich den Rang abläuft.

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