Fahrbericht Piaggio Carnaby Carnaby Cruiser 300

Mit der ersten Version des Carnaby landete Piaggio einen Flop. Jetzt versuchen es die Italiener mit erprobten Mitteln noch einmal: mehr Hubraum, mehr Power, mehr Design.

Wer durch Italien tourt, entdeckt gerade ein neues Phänomen: In den großen sonntäglichen Motorradgruppen fahren immer mehr Roller. Zwischen Ducati 1098 und BMW GS drängeln sich großvolumige T-Maxe und Burgmänner, dazu mittlere Lagen mit 300 und 400 cm3. Die Wirtschaftskrise und die rigorosen Bußgelder für Schnellfahrer haben diesen Trend in Gang gesetzt. Italiens größter Zweiradhersteller Piaggio will da natürlich mitmischen. Und weil der Kunde beim Umsatteln vom Motorrad auf den Roller neben Alltagstauglichkeit vor allem Hubraum und knackiges Design verlangt, werden die Roller des Hauses immer dicker und schicker. Jüngstes Beispiel: der Carnaby Cruiser 300. Der Großradler begann seine Karriere vor zwei Jahren als bescheidener 125er mit nüchternem Aussehen, gebaut für den Stadtverkehr und damit basta. Besonderer Erfolg war ihm allerdings nicht beschieden. Nun macht ihn Piaggio optisch zur Mini-Harley, mit dicker Lampe, Chromapplikationen, Rohrlenker und nostalgischen Rundinstrumenten. Dazu gesellt sich der antrittsstarke 300er-Motor mit gut 22 PS, bereits bekannt aus der Vespa GTS 300 Super. Und schon eignet sich der Carnaby nicht nur für die Stadt, sondern auch für die Wochenendtour aufs Land. Das Konzept funktioniert – jedenfalls in und um Rom, wo Piaggio den Neuen der italienischen Presse vorstellte. Die Abmessungen des Cruisers entsprechen immer noch weitgehend einer 125er, was ihn im dichten Verkehr zwischen Kolosseum und Vatikan, wo um jeden Meter hart gefightet wird, zu einem wiesel-flinken und wendigen Vehikel macht. Elegant umkurvt er die Autokolonnen, zwängt sich durch kleinste Lücken und holt dank seines starken Motors beim Ampelstart den entscheidenden Vorsprung heraus. Seine Alltagstauglichkeit beweist der 300er zudem durch praktische Staufächer im Beinschild und das breite Trittbrett, auf dem die abendlichen Einkäufe vom Gemüsemarkt Platz finden. Ins Helmfach unter der Sitzbank passt nur ein kleiner Demi-Jet, mehr geht wegen der großen 16-Zoll-Räder nicht. Abhilfe schafft auf Wunsch das 32-Liter-Topcase aus dem Zubehörprogramm. Weiter zum Landstraßenparcours. In den Hügeln hinter dem Olympischen Dorf von 1960 darf der Cruiser von der Leine, und seine 22 PS reichen doch tatsächlich, um so manchen Motorradfahrer zu ver-blüffen. Dank der großen Räder flitzt er spurstabil und zielgenau durch die Kurven, das relativ hoch positionierte Trittbrett ermöglicht ordentliche Schräglagen. Wie schon im Stadtverkehr funktioniert die Telegabel gut, die beiden Federbeine hingegen lassen tiefe Schlaglöcher und Kanaldeckel durchschlagen. Auf Dauer erweist sich die Sitzbank als arg hart, und Passagiere stimmen ins Lamento ein: Ihre Fuß-rasten sitzen zu weit vorn, und wirklich bequem ist die kurze Sitzbank hinten nicht. Für den Stadtverkehr reicht’s, für regelmäßige Touren zu zweit kaum.

Ob sich der italienische Trend zur Rol-lertour am Wochenende auf Deutschland übertragen lässt, darf aber ohnehin be-zweifelt werden. Ein patenter Roller ist der Cruiser jedoch auch für hiesige Verhältnisse, der starke und zuverlässige Motor verspricht Fahrspaß in jeder Straßenlage. Am allerbesten sieht der Carnaby Cruiser übrigens in Weiß aus. Dazu der dicke Windschild aus dem Zubehör montiert, und fertig ist die gefühlsechte Mini-Kopie der Harley. Schade bloß, dass Piaggio ausgerechnet die weiße Variante nicht nach Deutschland bringt.

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