Fahrbericht Piaggio MP3 Hybrid 125

Als weltweit erster Hersteller baut der italienische Piaggio-Konzern ein innovatives Hybrid-Zweirad in Serie: Beim MP3 Hybrid arbeiten Benzin- und Elektromotor parallel und machen den Roller umweltfreundlich, sparsam und stark.

Foto: Milagro
Selbst die Pferde wirken erstaunt: Im Park der römischen Villa Borghese schauen sie ähnlich irritiert drein wie die beiden Carabinieri auf ihren Rücken. Ein Roller fährt nämlich vor ihrer Nase frech durch die weitläufige Grünanlage im Herzen Roms, die für übliche Motorfahrzeuge streng gesperrt ist. Doch üblich ist an diesem Fahrzeug nichts: Es handelt sich um das erste serienmäßige Hybrid-Zweirad der Welt. Schall- und rauchfrei bewegt sich der MP3 Hybrid mit Tempo 30 durch den Park, angetrieben von seinem Elektromotor und begleitet von Vogelgezwitscher und dem Lachen spielender Kinder. Am Ausgang des Parks genügt ein Knopfdruck, der Benzinmotor springt an und der Roller stürzt sich mit Verve ins römische Verkehrsgetümmel. Verve ist wörtlich gemeint, denn der Hybridantrieb verpasst ihm ein Drehmoment, von dem herkömmliche Benzinroller nur träumen können. Ausgesprochen früh, bei 3000 Touren, ist das Maximum von immerhin 16 Newtonmetern erreicht. Und das macht ihn in den Spitzkehren Richtung Piazza del Popolo zum echten Spaßmobil. Der Elektromodus dieses 125er-Dreiradrollers von Piaggio ist nichts Neues in der Zweiradwelt; der US-Roller Vectrix etwa bewegt sich rein elektrisch. Brandneu hingegen ist, dass sich am MP3 Hybrid über den Schalter „Hy Tech“ zwischen vier verschiedenen Fahrmodi mit Elektro- und Benzinmotor wählen lässt.
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Foto: Milagro
Bei „Electric“ bleibt der Benziner außen vor, der Roller läuft völlig lautlos, genau wie im Rückwärtsgang, der auf drei km/h begrenzt ist. Besonders interessant sind die zwei Hybridmodi, in denen beide Motoren parallel arbeiten. Bei „Hybrid Power“ stellt sich der Elektromotor in den Dienst der Fahrleistungen und treibt das Drehmoment auf ein Plus von bis zu 85 Prozent. In „Hybrid Charge“ hingegen liefert der Benzinmotor Energie an den Elektromotor, der als Generator fungiert und die Lithiumbatterien unter der Sitzbank auflädt. Koordiniert wird die Zusammenarbeit vom Vehicle Management System (VMS) und der elektronischen Drosselklappensteuerung Ride-by-wire, die hier erstmals bei einem Roller zum Einsatz kommt. Welcher Motor wie viel Energie zur Fahrt beiträgt, entscheidet das VMS auf Basis verschiedener Informationen wie dem Ladezustand der Batterien oder wie weit der Fahrer den Gasgriff gerade aufdreht. Das System sorgt dafür, dass Verbrauch und Schadstoffausstoß drastisch zurückgehen: Für einen Fahrbetrieb mit 65 Prozent Hybrid- und 35 Prozent Elektroanteil errechneten die Piaggio-Techniker einen Verbrauch von 1,7 Litern Benzin und CO2-Emissionen von 40 g/km. Bei einem herkömmlichen 125er-Roller liegen die Zahlen dagegen bei 3,8 Litern und 90 g/km.
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Foto: Milagro
Im reinen Elektrobetrieb kommt der MP3 Hybrid mit vollen Batterien rund 20 Kilometer weit. Geladen werden die Batterien im Modus „Hybrid Charge“, bei jedem Bremsen und Gaswegnehmen oder schlicht an einer Steckdose. Das Ladekabel befindet sich unter der Sitzbank, ein kompletter Ladezyklus dauert drei Stunden. Die modernen Lithiumbatterien, die im Gegensatz zu Blei- oder Nickel-Cadmium-Akkumulatoren Teilentladungen gut verkraften, sollen laut Piaggio das ganze Rollerleben lang halten.

Vor zwei Jahren fuhr MOTORRAD exklusiv mehrere Hybrid-Prototypen (19/2007) des Herstellers. Dass Piaggio für das Serien-Debüt nun das 125er-Dreirad MP3 wählte, ist kein Zufall. Zum einen rechnet man sich damit mehr Verkaufschancen aus (siehe Interview Seite 6), zum anderen fallen angesichts des ohnehin hohen Gewichts dieses Rollers weitere 30 Kilogramm für Elektromotor und Steuerelektronik kaum auf. Was der erste Fahreindruck bestätigt: Nur im Modus „Hybrid Charge“  wirkt der Roller etwas schwerfälliger als der normale MP3, besonders in engen Kurven. Doch dank der drei Räder hat man die Fuhre jederzeit im Griff.

Während der MP3 Hybrid in Italien bereits im September startet, kommt er nach Deutschland erst im nächsten Frühjahr. Der Preis steht noch nicht fest, dürfte aber, wie immer bei Piaggio, über dem im Mutterland liegen. In Italien kostet das innovative Teil 9000 Euro.

Technische Daten

Motoren:
Wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, eine obenliegende Nockenwelle, vier Ventile, Einspritzung, E-Starter, automatische Fliehkraftkupplung, Variomatik, Nasssumpfschmierung, Euro 3.
Bohrung x Hub 57 x 48,6 mm
Hubraum 124 cm3

Luftgekühlter, bürstenloser Dauermagnetmotor mit Lithium-Batterien, Leistung 2,5 kW (3,5 PS), Drehmoment 15 Nm, Aufladung mittels integriertem Generator beim Fahren, Bremsen und über das Stromnetz.
Nennleistung Hybridmotor 11 kW (15 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment Hybridmotor 16 Nm bei 3000/min

Fahrwerk:
Stahlrohrrahmen, zwei geschobene Kurzschwingen vorn, Triebsatzschwinge mit zwei Federbeinen,  zwei Scheibenbremsen vorn, ø 240 mm, Scheibenbremse hinten, ø 240 mm.
Reifen  120/70-12; 140/60-14

Maße und Gewichte:
Radstand 1490 mm, Länge/Breite 2140/ 760 mm, Breite, Sitzhöhe 780 mm, Gewicht vollgetankt ca. 230 kg, Tankinhalt/Reserve 12/1,8 Liter.

Gewährleistung zwei Jahre
Farbe Weiß
Preis in Italien 9000 Euro,
in Deutschland noch nicht bekannt

Aufgefallen

Plus

  • Technik: erster Hybrid-Roller in Serie 
  • Umwelt: im Elektro-Modus abgas- und geräuschfrei
  • Drehmoment spürbar erhöht
  • Verbrauch sehr gering
  • Aufladen einfach an der Steckdose

Minus
  • Gewicht ca. 230 kg vollgetankt – enorm für einen 125er
  • Bedienung nicht intuitiv verständlich

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