Fahrbericht Rossi-NSR 500 Scharf wie ein Skalpell

Wer mit dem Handwerkszeug des Doctors spielt, der sollte nicht den Tupfer vergessen, um sich den Respektschweiß von der Stirn zu wischen. In Jerez machte MOTORRAD Grenzerfahrungen.

Wenn es dir bei Tempo 180 das Vorderrad vom Boden hebt und du schon beim leichten Antippen der Karbonbremse mit nur einem Finger fast im Salto vornüber über die Kiste fliegst, dann ahnst du, was Valentino Rossi, il dottore, meint, wenn er sagt, dass diese Maschinen die Spreu vom Weizen trennen. Dass es zwar viele sehr gute Rennfahrer gibt, aber nur ganz wenige, die einem solchen Biest Herr werden.

Warum allerdings alle Welt so selbstverständlich behauptet, die Honda NSR sei gutmütiger und einfacher zu fahren als die 500er von Yamaha oder Suzuki, bleibt mir unverständlich. Trotz der deutlich zu fetten »Journalisten«-Bedüsung – die dürfte den V4-Zweitakter rund zehn Pferdchen kosten – reißt die gelbe Honda beim Beschleunigen dermaßen an der Kette, dass schon das bloße Geradeausfahren die volle Konzentration erfordert. Der Balanceakt zwischen Vortrieb am Hinterrad und Auftrieb am Vorderrad bei gleichzeitigem Beobachten des Drehzahlmessers und blitzschnellem Hochschalten fordert ein Höchstmaß an Feingefühl in der rechten Hand. 12500/min dreht dieses Monster trotz der fetten Bedüsung locker.

Am Ende der leicht bergauf führenden Zielgeraden von Jerez dann die Kehrseite der Medaille. So schnell bin ich hier trotz vieler, vieler Testrunden auf Serienbikes noch nie angeflogen gekommen. Zumindest kommt es mir so vor, denn die extrem geduckte, weit nach vorn gestreckte Sitzposition und der aggressive Klang des schreienden Zweitakters vermitteln ein ungewohnt direktes, sehr dynamisches Fahrgefühl. Und dann diese Bremse. Dagegen fühlt sich die giftigste Serienanlage an, als wären Beläge aus Hartkäse verbaut. Unmöglich, auch nur annähernd so etwas wie Dosierbarkeit auszumachen. Obwohl nur ein Finger am Hebel zieht, verbeißen sich die Karbonbeläge und -scheiben nach dem »Alles oder nichts«-Prinzip ineinander. Und das jahrelang praktizierte, materialschonende Zwischengasgeben bei Herunterschalten führt nur dazu, dass bei jedem Zucker der Gashand die aggressive Bremse auf und zu schnappt wie ein ABS im Zeitlupentempo. Jetzt verstehe ich, warum die Superstars die Gänge beim Anbremsen – zack, zack, zack – einfach so herunterknüppeln.

Vor übermässiger Bremswirkung des Motors braucht man sich dabei nicht zu fürchten. Die geht nämlich gegen Null. Und erleichtert die Suche nach dem richtigen Bremspunkt somit nicht sonderlich. Es fällt extrem schwer, auf dieser nur 135 Kilogramm leichten Rakete das Tempo richtig einzuschätzen. Dafür fällt die NSR wie von selbst in Schräglage. So heftig, dass ich auf den ersten Runden immer wieder Gefahr laufe, über die kurveninneren Kurbs zu poltern. Erst als es mir gelingt, die Geschwindigkeit am Kurveneingang zu erhöhen, passt die Linie. Jedoch nur bis zum Scheitelpunkt, denn ab da beginnt die 500er, recht störrisch einen weiten Bogen zu beschreiben. Die Lösung des Problems ist ähnlich wie beim Einlenken: Speed. Je härter ich aus den Ecken heraus das Gas aufziehe, desto sauberer bleibt die NSR auf Kurs.
Dabei sollte die Drehzahl nicht unter 7000/min abfallen, da der Zweitakter darunter nur widerwillig Leistung bereitstellt. Der Bereich über 9000/min sollte ebenfalls gemieden werden, weil sich die Sache mit der Leistung ansonsten ins Gegenteil umkehrt und ein unbedachter Zucker am Gasgriff fatale Folgen auslösen kann. Geschwindigkeit entpuppt sich generell als Allheilmittel bei der 500er. Hoppelt die NSR in den ersten Runden so unsensibel durch den superschnellen Rechtsknick vor Start und Ziel, dass mir vor lauter Schütteln die Sicht verschwimmt, liegt sie ein wenig später mit entsprechend mehr Zug am Rad wie ein Brett. Erst jetzt fängt das Showa-Fahrwerk an, seine Qualitäten zu offenbaren und für eine glasklare Rückmeldung zu sorgen. Die waschbrettartigen Bodenwellen scheinen wie glattgebügelt.
Es beginnt gerade, Spaß zu machen, da signalisieren die Mannen um Gerry Burgess das Ende meiner Testsession. Viel zu früh, um mich vollständig an diese Art des Motorradfahrens gewöhnt zu haben und die unglaubliche Dynamik, die in einem solchen 200 PS starken Leichtgewicht steckt, wirklich zu genießen. Spät genug allerdings, um zu wissen, dass Rossi und Co. zwar auch nur mit Wasser kochen - aber mit sehr, sehr heißem.

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