Fahrbericht Suzuki GSX-R 600

Endlich schickt sich Suzuki an, mit einem reinrassigen »R«-Modell die Klasse der supersportlichen 600er aufzumischen - ein ernstzunehmendes Unterfangen?

Gute 240 Sachen zeigt der Tacho der GSX-R 600 in der Steilwand des Las Vegas Motor Speedway an, und der Motor will immer noch zulegen. Darf er aber nicht, denn schon fliegt das Ende der Hochgeschwindigkeitspassage heran und nimmt mir die Chance, das erreichbare Maximum aus der Maschine herauszupressen. Mit zuckenden Lenkerenden rattert die GSX-R über eine fiese Fahrbahnkante, dann geht`s - links, rechts - mit kratzenden Knieschleifern durch die Schikane.Streß? Ganz im Gegenteil. Schließlich sitze ich auf einem Motorrad, das geschaffen ist für die Rennstrecke, das antritt, eben dort die 600 Supersport-Klasse durcheinanderzuwirbeln. Ob ihr das gelingen wird, sei dahingestellt, sicher ist jedenfalls, daß die Suzuki - wie schon ihre etablierten Klassenkameraden - auf abgesperrter Strecke jede Menge Spaß bereitet. Sie ist leicht, handlich und schnell, hat aber nicht die gnadenlose Big Bike-Power, die dich bei einem unachtsamen Dreh am Gasgriff über den Lenker wirft.Wie ihr Erscheinungsbild vermuten läßt, ist die GSX-R 600 technisch mit dem 750er »R«-Modell weitgehend identisch. Die augenfälligsten Unterschiede betreffen das Fahrwerk: ein schmalerer Hinterradreifen (180/55) auf schmalerer Felge (5,5 Zoll), eine kürzere Hinterradschwinge (ohne Verstrebungen), die den ohnehin schon knappen Radstand der 750er um weitere zehn Millimeter schrumpfen läßt, eine konventionelle 45-Millimeter-Gabel ohne Verstellmöglichkeit der Druckstufendämpfung, Vier- statt Sechskolbenbremszangen am Vorderrad.Sieht man vom Lenkerschlagen ein- und ausgangs der Hochgeschwindigkeitspassage ab, macht das Chassis GSX-R 600 auf dem Las Vegas-Speedway eine sehr gute Figur: spurstabil in langgezogenen Kurven, beim Umlegen gefühlsmäßig noch ein wenig handlicher als die 750er, mit feinsinnig ansprechenden Federungselementen, mit einer Hinterradaufhängung, die es gestattet, den Grip der für die Tests aufgezogenen Dunlop D 346-Rennreifen beim Bescheunigen aus der Kurve voll zu nutzen, und mit einer Schräglagenfreiheit, die auf öffentlichen Straßen Bodenkontakt nur im Fall eines Sturzes denkbar erscheinen läßt.Die Vorderradbremse, wegen ihres langen Leerwegs am Hebel zunächst gewöhnungsbedürftig, ist der Hitze des Rennstreckengefechts voll gewachsen: kräftig zupackend, gut dosierbar und immun gegen Fadingerscheinungen. Fadingerscheinungen körperlicher Art hervorzurufen gehört im Prinzip zum Repertoire der GSX-R 600. Die ziemlich radikale Sitzposition hinter den tief angeklemmten Lenkerhälften taugt nicht für zähes Dahinkriechen im Stadtverkehr und auf verstopften Landstraßen, ist aber genau richtig für schnelles, konzentriertes Fahren: Mehr als sechs Stunden »Kreisverkehr« auf dem Las Vegas-Kurs haben bei mir jedenfalls keine bleibenden körperlichen Schäden hinterlassen.Der Motor der GSX-R 600 kann seine Abstammung vom 750er GSX-R-Triebwerk nicht verleugnen: gleiche Schale, gleicher technischer Kern. Weniger Bohrung (5,5 Millimeter), weniger Hub (1,5 Millimeter), kleinere Vergaser (36,5 statt 39 Millimeter Durchmesser), weniger Leistung - das sind die wesentlichen Unterschiede. Weniger Leistung heißt nicht wenig Leistung: Suzuki verspricht 110 PS, und angesichts der gebotenen Fahrleistungen gibt es keinen Grund, an deren Vollzähligkeit zu zweifeln.Andererseits kommen auch keine Zweifel daran auf, daß der Motor seine Leistung aus »nur« 600 Kubik zaubert: Wer das Potential des Vierzylinders ausschöpfen will, darf keine Scheu vor munteren Drehzahlen haben. Wenn es richtig vorwärts gehen soll, sind mindestens 9500 Umdrehungen angesagt, und der letzte Kick setzt erst ein, wenn sich die Drehzahlmessernadel auf 13000/min zu bewegt. Daß die GSX-R auf der anderen Seite des nutzbaren Leistungsbandes keine Bäume ausreißt, kommt nicht überraschend und ist auf der Rennstrecke nicht von Belang: Im unteren Drehzahldrittel wirkt der 600er eher lustlos, im mittleren Bereich macht er Dienst nach Vorschrift - gefühlsmäßig auf Klassenniveau.Wie die GSX-R 600 tatsächlich im Klassenkampf bestehen wird, kann erst ein direkter Vergleich zeigen. Fast noch interessanter ist aber vielleicht die Frage, ob die GSX-R 600 vielleicht sogar die bessere 750er ist - ganz im Ernst.

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