Fahrbericht Triumph Speed Four Die zweite Chance

Jeder verdient sie. Hat Triumph die Probleme mit seinem 600er-Vierzylinder gelöst? Erste Fahreindrücke der Speed Four aus Spanien.

Kein Tarnen und Täuschen, statt dessen nüchterne Selbstkritik: »Die spitze Leistungscharakteristik der TT 600 war bislang das Problem«, sagt Ross Clifford, Marketing-Direktor von Triumph. MOTORRAD erlebte das während des 50000-Kilometer-Tests des Supersportlers hautnah mit. Triumph ließ nichts unversucht, dem extrem kurzhubigen Triebwerk Manieren beizubringen. Mehrmals änderten die Engländer die Programmierung der Zündung und der Saugrohreinspritzung, 2001 spendierten sie andere Nockenwellen und den Auspuffkrümmern Interferenzrohre. Verbesserungen in homöopathischen Dosen, der große, der entscheidende Durchbruch blieb allerdings aus.
Die Speed Four, das Naked Bike auf Basis der TT 600, soll das nun alles besser beherrschen. Viel besser. Sagt Triumph. Na klar. Und das berühmte englische Essen schmeckt jetzt auch formidabel, das Bier ist nicht mehr warm und schal, das Wetter auf der Insel ab sofort immer schön sonnig.
Cartagena, Südspanien. Da stehen die Chance auf Sonne tatsächlich gut. Am 16. März 2002 nicht. Tag der Wahrheit für die Triumph Speed Four. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Aufsitzen. Eins zu eins TT 600-Ergonomie. Kompakte Sitzhaltung, aber nicht unbequem, wie sich das für ein klassisches, unverkleidetes Sportmotorrad gehört. Ein kurzer Druck auf den E-Starter, der Vierzylinder erwacht, läuft rund und ohne zu murren. Gang einlegen, losfahren. Einfach so. Der Motor wirkt wie ausgewechselt. Nach kurzer Warmlaufphase wählt der spanische Tourguide eine erfrischend zügige Fahrweise. Schnell durch die gut und sauber schaltbaren Gänge gesteppt, der Fuß sucht instinktiv nach der nächsthöheren Fahrstufe. Fehlanzeige. Es gibt nur sechs. Netter Trick, da haben die findigen Engländer die Übersetzung gekürzt. Nein, die Triumph-Techniker schwören heilige Eide: 100 Prozent TT 600, kein klitzekleines Zähnchen mehr am Kettenrad.
Umso erstaunlicher, wie der Motor antritt. Bereits ab 5000/min schiebt er druckvoll los, geht dabei weicher ans Gas, die Lastwechselreaktionen sind geschmeidiger als bei der vollverschalten Schwester. Das alles fühlt sich nach kerngesunden 98 PS (72 kW) an. Subjektiv erinnert einen das Triumph-Triebwerk an den Motor der Yamaha YZF 600 R Thundercat, viel gelobt für seinen Punch im mittleren Drehzahlbereich. Klasse, wie sich die Änderungen am Speed Four-Motor auswirken. Triumph verwendet unter anderem neue Nockenwellen, die für zahmere Steuerzeiten sorgen, änderte das Kennfeld der Zündbox und verlängerte die Ansaugtrichter von Zylinder zwei und drei um zehn Millimeter. Ein größerer Kolbenbolzenversatz trägt zu mehr Laufruhe bei, trotzdem wirkt das Triebwerk keinesfalls weichgespült.
Das Fahrwerk? Hervorragend. Wenig verwunderlich, es stammt ja auch von der TT 600. Ohne Abstriche. Im letzten 600er- Vergleichstest (Heft 6/2001) lag die Triumph damit ganz weit vorn. Die toll abgestimmten Kayaba-Federelemente bieten einen praxisgerechten, hervorragend nutzbaren Einstellbereich. So lässt sich schnell ein feiner Kompromiss zwischen Stabilität und Komfort für die Landstraße finden. Ihre wahren Qualitäten zeigt die Speed Four dann auf der trickreichen Rennstrecke von Cartagena. Wo viele ihrer günstigeren Naked Bike-Konkurrentinnen schnell an Grenzen stoßen, fängt der Spaß mit der eigenwillig gestylten Engländerin erst richtig an. Zwei, drei Klicks mehr Druck- und Zugstufendämpfung, schon kristallisiert sich eine passable Abstimmung fürs fröhliche Angasen heraus. Ein ums andere Mal beeindruckt die Speed Four mit ihrer Handlichkeit, auch bei hohem Tempo lässt sie sich zielgenau einlenken. Ein Lob für die Wahl der Erstbereifung: der Bridgestone BT 010 harmoniert prima mit der Engländerin. Ihre Bremsanlage gehört zum Besten, was derzeit in der 600er-Supersport-Liga zu haben ist. Genau die richtige Mischung aus Biss und Dosierbarkeit, dazu erfordert sie nur geringe Handkraft. Überhaupt stresst die Speed Four nicht im Geringsten. Sie glänzt mit einer lässigen Fahrbarkeit, lässt einem genügend Zeit, sich auf die Linie zu konzentrieren und am eigenen Stil zu feilen. Auch auf der Rennstrecke begeistert der Leistungswille des Triebwerks. Zwar beißt der Vierzylinder über 11000/min nicht gar so gierig wie eine Yamaha YZF-R6 oder eine Suzuki GSX-R 600, doch mit ihrem neu gewonnenen Schub ab 7000/min lassen sich ab dem Kurvenscheitelpunkt mächtig Meter machen.
Wie gut die wundersame Heilung des »Englischen Patienten« wirklich gelungen ist, kann erst ein ausführlicher Top-Test in Deutschland zeigen. Darauf müssen alle Triumph-Fans – und solche, die es werden wollen – leider noch ein wenig warten. Ein Großbrand im Werk Hinckley legte die gerade angelaufene Produktion der Speed Four auf unbestimmte Zeit lahm.

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