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Triumph Thunderbird Commander/LT im Fahrbericht Probier's mal mit Gemütlichkeit

Sinnliches Dahinbollern auf zwei Rädern entwickelt sich immer mehr zum Lifestyle. Klar, dass die Briten in diesem Markt weiter mitmischen wollen. Mit der Triumph Thunderbird Commander/LT stellen sie die Thunderbird-Baureihe nun deutlich muskulöser und touristischer auf.

So ein Cruiser ist nicht jedermanns Sache. Verständlich, denn hier trifft viel Masse auf eine niedrige Sitz­höhe, einen langen Radstand und geringe Schräglagenfreiheit. Rational betrachtet, macht diese Konstruktion wenig Sinn. Aber Vorsicht! Wer jetzt zustimmend nickt, sollte mal flott in die heimische Garage schlendern und sich fragen, wie viel Sinn es macht, sich einen frontgetriebenen Mini-SUV zu kaufen? Genau, hier geht es nicht um Sinn, sondern um Sinnlichkeit! Und wenn man ehrlich ist: Neben dem SUV würde sich so eine fette Triumph Thunderbird LT oder eine martialische Commander richtig gut machen, oder?

Letztere sieht mit ihren markanten Doppelscheinwerfern nicht nur mächtig aus, sondern taugt auch dem Papier nach zum Protzen. Schließlich pulsiert in ihr, wie auch in der Triumph Thunderbird LT, der weltgrößte Reihenzweizylinder im Motorrad-Serienbau. Üppige 1699 Kubikzentimeter Brennraum stehen zur Dampferzeugung bereit und bieten zwei handtellergroßen, geschmiedeten Kolben mit einem Durchmesser von über zehn Zentimetern Platz zum Stampfen. Der 270-Grad-Kurbelwellenversatz und die daraus resultierende unrhythmische Zündfolge erzeugen dabei einen massierenden V2-Sound, der die schiere Urgewalt mit bis zu 151 Newtonmeter klanglich untermalen soll.

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Neu konzipierter Brückenrahmen aus Stahl

Weil bloße Kraft kein Kunststück ist und man das Triebwerk, die Übersetzung und den Riemenantrieb bereits aus der Thunderbird Storm kennt, war Triumph auch darüber hinaus fleißig. So wurde der Brückenrahmen aus Stahl neu konzipiert und auf eine niedrige Sitzposition und einen tiefen Schwerpunkt hin optimiert. Der Motor fungiert fortan als tragendes Element. Entsprechend musste die Airbox, aber auch die Schwinge modifiziert werden. Neu ist die massive Showa-Telegabel mit 47 Millimeter Durchmesser, deren Gleitrohre eine feine Edelstahlabdeckung ummantelt. So schuf man zusätzlich Raum, um allerlei Kabel und Bowdenzüge dezent aus dem Blickfeld des Fahrers zu räumen. Man muss schon pingelig sein, um hinter den Abdeckungen der Triumph Thunderbird noch ein paar bunte Kabel zu entdecken.

Die Stereo-Federbeine beherbergen wie auch die Gabel vergleichsweise lange Federn, womit das Fahrwerk sehr schluckfreudig sein soll, ohne es an ausreichender Stabilität mangeln zu lassen. Ein Mangel an optischer und haptischer Detailarbeit herrscht auf jeden Fall nicht. Das lässt sich schon im Stand beurteilen. Egal wo man klopft: Was an der Triumph Thunderbird nach Metall aussieht, ist Metall.

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Triumph Thunderbird mit Lendenwirbelstütze

Zudem bieten Triumph Thunderbird Commander und Triumph Thunderbird LT ausreichend Gründe, um die heimische Garage selbst an verregneten Wintertagen aufzusuchen. Ob gefräste Kühlrippen, der verchromte Motordeckel, die polierte obere Gabelbrücke oder gar die fein verarbeiteten Standard-Hebeleien: Man kann sich an zahlreichen Details richtig glücklich sehen. Und selbst kurzes Platznehmen fördert die allgemeine Zufriedenheit. Laut Aussage Triumphs hat man noch nie länger an einem Sitzpolster ent­wickelt. Was sich während der Präsentation im kalifornischen San Diego nach purem Marketing anhörte, glaubt man nach 300 Meilen Testfahrt gern. Die eingearbeitete Lendenwirbelstütze macht das Kilometerabspulen zum puren Vergnügen, die feine Konturierung des Polsters wie dessen zwei­lagiger Unterbau passen zum Hinterteil wie eine bequeme Unterhose.

Erste Unterschiede zwischen den Modellschwestern offenbaren sich in der Ergonomie. Die Lenkerenden der Triumph Thunderbird LT ragen einen Tick weiter Richtung Fahrer, was die Sitzhaltung gegenüber der Commander bequemer ausfallen lässt. Auf Letzterer muss man entweder recht nah an den Tank heranrücken, um den Lenker mit leicht angewinkelten Armen umfassen zu können, oder man muss in Kauf nehmen, dass die Arme durchgedrückt werden und der Oberkörper in eine leicht gekrümmte Haltung gezwungen wird. Beide Varianten sind auf ihre Weise komfortabel. Im direkten Vergleich bietet die LT hier aber das aus­gewogenere Konzept.

Mit diesem Antrieb kann man auch Autos abschleppen

Die Triumph Thunderbird Commander steht auf Alu-Gussrädern mit Metzeler-Pneus (vorn 120/70 R19, hinten 200/50 R17). Die Modellschwester geht neben einer anderen Auspuffanlage serienmäßig mit edlen Speichenrädern, radialen Weißwandreifen von Avon (vorn 150/80 R16, hinten 180/70 R16), Ledersatteltaschen (vollständig abnehmbar), einem leicht zu entfernenden Windschild und dem zentralen Einzelscheinwerfer samt zwei Zusatzscheinwerfern an den Start.

Die verchromten Trittbretter mit austausch­barer Gummiauflage sind bei beiden identisch. Sie bieten nicht nur viel Stellfläche, sondern auch ein nettes Gimmick: Unterhalb von ihnen befinden sich austauschbare Schleifpads, die erfolgreich vor unschönen Kratzern schützen. Wer es drauf anlegt – das zeigte die ausgiebige Testfahrt –, hat die Schleifer allerdings bereits nach ein paar Tagen wilder Kurventurnerei runtergeschliffen. Denn trotz des hohen Gewichts von 348 kg (Commander) bzw. 380 kg (LT) lässt sich mit beiden herrlich flott über verschlungene, schmale Straßen wedeln.

Das Getriebe lässt sich dabei exakt bedienen, auch wenn es beim Gangwechsel in unregelmäßigen Abständen ganz schön knallt. Die Kupplungsbetätigung benötigt eine noch akzeptable Handkraft. Darf das Triebwerk aus tiefer Drehzahl loslegen, hämmert jede Verbrennung eine mächtige, entzückende, aber keineswegs zu laute Schallwelle aus den zwei Endtöpfen. Die Triumph Thunderbird LT wirkt subjektiv sogar einen Tick lauter, was vermutlich auf den Schutz durch den Windschild zurückzuführen ist. Trotz der niedrigen Drehzahl legt der Antrieb kontinuierlich und ohne Schluckauf an Leistung zu. Wer das Gas bis 3550 Umdrehungen stehen lässt, den katapultiert es mit bis zu 151 Newtonmetern vorwärts. Bei 5400 Touren wuchtet der Twin maximal 94 PS an die Kurbelwelle. Zweifellos: Mit diesem Antrieb kann man auch Autos abschleppen – oder den eigenen Mini-SUV, falls er sich mal festgefahren haben sollte.

Dass das Triebwerk dabei weder ausgeprägte Lastwechselreaktionen noch harsches Ansprechverhalten zeigt, beweist die gelungene Abstimmung. Mit steigender Drehzahl lässt der akustische Reiz des Twins zwar nach, dafür halten sich dank zweier Ausgleichswellen Vibrationen über den gesamten Drehzahlbereich zurück.

Fahrwerk schluckt tatsächlich jede Bodenwelle

Und das Fahrwerk? Das macht seine Sache prima. Es schluckt tatsächlich jede Bodenwelle. Nur harte Querfugen werden unfil­triert an den Fahrerrücken weitergegeben. Dafür überzeugt es mit ausreichender Stabilität, selbst bei etwas engagierterer Fahrweise. Die erstaunliche Handlichkeit der Maschine paart sich dabei harmonisch mit dem neutralen Lenkverhalten. Lediglich in schnellen Kurven spürt man, wie die Masse Richtung Kurvenausgang schiebt. Sollte man mal zu flott unterwegs sein, darf man sich auf die Vierkolben-Bremsanlage von Nissin inklusive ABS verlassen. Diese verzögert wirklich klasse, verlangt im Ernstfall allerdings ein kräftiges Zupacken.

Wer es zukünftig mit dem genussvollen Dahinbollern probieren möchte und es sich an verregneten Wintertagen gern in der heimischen Garage gemütlich macht, bekommt mit beiden neuen Thunderbird-Modellen einen prima Partner zur Seite gestellt. Dass dieser Partner seinen Preis hat, sollte man jedoch wissen.  

Technische Daten Triumph Thunderbird Commander (LT)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei Ausgleichswellen, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Einspritzung, Ø 42 mm, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 540 W, Batterie 12 V/18 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen, Sekundärübersetzung 2,214.

Bohrung x Hub 107,1 x 94,3 mm
Hubraum 1699 cm³
Verdichtungsverhältnis 9,7:1
Nennleistung 69,0 kW (94 PS) bei 5400/min
Max. Drehmoment 151 Nm bei 3550/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Ø 47 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Doppelschei­benbremse vorn, Ø 310 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 310 mm, Doppelkolben Schwimmsattel, ABS. Alu-Gussräder (Speichenräder mit Alufelgen)3.50 x 19; 6.00 x 17 (3.50 x 16; 5.50 x 16)

Reifen 120/70 R 19; 200/50 R 17 (150/80 R 16; 180/70 R 16)

Maße + Gewichte
Radstand 1665 mm, Lenkkopfwinkel 59,9 Grad, Nachlauf 135 (133) mm, Federweg v/h 120/109 mm, Sitzhöhe 700 mm, Leergewicht 348 (380) kg, zulässiges Gesamtgewicht 580 (600) kg, Tankinhalt 22,0 Liter.

Garantie zwei Jahre
Farben Rot, Schwarz (Blau/Weiß, Rot/Schwarz)
Preis 16.540 (17.740) Euro
Nebenkosten 450 Euro

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