Fahrbericht Yamaha MT-01 Leben zwischen 2 und 3

Mehr als 3000 Umdrehungen sind bei der neuen Yamaha für zügiges Kurvenkratzen eigentlich überflüssig...

Foto: Jahn
Neulich erklärte der MOTORRAD-Techniker einem Praktikanten die Bedeutung des Wortes Drehmoment: »50 Newtonmeter Drehmoment muss man aufbringen, um über eine 20 Zentimeter dicke Rolle
per Seil zwei Sack Zement, also 50 Kilogramm, hochkurbeln.« Zum Vergleich: Um ihre Drehmomentspitze von 50 Newtonmeter zu bringen, muss die Kurbelwelle der 650er-Honda Deauville 6600-mal rotieren.
50 Newtonmeter schüttelt die neue Yamaha MT-01 schon im Standgas aus dem Ärmel. Gleich nachdem der Anlasser die enorme Kurbelwelle ins Rotieren gebracht hat, könnte man theoretisch ein
Seil um den Kurbelwellenstumpf der
MT-01 wickeln und zwei Sack Zement im Standgas, also etwa mit 850/min, hochziehen. Und das, ohne die Drosselklappen über den Gasgriff auch nur ein, wie es
auf Schwäbisch heißt, Muckeseggele (deutsch: Hauch eines Millimeters) zu
öffnen. Das Drehmomentgebirge wächst weiter: 100 Nm bei 1200/min, 140 Nm bei 1900/min, 150 Nm bei 3750/min. Diese Spitze, markiert endlich auch den maxi-
malen Punch des extraordinären Sportlers.
Als die Design-Studie der MT-01 vor fünf Jahren auf der Tokyo Motor Show
präsentiert wurde, war die Resonanz der Messebesucher so riesig, dass Yamaha
einen kleinen Stab von Technikern abstellte, der dieses Projekt möglichst original-
getreu realisieren sollte. Es ist geglückt. Yamahas erstes Drehmoment-Sport-Bike, der gewagte Mix aus einem fetten V2-Cruiserherz im kurventauglichen Chassis, wurde den Journalisten am 6. November zum ersten Mal in freier Wildbahn präsentiert.
Der erste Eindruck ist imposant. Mächtig wie eine Statue verharrt das vollgetankt rund 260 Kilogramm schwere Bike auf dem filigranen Seitenständer. Edelstahlkrümmer schlängeln sich in die beiden hoch neben der Sitzbank positionierten Titanschalldämpfer. Wie eine Welle überspült der recht flache und geschwungene Tank den kolossalen Motor, ein 105 Kilogramm schweres Antriebsungetüm, das auf den ersten Blick wie der Triebwerks-Zwilling der Road Star Warrior wirkt. Dieser Eindruck wird umso mehr bestärkt, als die meisten Eckdaten des 1670 cm3 großen Zweizylinders übereinstimmen. Trotzdem: Die Techniker des Teams um den japanischen Projektleiter Tominaga-San werden nicht müde zu betonen, dass 90 Prozent aller Bauteile des ursprünglichen Warrior-Antriebs für den Einsatz in der MT-01 überarbeitet oder komplett neu konzipiert
wurden. Immerhin hat der V2 dabei rund 20 Kilogramm abgespeckt.
Bitte Platz nehmen. Der Oberkörper ist leicht nach vorn gebeugt. Der konifizierte, breite Lenker liegt gut in den Händen.
Für Menschen zwischen 1,65 und 1,90 Meter stimmt der Kniewinkel, die Sitzbank ist recht breit und komfortabel. Ein letz-
tes Durchatmen. Vorfreude. Anlasserknopf. Zwei, drei erschöpfte Umdrehungen, die man förmlich mitzählen kann. Dann endlich: Eruptionen. Aus den zwei Megaphonen am Heck hallt gezügeltes Donner-
grollen, zwischen den Beinen pulsiert
gigantomane Präzisionsmechanik. Zwei 97er-Kolben pfeifen über 113 Millimeter Strecke. Ellenlange Stoßstangen übertragen die Impulse der zwei unten liegenden Nockenwellen auf die Kipphebel. Selbst die abgespeckte Kurbelwelle wiegt noch fast 19 Kilogramm. Nein, in diesem 48-Grad-V2 ist nichts filigran. Das spürt man. Und das ist gut so.
Zwei Gasstöße. Rasch hintereinander. Zornig grollt es aus den Tüten, gierig schnellt die Drehzahl in die Höhe. Jedes spontane Öffnen der beiden Drossel-
klappen teilt sich in etwa so mit, als würde man einen dösenden Drachen mit dem Speer wecken. Wie nur haben es die Sound-Designer geschafft, dem sagenhaft dumpfen, satten Klang der MT-01 einen TÜV-Stempel abzutrotzen? Liebe neidische Italiener, liebe stolze Amerikaner, schreibt euch die Namen derer auf die
Abwerb-Liste. Allein der Sound der MT
ist die Sünde des Kaufpreises von 13295 Euro wert.
Also los. Erster Gang, klonk. Zweiter, dritter, vierter, fünfter. Schaltvorgänge erfordern Nachdruck. Lastwechsel sind spür-
bar. Ab 2000/min kann der Vollgasbefehl in jedem Gang bedenkenlos erteilt werden. 1670 cm3 in Verbindung mit drehmoment-
steigernden Feinheiten wie variablem,
per Unterdruck gesteuertem Ansaugquerschnitt und Exup-System, bei dem ein Stellmotor den Querschnitt des Auspuffs verändert, garantieren gespenstischen Durchzug schon bei niedrigsten Drehzahlen. Da ruckelt nichts. Kein widerwilliges Schütteln. Keine hässlichen, schlagenden, metallischen Geräusche. Nur mächtiges Pulsieren, ein scheinbar aus jahrelanger Kerkerhaft befreiter Geist, der sich immens über Freiheit und Fahrtwind freut. Yamahas Presselyrik beschreibt dieses Pulsieren des Antriebs als »Kodo«, gleichbedeutend mit der Atmosphäre, die der Taktschlag großer japanischer Trommeln verbreitet. Ein Rhythmus, der in den Herzen der Zuhörer, in diesem Fall des Fahrers, widerhallt.
Genug philosophiert. Am Ende der langen Geraden lauert die erste 180-Grad-Kehre. Und damit auch grenzenlose
Neugier. Bisher hat es nur Buell gewagt, einen gigantischen, schwungmassigen
Antrieb in ein Straßenchassis zu verpflanzen. Das Manko: Bikes mit großen rotierenden Motormassen lieben Geradeausfahrt. 1200er-Buells müssen förmlich in Schräglage gezwungen werden. Zur großen Überraschung ist das bei der MT-01 nicht der Fall. Die Kehre rauscht heran. Sehr
wirkungsvoll und perfekt dosierbar lässt sich die Geschwindigkeit über die vorderen, radial verschraubten Bremssättel – baugleich mit denen der YZF-R1 – drosseln. Satt führt die Upside-down-Gabel das Rad am Boden, taucht nicht zu tief ein und liefert sehr gutes Feedback. Präzise, ja für ihr Gewicht sogar enorm handlich, klappt die MT-01 über ihre Metzeler-ME Z4-Bereifung in Schräglage und bleibt der Ideallinie treu. Zumindest, so lange keine gröberen Bodenwellen auftauchen. Denn solcherart Belagunruhen leitet der breite 190er-Schlappen ins sportlich straff abgestimmte Fahrwerk. Die MT kippelt. Zudem könnte die Grundabstimmung des Federbeins ruhig etwas softer ausfallen. Sensibles Ansprechen ist nicht seine Stärke.
Der Scheitelpunkt der Kurve ist erreicht. Vor dem digitalen, runden Kombiinstrument taucht eine kurze Gerade auf. Dritter Gang, 70 km/h, 3500/min. Gasgriff leicht drehen. Doch leicht ist schon zu viel. Mir nichts, dir nichts schnalzt die Drehzahl hoch. Die Fuhre
katapultiert sich aus der Schräglage heraus und zoomt sich der nächsten entgegen. Nur wer wirklich sehr zügig unterwegs
sein will, sollte Drehzahlen zwischen 3500
bis zum roten Bereich bei 5500/min abrufen. Hier findet der leistungssportliche Teil des Drehmoment-Sport-Bikes statt.
Manko: Knapp nach der Höchstleistung von 90 PS bei 4750/min dreht
der Motor etwas zäher. Ist aber irgendwie egal. Die Drehmomentgewalt des 1670ers ermöglicht es, den Geschwindigkeitsbereich zwischen null und 210 km/h Topspeed innerhalb von 4500/min abzudecken. Ohne gravierende Durchzugsschwäche. Ohne dass der bei 5800/min einsetzende Begrenzer jemals seiner Bestimmung nachkommen müsste. Ihre schönste Muskelkraft und damit auch der Bereich, in dem Kurven geschmeidig durchsurft werden, zeigt die MT-01 zwischen 2000 bis 3000/min. Warum? Erstens Kodo, zweitens Sound. Drittens Macht. Dieser Drittel-
mix aus titanischem Drehmoment, sattem Auspuffgrollen, gierigem Luftschlürfen aus der Sieben-Liter-Airbox und erbarmungslosem Vortrieb ist derzeit einzigartig auf dem Motorradmarkt. Zudem ist die MT-01 hochwertig verarbeitet, sehr sexy und
trotz ihrer immensen Power leicht beherrschbar.
Womit wir bei der Kernfrage angelangt sind: Wer soll dieses Motorrad kaufen? Yamaha sagt: diejenigen, die schon alles in ihrem Leben hatten. Aber wie viele sind das tatsächlich? 1300 Exemplare werden ab Februar bei deutschen Händlern stehen, rund 8000 in ganz Europa. Zu viel?
Zu wenig? Die MT-01 wird sowohl sportlich als auch touristisch angehauchten Fahrern wie auch Cruiserfans oder Liebhabern
des Besonderen gerecht. Und wer weiß, vielleicht öffnet auch der ein oder andere Baugeschäft-Besitzer sein Geldsäckel. Denn notfalls könnte der MT-Motor als Winde fungieren und sechs Säcke Zement gleichzeitig hochziehen.

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