Fahrbericht Yamaha MT-03 Kodo, der dritte

...kommt in diesem Fall nicht aus der Sternenmitte, sondern aus Italien. Die MT-03 wird bei Belgarda-Yamaha am Gardasee produziert und soll den Beat der MT-Serie, das Kodo der japanischen Trommler, nun auch im Einzylindersegment einführen.

Foto: fact
Herbert Grönemeyer singt in einem seiner Songs: »Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, ...erst dann vergisst sie, dass sie taub ist...« Musikexperten bezeichnen die musikalische Umsetzung von Vibrationen in ein Rhythmus- oder Soundgefühl als drittes Ohr. Dessen bedient sich auch Yamaha. Werbewirksam setzt die Marke mit den drei Stimmgabeln bei ihren Bikes der MT-Serie auf Kodo, den tief
im Magen spürbaren Beat der japanischen Trommler. Den sollen die MT-Bikes wie
keine anderen zuvor erzeugen und auf
ihre Fahrer übertragen. Die MT-03 ist nach der MT-01 das zweite Modell der Sport-
Roadster-Serie. Und was ist mit der MT-
02? Darauf antworten alle Yamahaner nur mit einem Schulterzucken. 1100 cm3, Ex-
VX-Antrieb? Mutmaßungen sind erlaubt.
Wie ihre großvolumige, zweizylindrige Schwester wurde die MT-03 von einer
Designstudie abgeleitet. Im Vordergrund der Entwicklung standen neben deren
optischer Umsetzung vor allem eine außer-
gewöhnliche fahrdynamische Agilität und Handlichkeit. Das meint man schon beim ersten Kontakt zu spüren. Moderate 805 Millimeter Sitzhöhe, ein breiter Lenker,
perfekter Knieschluss; sofort stellt sich
das Gefühl ein, alles im Griff zu haben.
Das wird verstärkt durch den kurzen Tank,
den Lenker, der nah am Körper ist, und
extrem freie Sicht nach vorn – da ist
einfach nichts. Weil der Scheinwerfer der MT-03 extrem flach baut, das Cockpit sehr zierlich ist, kann man das Vorderrad förmlich beim Rotieren beobachten.
Diese Lockerheit, die gefühlte Leichtigkeit des Seins setzt sich beim Losfahren fort. 192 Kilogramm soll die Maschine
laut Yamaha vollgetankt und fahrbereit wiegen. Nicht gerade wenig für einen
Single – trotzdem lässt sich die MT-03
sehr leicht dirigieren. Lenkimpulse wer-
den widerstandslos umgesetzt. Auch die
Gänge flutschen förmlich in ihre Rastung.
Jeder Schaltvorgang bedarf nur eines
geringen Kraftaufwands, die Rastung jedoch könnte ein wenig mehr Feedback
liefern. Ein verzeihliches Manko, bekannt von den beiden XT-Modellen, der Enduro sowie der Supermoto. Deren wasser-
gekühlter, 660 cm3 starker Einzylinder verrichtet auch in der MT-03 seinen Dienst.
Im Roadster kommt neben der opulent
gestylten Auspuffanlage eine neue Programmierung des Motormanagements mit geänderten Kennfeldern zum Einsatz. Zudem wuchs das Volumen der Airbox
auf 6,9 Liter gegenüber 6,7 Liter bei der XT. Trotzdem ist der Output geringer:
Statt 48 PS bei 6000 Umdrehungen stemmt die MT-03 bei gleicher Drehzahl »nur« 45 PS und springt wie die XT »nur« über die Euro-2-Abgashürde. Auch der Drehmomentpeak liegt mit 56 zwei Newtonmeter unter dem der XT.
Der Fahreindruck ist allerdings anders. Sehr sauber und weich hängt der Single am Gas. Die Abstimmung ist bestens geglückt. Kein Geruckel, kein Verschlucken. Jeder Dreh am Griff wird spontan in
Vortrieb umgesetzt, der Vierventiler wirkt nie träge und dreht locker, bis der Be-
grenzer bei 7800/min beißt. Dann stehen im letzten Gang rund 170 km/h auf dem Tacho. Die geringen Leistungseinbußen gegenüber den XT-Schwestern macht die MT-03 durch ihre kürzere Sekundärübersetzung (47 zu 15 anstatt 45 zu 15) wett. Zwischen 4500/min und 6000/min ist das meiste Feuer unterm Dach. Da paart sich Drehfreude mit Kraft, grollt es am schönsten aus den zwei dicken Rohren, kommt das lobgepriesene Kodo am prägnantesten rüber. Der Puls aus Einzylinderschlag, massierenden Vibrationen und Sound ist bestens gelungen.
Und das bereits bei niedrigen Dreh-
zahlen. Touristisch entspanntes Gleiten macht ebenso viel Laune wie behändes Wedeln durch innerstädtisches Verkehrsgewühl oder knackiges Radiensurfen auf kleinsten Straßen. Übrigens: Das Gefühl, den Windungen und Wirrungen einer
Achterbahn leichtfüßig folgen zu können, verströmt kaum ein Motorrad so intensiv wie die MT-03. Hier machen sich der mit 1420 Millimeter sehr geringe Radstand, die aktive Sitzposition und die ausgewogene Gewichtsverteilung bemerkbar – die Maschine ist ultrahandlich.
Rucki, zucki fliegt die MT-03 durch Wechselkurven, lässt sich mühelos umlegen, einlenken. Wirkt aber in manchen
Situationen ein wenig kippelig, vermutlich wegen des kurzen Radstands. Die Gabel wie auch die Bremsanlage wurden von der FZ6 nahezu unverändert übernommen und meistern jegliche Fahrzustände. Zwei Doppelkolben-Schwimmsättel verbeißen sich vorn in 298er-Scheiben. Hinten unterstützt von einem Schwimmsattel mit 245er-Scheibe. Die vordere Bremse verlangt bei der Betätigung nach drei Fingern und ist sehr gut dosierbar sowie äußerst effektiv.
Fahrwerksseitig schlägt Yamaha, zumindest was das Design betrifft, eine
ganz neue Richtung ein. Das direkt an der Schwinge angelenkte Federbein stützt sich in Fahrtrichtung rechts neben dem Motor am Rahmen ab. Ein Gag, der Exklusivität ausstrahlt. Und nebenbei den Weg für
eine aufwendig verlegte Auspuffanlage frei macht: Die Krümmer münden unterhalb der zweigeteilten Sitzbank in einen Sammler, der die Abgase in zwei dicke Endschalldämpfer entlässt. Die Fahrwerks-
abstimmung geriet sportlich straff. 130 Millimeter Federweg vorn und 120 hinten halten gröbste Stöße vom Fahrer fern und sorgen dafür, dass die Räder satt auf der Straße rollen. Und bis Landstraßenkate-gorie zwei stellt sich auch so etwas wie Komfort ein. Beide Bereifungsvarianten Dunlop D 270 und Pirelli Scorpion Sync sind ausschließlich auf Straßenbetrieb ausgelegt und rollen in den Dimensionen 120/70-17 und 160/60-17 auf neu konstruierten, leichten Fünfspeichen-Alu-Rädern. Der Pirelli vermittelt einen etwas handlicheren Eindruck als der Dunlop.
Was will die MT-03 sein? Yamaha schreibt von einem völlig neuem Fahrgefühl zwischen Supermoto und Roadster: »...ein sehr spezielles Einzylindermotor-
rad für Individualisten.« In der Tat vereinen
sich hier das spielerische Handling einer Supermoto-Maschine mit denen Eigenschaften eines Straßenbikes. Doch 45 PS sind keine Leistung, mit der man prahlen kann. Das Design allerdings überzeugt. Abgesehen von Schalt- wie Fußbremshebel und Cockpit auch die Verarbeitung. Der deutsche Importeur ist zuversichtlich und hat rund 1000 Exemplare des 6695 Euro teuren Individualisten-Bikes geordert. Sie stehen in wenigen Tagen, ab Mitte De-
zember, beim Yamaha-Händler. Na dann,
vielleicht kommt der Weihnachtsmann in diesem Jahr bei einigen noch mit einem unerwartetem Trommelwirbel.

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