Fahrbericht Yamaha Tricker Easy Going

»Viel hilft viel«, heißt es im Volksmund. Yamahas jüngstes City-Spielzeug Tricker hält ganz entschieden dagegen. Das Motto der Zukunft könnte »Reduce to the max” heißen.

Foto: Kirn
Vor 19 PS erstarrt niemand in Ehrfurcht. 19 Newtonmeter maximales Drehmoment lassen den Atem nicht stocken. Und trotzdem: Die Sache hat vom ersten Meter an einen gewissen Reiz. Yamaha hat das Trialen neu erfunden. Das Rezept: Kleiner 250-Kubikzentimeter-Zweiventil-Viertakt-Single, basierend auf der XT 250, drum herum lange Federwege, viel Bodenfreiheit und niedrige Sitzhöhe – fertig ist ein neues Trendgerät.

Das braucht natürlich auch einen neuen Namen: Tricker. Und ein neues Geschlecht. »Der«, nicht wie gemeinhin bei Motorrädern »die«. Trickers Stärke liegt in der Kunst des Weglassens. Mit allen angeneh-
men Nebeneffekten auch für gestandene Fahrensleute. Der willkommenste ist, dass der Tricker seinen Fahrer ernst nimmt. Ihn nicht bevormundet, keine Imperative wie tausendundein PS oder radikal radial verschraubte 16-Kolben-Zangen kennt. Er zwingt weder Stil noch Image auf. Er ist einfach da.
Alles andere liegt in der Hand der Fahrers. Egal, ob Stuntshow auf dem Parkplatz, Termintreue trotz Verkehrschaos oder gemütliche Motorradwanderung in den letzten Winkel. Der Tricker ist immer dabei.
Und von Anfang an fit. Auf-
sitzen, anlassen, wegfahren – die Bedienung gibt keine Rätsel auf. Okay, die mechanisch betätigte Gemischanreicherung unter dem winzigen Sechslitertank weist eindeutig auf eine nicht mehr ganz taufrische Antriebseinheit hin, aber die erscheint in diesem Kontext auch gar nicht nötig. Im Gegenteil, die zurückhaltenden Leistungsdaten sorgen im Zusammenspiel mit vollgetankt 120 Kilogramm Gewicht, berechenbaren und nicht übertrieben bissigen Bremsen, ultrakompakten Abmessungen und dem Wendekreis eines Fahrrads für
das Gefühl, alles im Griff zu haben und unter allen Umständen tun zu können, was man möchte. Eine Erfahrung, die in unserer hochtechnisierten Fahrzeugwelt beinahe abhanden gekommen ist.
Da kann plötzliches Ausweichen nötig sein, diffiziles Schlangeschlängeln oder rabiates Vollbremsen – der Tricker verkehrt diese urbanen Schreckensszenarien mit schöner Regelmäßigkeit ins Gegenteil. Eine Eigenschaft, die ihn eindeutig von der fahr-
dynamisch absonderlichen Rollergilde unterscheidet und selbst gesetzte Naturen in den jugendlichen Übermut treibt. »Freude am Fahren« würde BMW es wohl nennen, wenn man ein Fahrzeug an seine Grenzen treibt, um die
eigenen erfolgreich weiter zu verschieben.
Es passiert fast ungewollt. Kurz das nur
mit eineinhalb Bar aufgepumpte 19-Zoll-Vorderrad hochreißen, mit Schmackes über die Bordsteinkante und zwischen den Begrenzungspollern durch, danach noch die kleine Treppe hinunter und die nächste wieder hinauf, bevor am Supermarktparkplatz mit einem kräftigen Ruck am Lenker übermütig das Vorderrad gelupft wird, um danach direkt in den finalen Bremsdrift mit stehendem Hinterrad überzugehen. Anarchy for you and me!
Bevor nun Bedenkenträger einwenden, wie man denn sein Einkaufsgut transportieren wolle: Wofür gibt’s Rucksäcke? Und ein Helmschloss ist allemal vorhanden, genauso wie ein Zubehörprogramm vom Gepäckträger bis zum Motorschutz. Ach ja, und noch was für Wohnmobillisten und Naturliebhaber: Mit genau zwei
Meter Länge, 81 Zentimeter Breite und 113 Zentimeter Höhe passt der Tricker
locker in jeden Van. Mit 27 Zentimeter Bodenfreiheit über so manchen Baumstamm und mit einer versprochenen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h sogar auf die Landstraße. Nur zu lang sollten die Etappen nicht sein. Wegen der Reichweite und im Interesse einer eventuellen Begleiterin, denn die zweite Reihe ist
bestenfalls für Trips von der Disco – »zu dir oder zu mir?« – gemacht.
Womit wir wieder bei der Hauptzielgruppe wären. Die hätte sich an einer
Umsetzung der Hightech-Studien Tricker Pro oder Air Tricker (Motor vom Crosser YZ 250 F, Karbonrahmen) sicher mehr begeistert – aber sich diese noch viel
weniger leisten können. 4295 Euro sind ein stolzer Preis für simple Technik. Dazu muss der Tricker noch mit einem weiteren Handikap leben. Er ist mit seinem
Viertelliter Hubraum für 16-Jährige tabu. Doch Yamaha denkt bereits über einen 125er-Tricker nach. Für die coole Nummer auf dem Schulhof.

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