Fahrbericht Yamaha WR 250/450 F Volle Packung

Was bei den Crossern taugt, kann bei den Hard-Enduros nicht schaden. Deshalb pflügte MOTORRAD mit den brandneuen 2007er-Yamahas WR 250 und 450 mit Alu-Chassis durch die katalanischen Berge. Doch wie es der Teufel will, versinkt just am geplanten Testtag das fantastische Enduro-Gelände in Igualada, rund 40 Kilometer nördlich von Barcelona, im Dauerregen. Knöcheltiefer Schlamm, ausgespülte Wasserrinnen, lehmverschmierte Felsstufen. Einpacken? Von wegen. Nicht bei einem Hard-Enduro-Test. Denn Hard-Enduro fängt da an, wo eigentlich nix mehr geht. Na dann, Pobacken zusammengekniffen, die Gasrolle gespannt und ab durch die glibbrig zähe Brühe mit der WR 250 F. Was dem kleinen Viertakter mangels Drehmoment nicht unbedingt leicht fällt.
Trocken nur 106 Kilogramm schwer, freut man sich zwar an jedem Kilo, das man beim Kampf durch die Trialpassagen nicht stützen, schieben und durch die gerade mal lenkerbreiten Schneisen im Pinienwald wuchten muss. Leichtbau ist, da beißt die Maus keinen Faden ab, beim derben Enduro-Ritt die halbe Miete. Im klumpigen Lehmboden aber atmet der Einzylinder schwer, schreit mehr und mehr nach Drehzahl, weil der Viertelliter Hubraum im mittleren Bereich nicht die notwenige Kraft aufbringt. Es hilft nur Vollgas. Beim Schalten blitzschnell die Kupplung gezupft, um ja nicht Schwung und schon gar nicht Drehzahl zu verlieren.
Der große Auftritt der Kleinen kommt hoch oben im Fels, wenn die flinke 250er über kniehohe Stufen klettert, ohne zu stolpern. Den Motor haben die Yamaha-Techniker so getrimmt, dass er auch aus Standgasdrehzahl zuverlässig losrackert, die Fuhre mit satter Traktion und ohne wüst mit der Kette zu peitschen in luftige Höhen befördert. Anfangs noch nervös zwei Finger am Kupplungshebel, um bei einem abrupten »Patsch und aus« die Maschine vorm Kippen zu retten, lässt man das Triebwerk nach wenigen Kilometern lässig laufen. Den schmalen Tank fest zwischen die Knie gepresst, die Maschine aus der Hüfte dirigiert, schnurrt die WR 250 sicher und elegant durch noch so knifflige Passagen. Hauptsache, den Blick weit nach vorn, die kreuz und quer verlaufenden Spurrillen ignorieren und mit Schmackes laufen lassen, dann kann nichts schief gehen.
Die WR 250 F hat das geflügelte Wort der »Unstürzbarkeit« verdient. Auch deshalb, weil der seit Jahren bei den Yamaha-WR-Typen gepflegte Komfort und das flauschige Ansprechverhalten Kondition und Kraft sparen. Was sich logischerweise beim Sprint über ausgefahrene Cross-Pisten rächt. Hinten auf Block, vorn mit zu wenig Progression, kommen die Federelemente dann an ihre Grenzen. Das sollte der WR aber nicht angekreidet, sondern über den Einbau härterer Federn und einer angepassten Dämpfereinstellung individuell gelöst werden. Doch weil wir uns hier in engem, felsigem Geläuf vergnügen, ist die Abstimmung den Yamaha-Techniker mehr als gelungen.
Diese Feststellung lässt sich eins zu eins auf die große Schwester WR 450 F übertragen. Alu-Chassis, Tank und Plastikteile stimmen mit denen der Kleinen überein, und auch die Abstimmung zielt in die gleiche Richtung: Hard-Enduro statt derbes Motocross, kraftschonender Komfort statt bockelhartem Feder-/Dämpfer-Setting.
Obwohl man die Leichtigkeit der Kleinen zu schätzen gelernt hat, geht nichts über die bullige Kraft des WR 450-Singles. Tiefer Lehmboden, wenn es sein muss, selbst am wüsten Steilhang: Der 450er ackert durch. Mit reichlich Bums aus dem Keller, ohne deshalb auf Kette und Hinterrad einzuhacken, bleibt die WR sauber in der Spur, keilt nicht vor schierer Kraft und bockigem Cross-Fahrwerk aus. Erste Klasse, wie sich die 450er an den Felsstufen festbeißt, Ross und Reiter mit einem leichten Dreh am Gasgriff aus scheinbar ausweglosen Spurrillen ins freie Geläuf reißt. Für den rutschigen Untergrund sicherlich komplett übermotorisiert, aber wenn’s darauf ankommt ein exzellenter Enduro-Motor mit sanftem Antritt und spontaner Gasannahme. Durch die giftige Hinterradbremse und die geringe Schwungmasse ließ er sich bei der Schlittenfahrt über glitschige Steilhänge talwärts allerdings das ein oder andere Mal ausbremsen.
Bei trockenem, griffigem Boden dürfte das wohl kein Thema sein. Hier zählt die Stabilität und Rückmeldung des neuen Aluminium-Chassis. Das bringt sicher ein paar Gramm Gewichtsersparnis, im Motocross-Sport konnten die Leichtmetallrahmen jedoch nicht in jedem Fall überzeugen. Manche Exemplare erwiesen sich als ziemlich störrisch und unkomfortabel. Um für die Enduro verlässliche Aussagen treffen zu können, muss sich die spanische Sonne ins Zeug legen. Erst auf einer harten, zerfurchten Piste wird sich zeigen, ob die Ausrichtung auf Motocross-Technik für die Hard-Enduros der richtige Weg ist. wk

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